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Analyse

Absurdes Krisenmanagement: Das Coronavirus schafft, woran alle anderen scheitern: Es entlarvt Donald Trumps Lügen

Wochenlang hat Donald Trump die Gefahren durch das neuartige Coronavirus in aller Öffentlichkeit nicht ernstgenommen. Aber angesichts von Pandemie und Börsencrash gerät sein beliebiger Umgang mit der Wahrheit an Grenzen.

Donald Trump

So langsam ist die Lage dann doch ernster, als Donald Trump es seinem Volk lange weismachen wollte. Und Anthony Fauci, Vorsitzender des Nationalen Instituts für Allergien und ansteckende Krankheiten, hat es natürlich die ganze Zeit gewusst. Das konnte er beim Presse-Briefing zum Thema Coronavirus im Weißen Haus gestern auch nicht besonders gut verbergen. 

Dort sprach Mike Pence, und Fauci schienen die Worte des Vizepräsidenten zunächst, nun ja, nachdenklich zu machen, ...

Anthony Fauci verschränkt die Arme

... dann noch ein bisschen nachdenklicher ...

Anthony Fauci hält sich die Hand an den Mund

... und noch ein bisschen nachdenklicher ...

Anthony Fauci reibt sich die Augen

... und schließlich, gelinde gesagt, skeptisch:

Anthony Fauci hält sich die Hand vors Gesicht

Faucis Gestik und Mimik funktionieren als Symbol für den absurden Umgang der US-Regierung mit der sich zuspitzenden Situation. Dass Fauci nur mit Mühe die Fassung wahrt, kann man ihm nicht verdenken, schließlich ist er Experte – und mit Experten ist es im Trump-Regime so eine Sache. Erst recht in diesen Tagen.

So wurde beispielsweise Mike Pence von Trump zum Corona-Krisenmanager ernannt – ausgerechnet jener Pence, der als Gouverneur von Indiana einen großen HIV-Ausbruch in seinem Bundesstaat nur unzureichend in den Griff bekommen hatte. Eine Personalie, die Trumps Haltung zu Covid-19 untermauert. Seit Wochen leugnet der Präsident gegenüber der Bevölkerung beinahe jegliche Gefahr, die von dem neuartigen Virus ausgehen könnte.

"Wir haben es unter Kontrolle. Es wird alles gut."

Stattdessen liefert er den Late-Night-Moderatoren des Landes ständig neuen Stoff für Hohn und Spott, wenn er über das Coronavirus Sachen sagt wie:

"Wir haben es unter Kontrolle. Es wird alles gut."

Oder: "Ab jetzt und seit gestern kann jeder, der einen Test braucht, einen Test haben, und die Tests sind alle perfekt."

Oder: "Das Virus, über das wir reden – viele Menschen denken, dass es im April mit der Hitze verschwinden wird. Normalerweise wird es im April weggehen. Wir sind in guter Verfassung."

Oder dass manche Menschen mit dem Virus sogar arbeiten gehen würden.

Oder, noch vor zwei Tagen: "Ich habe nicht die geringste Sorge."

Oder, oder, oder.

Währenddessen hat sich die Gesamtzahl der Infizierten in den USA auf 729 in 36 Bundesstaaten und die Zahl der Todesopfer auf mindestens 26 erhöht, und Experten erwarten bald einen starken Anstieg dieser Zahlen. An der Wall Street sorgten Viruspanik und Ölpreisschock für einen "schwarzen Montag", den schlimmsten Tag seit der Finanzkrise.

Ärzte und Wissenschaftler beklagen längst öffentlich, dass sich die Krise durch Trumps verharmlosende Bemerkungen nur weiter zuspitze. Der "New Yorker" fragt in dem Zusammenhang: "Hat es jemals einen weniger seriösen Präsidenten gegeben?"

Es häufen sich deshalb die Stimmen, die Trump vorwerfen, dass er für seine Wiederwahl die Gesundheit der amerikanischen Bevölkerung aufs Spiels setze. Aber viele Beobachter halten inzwischen auch eine andere Konsequenz, die Corona für Trump haben könnte, nicht mehr für unwahrscheinlich: Schafft das Virus etwa, woran Trumps Gegner bislang allesamt scheiterten – und entlarvt den Präsidenten?

Donald Trump und die Corona-Lügen

Genauer gesagt: Sorgt es dafür, dass der 45. Präsident der Vereinigten Staaten sich endgültig selbst entlarvt? Denn die größte Gefahr geht für Trump gerade nicht von unzureichend erforschten Krankheitserregern aus.

Seit Beginn der Krise hat Trump gelogen, wie er es während seiner Amtszeit immer wieder auch in anderen Angelegenheiten getan hat. Zur Not findet sich für ihn immer noch ein politischer Gegner, dem er die Schuld in die Schuhe schieben kann.

So hat er das Virus anfangs als "neuesten Streich der Demokraten" ins Lächerliche gezogen. Außerdem hat er versucht, seinem Vorgänger Barack Obama eine Mitschuld zu geben, da dieser für die verschleppte Auslieferung von Testkits verantwortlich sei. Und zwischendurch bringt er allen Ernstes die Mauer zu Mexiko als bestmögliche Abwehrmaßnahme ins Spiel:

Trumps Problem: Das Coronavirus ist die Wahrheit und entpuppt sich als "ein Feind, den er nicht wegtwittern kann", wie die "New York Times" schreibt. Ein Feind, der Trumps Wiederwahl gefährden könnte, wie seine Berater nach Angaben der "Washington Post" schon befürchten.

In der gezielten Fehlinformation, die Trump und sein Team ständig perfektionieren, liegt in diesem Fall aber auch eine ganz reale Gefahr für die Bevölkerung. So habe Wissenschaftler Fauci mit seiner nüchternen Bewertung des Virus nicht auf Linie mit der verharmlosenden Kommunikation des Weißen Hauses gelegen, berichtet das Wissenschaftsmagazin "Scientific American".

Coronavirus: "Junge, das war schlimm"

Der 79-Jährige mit Erfahrung in AIDS- und Ebola-Krisen sagte, dass wir eines Tages auf das Coronavirus zurückblicken und sagen werden: "Junge, das war schlimm." Auch widersprach Fauci dem Präsidenten insofern, dass die Entwicklung eines Impfstoffes nicht wenige Monate, sondern wahrscheinlich "länger als ein Jahr" dauern werde.

Inzwischen darf Fauci laut "Scientific American" sich nur noch in Absprache mit dem Weißen Haus öffentlich äußern, für den vergangenen Sonntag seien zudem fünf TV-Auftritte Faucis abgesagt worden. Man solle niemals seine eigene Glaubwürdigkeit zerstören, hat Fauci noch bei "Politico" gesagt, und er möchte sich nicht mit dem Präsidenten anlegen: "Aber man muss auf einem schmalen Grat wandeln, wenn man sichergehen will, dass man die Wahrheit sagt."

Nur ist die Wahrheit in den USA unter Trump offenbar nicht allein der schnöden Lüge, sondern gezielter Fehlinformation gewichen. Man müsse sich der bürokratischen Unterdrückung wissenschaftlicher Wahrheit zugunsten politisch akzeptabler Fiktion bewusst werden, heißt es im Bericht des "Scientific American" abschließend: "Und in einem Moment, in dem unsere Gesellschaft verlässliche wissenschaftliche Information am meisten braucht, ist die gefährlichste Quelle der Fehlinformationen unser eigener Präsident."

Quellen: "The New Yorker", "The New York Times", "Politico", "Scientific American", "Washington Post"