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Auftritt bei TV-Arzt Dr. Oz Die bizarre Donald-Trump-Gesundheits-Show

Andere legen 1000 Seiten Gesundheitsakten offen, er zwei: US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump
Andere legen 1000 Seiten Gesundheitsakten offen, er zwei: US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump
© Michael Reynolds/DPA
Er zeigt seine Krankenakte. Er zeigt sie nicht. Dann doch. Donald Trumps Auftritt in einer US-Fernsehshow war mal wieder ein bizarres Schauspiel.

Donald Trump ist schon länger nichts mehr peinlich. Auch nicht, dass er die Ergebnisse seiner ärztlichen Untersuchung im amerikanischen Mittagsfernsehen präsentiert. Und dann ausgerechnet einen der zwielichtigsten TV-Ärzte des Landes als Interviewer seines Vertrauens wählt.

Donald Trump setzt derzeit alle Regeln des Wahlkampfs außer Kraft. Er tut und lässt, was er will. Da sitzt er also mittags um 13 Uhr mit Dr. Oz zusammen. Der heißt in Wahrheit Mehmet Cengiz Öz und ist übrigens Muslim. Wollte Trump denen nicht kürzlich noch die Einreise in die USA verweigern? Aber egal. Heute soll es um die Gesundheit des republikanischen Kandidaten gehen. Oder vielleicht doch nicht? Bis kurz vor dem Auftritt Trumps hatte sein Wahlkampfteam noch dementiert, dass der Kandidat seine Gesundheitsdaten veröffentlichen werde. Und Dr. Oz versicherte schon Tage vorher, er werde Trump keine Fragen stellen, die der nicht hören wolle.

Viel Anbiederei bei Donald Trump

Was für eine Farce. Nach einigem freundlichen Geplänkel unter Jungs, und viel, viel Anbiederung von Oz, greift Trump schließlich in die Innentasche seines Jacketts. Zwei gefaltete Blätter Papier holt er hervor. Das ist sie also, die ganze Wahrheit über den Gesundheitszustand des 70-Jährigen. Worauf die ganze Nation seit Tagen gewartet hat. Dr. Oz freut sich erst Mal wie ein kleines Kind beim Auspacken von Weihnachtsgeschenken. Stottert vor sich her und tut so, als hätte er mit dieser Überraschung überhaupt gar nicht gerechnet. Als Schauspieler wäre er sicher nicht erfolgreich.

Dann macht der brav gescheitelte Oz leider sein Versprechen wahr, keine kritischen Fragen zu stellen. Detaillierte Angaben über Ergebnisse von Untersuchungen? Fehlanzeige. Nachfragen? Erklärungen? Stattdessen darf Trump flöten: "Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich einen 35-Jährigen. Ich fühle mich auch so." Trump gaukelt gekonnt Transparenz vor. Auch ein wenige Stunden vor der Ausstrahlung der aufgezeichneten Sendung veröffentlichtes Arztschreiben bleibt ähnlich oberflächlich. Ist der 70-jährige Trump wirklich fit genug für das Amt des amerikanischen Präsidenten? Keine Ahnung.

Arzt notierte nach Trumps Anweisungen

Verfasst hat die medizinischen Berichte übrigens Harold Bornstein. Das ist derselbe Gastroenterologe, der Trump vor einigen Wochen schon bescheinigte, er werde der "gesündeste Präsident aller Zeiten" sein. In einem wenig später veröffentlichten Interview gab er allerdings zu, das Attest damals innerhalb von fünf Minuten nach klaren Anweisungen von Trump geschrieben zu haben. Die Zweifel an seiner Expertise sind enorm, bei seinen Gesprächen mit mehreren TV-Sendern machte der Arzt einen deutlich wirren Eindruck.

Hat Trump nun also endlich geliefert, was er versprochen hatte? Genaue Angaben zu seiner Gesundheit? Nein, nicht wirklich. Auch wenn das mancher TV-Zuschauer nach der Sendung glauben mag. Ja, Dr. Oz wirkte begeistert von den Ergebnissen der letzten Untersuchungen. Vor allem, weil Trumps Cholesterin so niedrig sei. Dass Trump das nur durch die jahrelange Einnahme von Medikamenten schafft? Egal. Prostata und Blase sind in Ordnung. Erkältungen habe er auch nie. Trump ist deutlich übergewichtig, nahezu fettleibig. Ja, er könnte ein bisschen abnehmen. Zehn Kilo oder so vielleicht.

Kein Sport

Außerdem weiß Amerika jetzt sicher, dass Trump keinen Sport treibt. Seine Reden seien genug Bewegung, so der 70-Jährige. Vielleicht, weil er so viel mit den Händen wedelt? Aber Golf spielt er. Natürlich so gut, dass er gleich bei den Profis mitspielen könnte. Drunter macht es ein Donald Trump eben nicht. Überhaupt seien seine Fähigkeiten auf dem Green ein klarer Beleg dafür, wie gesund er sei. Wer so gut puttet wie er, muss geistig und körperlich in Topform sein. Trump meint diesen Unsinn Ernst. Wer genau hinschaut, der merkt, das sind alles Nebelkerzen, die der Präsidentschaftskandidat hier wirft.

Es ist mitnichten eine echte und vollständige Krankenakte, die Dr. Oz so stolz in der Hand hält. Es ist das Ergebnis einer einzigen Untersuchung, vorgenommen vor einer Woche. Und dazu die Daten einiger ausgewählter Untersuchungen in den Jahren davor. Nicht zu vergleichen mit dem, was zum Beispiel John McCain bei seiner Kandidatur für das höchste Amt der USA 2008 tat. Er veröffentlichte 1000 Seiten Unterlagen über seine Gesundheit.

Winziger Blick in seinen körperlichen Zustand

Das, was Trump zeigte, ist nur ein winziger Blick in seinen körperlichen Zustand. Eine echte und aussagekräftige Akte würde über Jahre alle Krankheiten, alle Arztbesuche und alle Untersuchungsergebnisse auflisten. Was ist mit all den anderen Ärzten, die er im Laufe seiner 70 Lebensjahre besucht hat? Was ließ Trump weg? Was wurde gelöscht? Egal. Für Trump läuft der Auftritt perfekt. Er fühlt sich sichtlich wohl. Schwärmt in Richtung Dr. Oz: "Ich komme mir vor, als würde ich meinen richtigen Arzt besuchen. Meine Frau ist übrigens ein großer Fan ihrer Sendung." Der Angesprochene kann vor Freude über dieses Lob kaum noch an sich halten. Die amerikanische Internetseite "Slate" nennt den Auftritt von Trump und Oz wenig später "ein Treffen gemacht im Himmel."

Warum Trump seine Akte nicht herausgibt, darüber wird seit Tagen vor allem auf Twitter spekuliert. Es geht hauptsächlich darum, welche schädlichen Geheimnisse der Milliardär verbergen könnte. Die derzeit wohl spektakulärste Vermutung kommt von einem Journalisten der Zeitschrift Newsweek. Der Reporter Kurt Eichenwald schrieb dort in einem inzwischen gelöschten Tweet: "Ich glaube Trump war 1990 wegen eines nervösen Zusammenbruchs in einem psychiatrischen Krankenhaus, deswegen veröffentlich er seine Krankenakte nicht."

Beweise bleibt Eichenwald allerdings bislang schuldig.

Arzt nimmt es mit Fakten nicht so genau

Nur eines ist sicher, Trump, der in der Vergangenheit höchst zweifelhafte medizinische Meinungen vertrat, hat sich mit Dr. Oz einen Gesprächspartner ausgesucht, der es mit harten Fakten auch nicht sonderlich genau nimmt. Der außerdem noch eingefleischter Republikaner ist. Deswegen wird er in amerikanischen Medien derzeit häufig als Trump-Klon nur mit Stethoskop bezeichnet. Ihn zu unterschätzen, wäre ein Fehler. Der 56-jährige Herzchirurg und Professor an der Columbie University ist extrem einflussreich. Seine "The Dr. Oz Show" wird in über 100 Ländern weltweit ausgestrahlt, er publiziert ein eigenes Magazin, vertreibt Kolumnen und Bücher.

Dr. Oz ist aber auch, was sie in den USA einen "Snakeoil seller" nennen. Ein Schlangenöl-Verkäufer, also einer, der zweifelhafte Mittelchen und Methoden unter die Leute bringt. Sein größter Skandal war, dass er eine Abnehmtablette aus grünen Kaffeebohnen als Wundermittel, das Fett verbrennt, anpries.

Pillen mit zweifelhafter Wirkung

Die Studie, die er als Beleg nutzte, war großer Quatsch. Die Herstellerfirma musste inzwischen Millionen Dollar Schadenersatz zahlen. Dr. Oz musste sogar vor dem amerikanischen Kongress über die Pillen und ihre zweifelhaften Wirkung aussagen. Übrigens nicht sein einziger Fehltritt. Das angesehene "British Medical Journal" belegte in einer Untersuchung, dass mehr als die Hälfte aller Aussagen von Dr. Oz in seinen Sendungen wissenschaftlich zweifelhaft seien. Was zählt es also, wenn dieser Mann sagt, er glaube, Trump sei fit genug für das Amt des Präsidenten.

Oz, the Wizard of Trump. Die beiden sind auf einer Wellenlänge. Trump brachte zum Beispiel während TV-Debatten die Entstehung von Autismus mit Impfungen in Verbindung. Und machte sich bei einer Wahlkampfrede öffentlich über einen behinderten Journalisten lustig. Seit Trump mitmischt, ist der Wahlkampf in den USA zu einem riesigen Schauspiel verkommen. Nach knapp 10 Minuten Smalltalk über seine Untersuchungen sind die medizinischen Enthüllungen in "The Dr. Oz Show" schon vorbei. Trump-Tochter Ivanka kommt zum Gespräch hinzu. Beide dürfen nun völlig ungestört reden. Dr. Oz sitzt meist nickend daneben. Nur manchmal gibt er noch Stichworte. Was für ein Großvater ist Donald? Wie toll sind ihre Kinder? Und so weiter. Achtung, Enthüllung: Trumps Enkel nennen ihn "Grandpa", also Großvater.

Trump verdreht Fakten wie keiner vor ihm

Man kann Trump schrecklich finden, ihn für eine Witzfigur oder gefährlich halten und über ihn die Nase rümpfen. Aber eines ist klar, seine Masche funktioniert. Seit Tagen steigen seine Umfragewerte, er kommt Hillary Clinton immer näher. Der Frust über die politische Elite im Lande ist riesig. Trump spricht aus, was viele Amerikaner hören wollen. Ob seine Behauptungen wahr sind, scheint die Wähler nicht wirklich zu interessieren. Das gilt auch für seine Gesundheit. Trump lügt und verdreht Fakten wie keiner vor ihm. Er verschweigt, was ihm nicht passt. Und er folgt dem Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Aber es schadet ihm alles nicht. Er ist ein wahrer Teflon-Kandidat. An ihm perlt alles ab. Der Wunsch nach einem radikalen Wandel im Land ist wohl größer.

Am 26. September treffen Hillary Clinton und Donald Trump zum ersten Mal in einer TV-Debatte aufeinander. Das wird für beide Kandidaten die vielleicht entscheidende Nagelprobe. Donald Trump, der Milliardär und ehemalige Realityshow-Star, läuft sich gerade dafür warm. Ach übrigens: Dr. Oz hat auch die demokratische Kandidatin Hillary Clinton in seine Sendung eingeladen, um mit ihr über ihre Gesundheit zu reden. "Sie überlegt zu kommen." Fortsetzung folgt also.


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