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Analyse

Rassistische Ausfälle: Donald Trump im Wahlkampfmodus streift die letzten Fesseln des Anstands ab

Seit Donald Trump in der Politik ist, steht die Frage im Raum, ob er ein Rassist sei. Doch er ist nicht trotz sondern wegen seiner Ausfälle US-Präsident geworden. Und es waren ohnehin keine Afroamerikaner, die ihn ins Weiße Haus gebracht haben.

Donald Trump North Carolina

Wieder im Wahlkampfmodus: Donald Trump in North Carolina

AFP

Als Donald Trump 2011 damit kokettierte, ins Rennen um die US-Präsidentschaft einzusteigen, generierte er die meiste Aufmerksamkeit mit der Unterstellung, dass Barack Obama kein gebürtiger Amerikaner und damit auch kein legitimes Staatsoberhaupt sei. Diese "Birther-Theorie" war zwar nicht auf dem Mist des damaligen TV-Stars gewachsen, aber er war der erste, der diesen rassistischen Vorbehalt unverhohlen auf die politische Bühne zerrte. Die Empörung war groß, manchmal mischte sie sich mit Spott. Aber nur weil es ein Tabubruch war, gab es keinen Grund damit aufzuhören. Jetzt, im Sommer 2019, steht zu befürchten, dass der US-Präsident erst richtig aufdreht.

Donald Trumps Liste der Erzfeinde ist lang 

Am Amtsvorgänger arbeitet sich Trump immer wieder und immer noch ab, es ist etwas Persönliches. Im Februar geriet erst die muslimische und somalisch-stämmige Neu-Abgeordnete Ilhan Omar auf die Liste seiner Erzfeinde. Vor einigen Wochen dann begann er sich auf drei weitere, linke Politikerinnen der Demokraten einzuschießen. Er forderte sie auf, "zurück in ihre Heimat" zu gehen – obgleich sie alle US-Bürgerinnen sind. Mitten in diesen Zwist hinein greift der US-Präsident nun den Vorsitzenden des Kontrollausschusses im Repräsentantenhaus, Elijah Cummings, übel an, nur um kurz darauf den Bürgerrechtler Al Sharpton, ebenfalls Afroamerikaner, einen "Betrüger" und "Unruhestifter" zu nennen.

Hätte der mächtigste Mann der Welt nicht nur devote Jasager, sondern Berater an seiner Seite (und würde er auf sie hören), könnten sie ihn darauf hinweisen, dass immer mehr Ausfälle dieser Art in immer kürzerer Zeit die allermeisten Amerikaner als wenig präsidial empfinden werden und im Übrigen auch noch die letzten der ohnehin wenigen schwarzen Wähler abschrecken dürften. Doch der mächtigste Mann der Welt hört nur auf seinen Bauch und der weiß, was seine Wähler hören wollen: klare Kante, gerne garniert mit Hass und Niedertracht. Oder in Trumps eigenen Worten: "Es ist nichts rassistisch daran, auszusprechen, was die meisten Menschen ohnehin wissen."

Die Frage ist nicht, ob Trump Rassist ist

Seit Trump sich ernsthaft in der Politik tummelt, steht die Frage im Raum, ob er ein Rassist sei. Und wenn ja, wie schlimm es ist. Sicher war nur, der Affront ist sein Geschäftsmodell. Die abfälligen Äußerungen über Mexikaner, die Debatte um die Einreise von Menschen aus "Dreckslochländern", die Relativierung von Gewalt rechter Demonstranten in Charlottesville – immer wieder provoziert Trump. Schon aus den 70er Jahren gibt es Geschichten über die Diskriminierung von afroamerikanischen Mietern durch Trump und seinen Vater. Die Frage ist nicht so sehr, ob Trump Rassist ist oder nicht. Sondern warum ihn trotz solcher Ausfälle fast 90 Prozent der Republikaner unterstützen. Und ihn ein gutes Drittel aller Amerikaner wählen würde. 

Die ernüchternde Antwort lautet wohl: genau deswegen. Weil offenbar noch immer viele Menschen Vorbehalte gegen Nicht-Weiße haben oder Nicht-Christen. Weil Trump sie glauben lässt, er habe einfach den Mumm angeblich unbequeme Dinge beim Namen zu nennen. Weil sie ihm Aufmerksamkeit schenkt. Trumps nach Jahrzehnten der Selbstvermarktung und des Reality-TV entwickelte Gleichung ist simpel: Empörung ist nur ein anderes Wort für Aufmerksamkeit. Wer Aufmerksamkeit hat, bleibt im Gespräch. Und wer im Gespräch ist, an dem kommt niemand vorbei. Wer Trump also Paroli bieten möchte, müsste ihn eigentlich ignorieren. Was bei einem US-Präsidenten aber kaum möglich ist.

Trump schon wieder im Wahlkampfmodus

Nun befindet sich Trump aber wieder im Wahlkampfmodus. Dort gilt seine Auffallen-um-jeden-Preis-Gleichung noch einmal mehr: Weil das Ergebnis im November 2020 mutmaßlich sehr eng werden wird, ist er eigentlich auf jede Stimme angewiesen. Nur ist es nicht Trumps Art deswegen irgendwelche Rücksichten zu nehmen. Vor allem nicht auf Kritiker und erst recht nicht, wenn sie schwarz sind. Es waren keine Afroamerikaner, die ihn 2016 ins Weiße Haus gebracht haben. Und erst Recht kein Anstand. Es waren Niedertracht und billige Versprechen. Die vergangenen Wochen deuten an, dass er den vergifteten Sound von vor vier Jahren wiederholen wird. Nur lauter.