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Einschätzung der US-Regierung: Al Kaida in Afghanistan auf dem Rückzug

In den Augen der US-Regierung ist der Einfluss des Terrornetzwerks al Kaida in Afghanistan deutlich geschwunden. Der harte Kern bestehe nur noch aus weniger als 100 Kämpfern, die nicht die Fähigkeit hätten, den Westen zu attackieren. Terrorexperten bleiben jedoch skeptisch.

Das Terror-Netzwerk al Kaida ist in Afghanistan nach Ansicht der US-Regierung nach acht Kriegsjahren in den Hintergrund geraten. Sicherheitsberater James Jones erklärte, Al Kaidas Präsenz sei geschwunden, und er sehe keine Rückkehr der Taliban an die Macht voraus. Den weitestgehenden Schätzungen zufolge verfüge Al Kaida in Afghanistan über weniger als 100 Kämpfer und nicht über die Stützpunkte und Befähigung dafür, den Westen anzugreifen.

Verschwunden sei das einst dichte Netz der Lager und Verstecke, in denen Osama bin Laden und seine meist arabischen Gefolgsleute tausende junger Muslime für einen weltumspannenden Dschihad ausbildeten. Der harte Kern betreibe der US-Regierung zufolge in kleinem Maßstab Bombenbau und Taktikschulung durch Ausbilder, die zwischen Afghanistan und Pakistan hin und her reisten.

Die Abschätzung der wahren Stärke und Gefährlichkeit des Terrornetzwerks ist ein wichtiger Faktor bei der in Washington geführten Debatte, ob die US-Truppen am Hindukusch noch verstärkt werden sollen.

Terrorexperten widersprechen US-Einschätzung

Dagegen hat der Wissenschaftler Bryan Glyn Williams, der Webseiten militanter Islamisten im Auge hält, nach eigenen Angaben Berichte über zahlreiche Al-Kaida-Kämpfer in verschiedenen Provinzen ebenso wie jenseits der Grenze in Pakistan gesammelt. Der frühere CIA-Experte Michael Scheuer meint, die Regierung unterschätze Al Kaida möglicherweise, weil die Organisation sich selbst gerne im Hintergrund halte und einheimischen Verbündeten Logistik, Propaganda und Training zur Verfügung stelle. "Wenn bei einem islamistischen Aufstand immer weniger von Al Kaida zu sehen ist, bedeutet das höchstwahrscheinlich, dass sie effektiver wirkt, als wenn sie mehr in Erscheinung tritt", sagt Scheuer. Er sei sicher, dass Al Kaida immer noch Leute im Feld habe, um die Reihen der Taliban zu stärken.

Andere Fachleute vermuten, dass das Terrornetz in Afghanistan durch Laschkar al Sil operiert, die "Schattenarmee", der Angriffe in Ostafghanistan und Pakistan zugeschrieben werden. "Meiner Ansicht nach mischen Al-Kaida-Kämpfer von Laschkar al Sil an allen Taliban-Fronten mit, von Nuristan im Norden bis Helmand im Süden", erklärt Williams.

Selbst wer an einem Al-Kaida-Comeback zweifelt, will diese Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen in einem Land, in dem Bündnisse so schnell geschlossen wie aufgekündigt werden. "Afghanistan ist kompliziert", sagt UN-Experte Richard Bassett. "Es hat schon immer auf der Grundlage von Gesprächen und Absprachen funktioniert, aus denen am Ende keiner nur als Verlierer und keiner nur als Sieger hervorgeht."

Taliban distanzieren sich von al Kaida

Unterdessen haben die fundamentalistischen Taliban in Afghanistan abermals ihr Ziel bekräftigt, ein "islamisches System" errichten zu wollen, ohne dass sie jedoch dafür Anschläge außerhalb ihres Landes unterstützen würden. Das erklärten die Aufständischen in einer Internetbotschaft zum 8. Jahrestag des US-Einmarsches am Hindukusch. "Wir hatten keinen Plan, andere Länder zu schädigen, etwa in Europa. Und wir haben auch heute keinen Plan dazu", heißt es in der vom US-Institut Site ausgewerteten Botschaft.

Die Betonung, keine anderen Länder im Visier zu haben, wird von Experten als Distanzierung zu al Kaida interpretiert. Damit wollen die Aufständischen offenbar die Angst zerstreuen, Afghanistan könne erneut zum Ausgangsort islamistischer Terroranschläge werden, sollten sie die Macht im Land ein weiteres Mal an sich reißen.

Den US-Streitkräften und der Internationalen Schutztruppe (Isaf) sagten die Taliban jedoch den Kampf an. "Wenn ihr das Land der stolzen Afghanen in eine Kolonie umwandeln wollt, seit euch unserer unerschütterlichen Entschlossenheit zu einem langen Krieg gewiss."

AP / AP