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Machtwechsel im Weißen Haus Seine letzten Tage im Amt: Trump ist wütend, isoliert und will Giuliani nicht bezahlen

US-Präsident Donald Trump sitzt in einem Büro des Weißen Hauses an einem hölzernen Schreibtisch und spricht
Sehen Sie im Video: Trump sendet Videobotschaft an die US-Bürger - ohne das Impeachment zu erwähnen.






Washington, 14.01.21: Kurz nach der Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen ihn hat sich der abgewählte US-Präsident Donald Trump mit einem Aufruf zur Versöhnung an die Nation gewandt. In der Videobotschaft sagte Trump, er verurteile eindeutig die Gewalt, die man in der vergangenen Woche gesehenen habe.
O-Ton "I unequivocally condemn the violence that we saw last week violence and vandalism have absolutely no place in our country and no place in our movement."
Er rief die Bevölkerung dazu auf, Spannungen abzubauen, Gemüter zu beruhigen und zum Frieden im Land beizutragen.
O-Ton "Now I am asking everyone who has ever believed in our agenda to be thinking of ways to ease tensions calm tempers and help to promote peace in our country"
Aufgebrachte Trump-Unterstützer waren am Mittwoch vergangener Woche nach einer aufstachelnden Rede des Präsidenten gewaltsam in das Kapitol eingedrungen. Mehrere Menschen kamen bei den Krawallen ums Leben.
Die Demokraten warfen Trump vor, er habe die Ausschreitungen angezettelt, und bereiteten innerhalb weniger Tage ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn vor, das das Repräsentantenhaus am Mittwoch offiziell eröffnete.
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In wenigen Tagen muss Donald Trump das Weiße Haus räumen. Dass ihm das gar nicht gefällt, bekommen seine verbliebenen Mitarbeiter und Weggenossen gerade deutlich zu spüren.

Am 20. Januar gegen zwölf Uhr mittags wird aus Donald Trump, dem mächtigsten Präsidenten der Welt, Donald Trump der Privatbürger. Für den narzisstischen 74-Jährigen, der die öffentliche Aufmerksamkeit braucht wie ein Fisch das Wasser, ein kaum zu ertragender Bedeutungsverlust. Hinzu kommen die Genickschläge, die Trump in den letzten Tagen einstecken musste:

  • Das US-Repräsentantenhaus hat sein Impeachment beschlossen und ihn damit zum ersten Präsidenten der US-Geschichte gemacht, gegen den zwei Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wurden.
  • Twitter, Facebook, Instagram und Youtube haben seine wichtigsten Verbindungen zur Öffentlichkeit gekappt.
  • Eine kleine, aber wachsende Zahl von Republikanern hat sich von ihm abgewandt.
  • Zahlreiche Berater und Amtsträger haben das Weiße Haus verlassen und die verbliebenen schweigen, statt ihn zu verteidigen
  • Die Deutsche Bank und weitere Unternehmen wollen wegen seiner Rolle beim Sturm auf das Kapitol nicht länger mit ihm zusammenarbeiten.
  • Der Verband der US-Berufsgolfer hat die für 2022 geplante Meisterschaft auf Trumps Golfanlage in Bedminster im Bundesstaat New Jersey abgesagt.

Entsprechend ist derzeit die Laune des scheidenden Amtsinhabers. "Trumps innerer Kreis schrumpft, Büros in seinem Weißen Haus leeren sich und der Präsident geht auf einige derer, die bleiben, los", berichtet die "Washington Post" unter Berufung auf dessen Berater und Mitarbeiter. Trump sei wütend, dass seine Verbündeten seine Aufstachelung der Angreifer auf das Kapitol nicht energischer verteidigt hätten - einschließlich Pressesprecherin Kayleigh McEnany, Berater und Schwiegersohn Jared Kushner, Wirtschaftsberater Larry Kudlow, Sicherheitsberater Robert C. O'Brien und Stabschef Mark Meadows.

Von einem aufgebrachten Trump berichtet auch die Nachrichtenagentur Reuters: Der Präsident habe Teile der Amtsenthebungsdebatte im Fernsehen verfolgt und sei wegen der zehn republikanischen Überläufer wütend geworden, meldet Reuters unter Berufung auf eine mit der Situation vertraute Quelle. Der Senator und langjährige Trump-Intimus Lindsey Graham schilderte, wie er den 74-Jährigen am Dienstag in der Air Force One auf dem Weg nach Texas deshalb zu beruhigen versuchte.

"Ich sagte ihm nur, 'Hören Sie, Herr Präsident, es gibt einige Leute da draußen, die vorher verärgert waren und jetzt verärgert sind, aber ich versichere Ihnen, die meisten Republikaner glauben, ein Impeachment ist schlecht für das Land und unnötig und würde dem Präsidentenamt selbst schaden zufügen", zitiert die "Washington Post" Graham.

Trump nannte die Impeachment-Bestrebungen am Dienstag "absolut lächerlich". Sie verursachten "eine riesige Gefahr für unser Land" und "riesige Wut".

Trump verweigert Anwalt Giuliani das Honorar

Einer, der Trumps Wut gerade zu spüren bekommt, ist Rudolph Giuliani. Eigentlich seit Jahren einer der standhaftesten Unterstützer des Noch-Präsidenten, scheint die Männerfreundschaft der beiden jetzt zu bröckeln.

Trump habe seine Mitarbeiter angewiesen, Giulianis Anwaltskosten nicht zu bezahlen, und wolle alle Erstattungen für die Ausgaben des 76-Jährigen bei dessen Reisen zur Anfechtung der Wahlergebnisse vom 3. November persönlich genehmigen, berichtet die "Washington Post" unter Berufung auf zwei Beamte. Demnach hat der Präsident Bedenken hinsichtlich einiger Aktionen seines Anwalts ausgedrückt und sei nicht gerade begeistert über Giulianis Honorarforderung von 20.000 Dollar pro Tag.

Trumps Stab versucht derweil offenbar zu verhindern, dass die Regierung kurz vor ihrem Ende völlig auseinanderfällt. Mehr als ein Dutzend Regierungsbeamte, die einen Einblick in die letzten Tage der 45. Präsidentschaft haben, sprachen Reuters gegenüber von einem schrumpfenden Kreis loyaler Mitarbeiter, die kämpften, um einen zunehmend gereizten, wütenden und isolierten Präsident, der sich scheinbar immer noch an haltlose Wahlbetrugsvorwürfe klammere, zu zügeln. Sie versuchten, das Weiße Haus funktionsfähig zu halten, bis Joe Biden vereidigt ist. "Alle haben das Gefühl, dass sie das Beste tun, was sie können, um alles zusammenzuhalten, bis Biden übernimmt," sagte ein Trump-Berater der Nachrichtenagentur unter der Bedingung der Anonymität.

Aber nicht nur Trump hat miese Laune, auch bei seinem Personal ist die Stimmung im Keller. "Die Leute haben es einfach satt. Der 20. kann nicht früh genug kommen", zitiert die "Washington Post" einen ehemaligen hohen Verwaltungsbeamten, der mit dem Weißen Haus in Verbindung steht. Manchmal gäbe es bei den Angestellten eine Bunker-Mentalität oder ein Wir-gegen-sie-Gefühl oder echte Empörung über angeblich unfaire Demokraten oder Medien. "Aber es gibt nichts davon im Moment. Die Menschen sind einfach nur erschöpft und enttäuscht und wütend und bereit, das alles hinter sich zu lassen."

Vor einem blauen Hintergrund steht der künftige US-Präsident Joe Biden und gestikuliert bei einer Rede mit beiden Händen

Dass sie das sehr bald können, zeigt sich sowohl dem Personal als auch seinem Chef bei einem simplen Blick aus dem Fenster: Arbeiter haben am Donnerstag für die anstehende Zeremonie Banner mit der Aufschrift "*2021* Biden Harris Inauguration" auf der Pennsylvania Avenue vor dem Weißen Haus befestigt.

Menschenmenge soll Trump verabschieden

Trump hat bereits angekündigt, entgegen aller Tradition nicht an der feierlichen Veranstaltung teilzunehmen. Stattdessen möchte er lieber noch möglichst viel Pomp für sich selbst. Laut dem US-Sender CNN hat der Präsident um eine große Verabschiedung am Inaugurationstag nächste Woche gebeten. Sein Team arbeite daran, eine Menschenmenge zu organisieren, die ihm am Morgen von Bidens Amtseinführung zujubeln soll.

CNN nennt auch einen Grund, warum Trump die Amtseinführung seines Nachfolgers schwänzen will: Der 74-Jährige will nach Palm Beach reisen, wo er künftig in seinem Luxusresort Mar-a-Lago leben will. Würde er an der Inauguration teilnehmen, wäre er kein Präsident mehr, wenn er Washington verlässt – und dürfte die prestigeträchtige Air Force One nicht benutzen. Der Gedanke, Biden dafür um Erlaubnis zu bitten, habe ihm aber auch nicht gefallen, berichtet CNN unter Berufung auf eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Deshalb wolle er Washington bereits am Mittwochmorgen verlassen.

Trumps Abflug mit dem Präsidentenhubschrauber Marine One vom Südrasen des Weißen Hauses dürfte auch für Joe und Jill Biden sichtbar und hörbar sein. Der künftige Präsident und die neue First Lady werden die Nacht vor der Amtseinführung im Blair House gegenüber der Pennsylvania Avenue verbringen. Die Verwendung des offiziellen Gästehauses des US-Präsidenten wurde ihnen vom Außenministerium angeboten und nicht von den Trumps. Die haben sich bislang geweigert, überhaupt Kontakt zu den Bidens aufzunehmen.

Quellen: Reuters"Washington Post", CNN


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