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US-Präsidentschaftswahlkampf: Donald Trump gegen Joe Biden: Die Schlacht um die "Seele" Amerikas kann beginnen

Der Kandidat der Demokraten im US-Präsidentschaftswahlkampf steht praktisch fest. Joe Biden wird versuchen, Donald Trump aus dem Weißen Haus zu vertreiben. Die Kontrahenten könnten kaum gegensätzlicher sein.

Joe Biden steht vor blaume Hintergrund und neben einer US-Flagge und richtet sich mit der rechten Hand die Krawatte

Joe Biden hat in seinem Leben viele Triumphe und Tragödien erlebt. Jetzt steht der frühere US-Vizepräsident vor seiner größten politischen Herausforderung: Mit dem Rückzug des linken Senators Bernie Sanders steht der 77-Jährige als Präsidentschaftskandidat der Demokraten quasi fest. Biden will bei der Wahl am 3. November Donald Trump aus dem Weißen Haus werfen. Es wird, so sagt es der Demokrat, ein Kampf um die "Seele der Nation".

Spalter Donald Trump gegen Versöhner Joe Biden

Biden ist in vielerlei Hinsicht der komplette Gegenentwurf zum Präsidenten. Hatte Trump das Weiße Haus 2016 als politischer Quereinsteiger und mit einer Kampfansage an das politische Establishment erobert, ist Biden ein Urgestein in Washingtons Politbetrieb, saß mehr als 35 Jahre lang im Senat und diente Präsident Barack Obama acht Jahre lang als Stellvertreter. 

 

Während Trump Politik als ständigen Krieg betrachtet, sieht Biden sich als Brückenbauer und Versöhner. Während Trump Konventionen über den Haufen wirft und gerne Chaos stiftet, verspricht Biden eine Rückkehr zu Ordnung und Normalität. Und während Trump niemals Schwäche zeigen oder Fehler zugeben würde, hat Biden aus Mitgefühl und seiner eigenen Verletzlichkeit fast schon ein Markenzeichen gemacht.

Denn der Politikveteran hat in seinem Leben viele Tiefschläge einstecken müssen. Biden war 1972 gerade als einer der jüngsten Politiker der Geschichte in den US-Senat gewählt worden, als seine Frau und seine kleine Tochter bei einem Autounfall ums Leben kamen. Sein Sohn Beau verstarb 2015 an einem Hirntumor.

Politische Niederlagen erlebte Biden zur Genüge. Vor den Präsidentschaftswahlen 1988 und 2008 bewarb sich der Mitte-Politiker um die Kandidatur der Demokraten und scheiterte krachend. 

Donald Trump und Joe Biden

Kampf ums Weiße Haus: Donald Trump (l.) und Joe Biden

AFP / DPA

In diesem Jahr schien es fast so, als würde ihn das gleiche Los ereilen: Der monatelang als Favorit gehandelte Biden stürzte beim Auftakt der Vorwahlen ab, viele erklärten ihn für tot. Doch dann legte der Ex-Vizepräsident mit seinem Triumph beim "Super Tuesday" Anfang März eines der spektakulärsten Politik-Comebacks der US-Geschichte hin. Auch bei den folgenden Vorwahlen räumte der Demokrat mit dem schlohweißen Haar und dem breiten Lächeln dermaßen ab, dass Sanders nun das Handtuch warf.

Bidens Schwächen sind nicht zu übersehen

Biden war für viele von Anfang an der beste Trump-Herausforderer: Er hat beispiellose politische Erfahrung, spricht die gesamte politische Mitte an, genießt breiten Rückhalt bei wichtigen Wählergruppen wie Afroamerikanern und punktet mit seinem kumpelhaften Auftreten auch bei jenen Arbeitern, die die Demokraten 2016 an Trump verloren hatten. 

Biden setzt darauf, dass sich auch viele Republikaner nach den turbulenten Trump-Jahren nach Ruhe und Verlässlichkeit sehnen – und das strahlt "Onkel Joe" aus wie kaum ein anderer.

Doch seine Schwächen sind nicht zu übersehen. Seine Verankerung im Politik-Establishment macht ihn angreifbar. Biden ist berühmt-berüchtigt für Aussetzer und Gedächtnislücken, verhaspelt sich oft in seinen Reden. Trump, der sich pausenlos über den "schläfrigen Joe" mokiert, stellt ungeniert dessen geistige Fitness infrage.

Biden hat zudem große Schwierigkeiten, junge Wähler zu erreichen. Das gilt auch für die vielen Sanders-Anhänger, die eine "politische Revolution" in den USA fordern und die Biden für sich gewinnen muss. Zuletzt hat der moderate Demokrat deswegen mehrere Vorschläge des progressiven Parteiflügels übernommen. 

Während die Präsidentschaftswahl jetzt auf ein Duell zwischen Trump und Biden hinausläuft, dürfte die zentrale Frage werden, wie sich die Coronavirus-Krise auf den Wahlkampf auswirkt. Biden versucht zwar, sich inmitten des erratischen Krisenmanagements des Präsidenten als erfahrener Ruhepol zu positionieren. Er hat aber von seinem Haus in Wilmington im Bundesstaat Delaware aus große Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen. Trump dagegen ist in den Medien dauerpräsent.

Die Vorwahlen der Demokraten sind entschieden - die wahre politische Schlacht geht jetzt aber erst los.

mad / Fabian Erik Schlüter / AFP