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Schüsse auf Abgeordnete Jo Cox: Britische Brexit-Gegnerin stirbt nach Angriff - "Es ist entsetzlich"

Sie galt als kommender Star in ihrer Partei und als begeisterte Europäerin. Nach einem brutalen Angriff in ihrem Wahlkreis im Norden Englands ist die 41 Jahre alte Labour-Abgeordnete und Brexit-Gegnerin Jo Cox gestorben.

Der Tatort des Angriffs auf die britische Abgeordnete Jo Cox (Passbild). Die Labour-Abgeordnete erlag später ihren Verletzungen.

Der Tatort des Angriffs auf die britische Abgeordnete Jo Cox (Passbild). Die Labour-Abgeordnete erlag später ihren Verletzungen.

Eine Woche vor dem EU-Referendum in Großbritannien ist die pro-europäische britische Abgeordnete Jo Cox auf offener Straße angegriffen worden und an den Verletzungen gestorben. Der Tod sei um 14.48 Uhr festgestellt worden, teilte die Polizeichefin von West Yorkshire, Dee Collins, mit. Ein 52-jähriger Mann war nach der Attacke im nordenglischen Birstall als Tatverdächtiger festgenommen worden, über sein mögliches Motiv machte die Polizei zunächst keine Angaben.

Britische Medien berichteten, bei dem Attentäter handele es sich um eine Mann namens Tommy Mair. Im Internet wurden Fotos des Mannes veröffentlicht.

Jo Cox lächelt. Dieses Foto ist etwa einen Monat alt

Jo Cox wurde auf offener Straße niedergemetzelt. Dieses Foto wurde vor gut einem Monat gemacht.

Die Labour-Politikerin Cox hatte sich für einen Verbleib ihres Landes in der EU stark gemacht. Beide Lager setzten nach Bekanntwerden der Tat den Wahlkampf für die Volksabstimmung am 23. Juni für den Rest des Tages aus. Führende Politiker zeigten sich entsetzt über die Bluttat.

Jo Cox hatte für den Verbleib Großbritanniens in der EU geworben

Die 41-jährige Cox war laut übereinstimmenden Medienberichten in ihrem Wahlkreis von Kugeln getroffen worden und zusammengebrochen. Der Sender Channel 4 News meldete unter Berufung auf das Büro der Labour-Abgeordneten, Cox sei bei dem Angriff auch niedergestochen worden. Nach Informationen der BBC war sie von Rettungskräften von Birstall in ein Krankenhaus im nahe gelegenen Leeds geflogen worden. Auch ein 77-jähriger Mann wurde angegriffen, er wurde nur leicht verletzt.

Der Sender Sky News berichtete unter Berufung auf einen Augenzeugen, der Angreifer habe "Großbritannien zuerst" und "Vorrang für das Vereinigte Königreich" gerufen. Polizeichefin Collins sagte: "Wir sind noch nicht in der Lage, etwas zum Motiv zu sagen." Es gebe aber keine anderen Verdächtigen.

Der Vorsitzende der britischen Sozialdemokraten, Jeremy Corbyn, reagierte mit Entsetzen auf den tödlichen Angriff. "Die ganze Labour-Partei und Labour-Familie - und gewiss das ganze Land - werden angesichts dieses abscheulichen Mordes an Jo Cox heute schockiert sein", teilte Corbyn am Donnerstag mit. Wie und warum sie gestorben sei, müsse in den kommenden Tagen geklärt werden.

Begeisterte Europäerin

Jo Cox machte sich vor allem als leidenschaftliche Europäerin einen Namen. Bereits 1999 war sie als Mitarbeiterin im Abgeordnetenbüro der Labour-Politikerin Joan Walley an der Gründung der Initiative "Britain in Europe" beteiligt. Zwei Jahre lang arbeitete sie im Büro einer Europaabgeordneten in Brüssel.

Später war sie für verschiedene Hilfsorganisationen tätig. Sie setzte sich unter anderem für Frauenrechte und eine bessere Gesundheitsversorgung für werdende Mütter und Neugeborene in Entwicklungsländern ein. 

Bei den Wahlen im Frühjahr 2015 konnte sie einen Sitz im britischen Unterhaus erringen, wo sie unter anderem eine Parlamentariergruppe für Syrien gründete. Im Brexit-Wahlkampf erhöhte Cox den Druck auf Labour-Chef Jeremy Corbyn, sich stärker für einen Verbleib Großbritanniens in der EU einzusetzen.

Zwei kleine Kinder haben jetzt keine Mutter mehr

Cox, die in Cambridge studierte, war verheiratet und hinterlässt zwei kleine Kinder.

Premierminister David Cameron sagte seine für den Abend geplanten Wahlkampftermine in Gibraltar ab. "Der Tod von Jo Cox ist eine Tragödie, sie war eine pflichtbewusste und sozial engagierte Abgeordnete. Meine Gedanken sind bei ihrem Ehemann Brendan und ihren beiden kleinen Kindern", schrieb er auf Twitter.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan zeigte sich auf Twitter schockiert und nannte Cox eine brillante Abgeordnete und gute Freundin. Der Londoner Ex-Bürgermeister und Brexit-Befürworter Boris Johnson schrieb: "Habe gerade von den absolut furchtbaren Nachrichten über die Attacke auf Jo Cox gehört, meine Gedanken sind bei Jo und ihrer Familie. Es ist entsetzlich, dass eine Abgeordnete ums Leben kommt, die einfach nur ihr Bestes für die Wählerschaft tut." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Abend, der Angriff sei "schrecklich, dramatisch, und unsere Gedanken sind bei den Menschen die betroffen sind". Der Vorfall bedürfe angesichts des möglichen Zusammenhangs mit dem EU-Referendum in einer Woche "dringendster Aufklärung".

Der Ehemann der Politikerin, Brendan Cox, betonte in einem Statement: "Sie hätte sich jetzt vor allem zwei Dinge gewünscht. Erstens, dass unsere geliebten Kinder viel Liebe erfahren, und zweitens, dass wir uns alle zusammentun, um gegen den Hass zu kämpfen, der sie getötet hat. Hass hat keine Überzeugung, Ethnie oder Religion, er ist giftig."


tkr/anb / AFP / DPA