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EU-Erweiterung: Grenzenhüpfen in Zittau

Vermutlich haben Staatsmänner binnen kurzer Zeit noch nie so oft die Grenzen ihrer Länder überschritten wie im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen bei Zittau. Am Ende wurde eine Fahne gehisst.

Vermutlich haben Staatsmänner binnen kurzer Zeit noch nie so oft die Grenzen ihrer Länder überschritten wie am Samstag im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen bei Zittau. Die EU-Erweiterung hat es möglich gemacht. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und seine Kollegen Vladimir Spidla (Tschechien) und Leszek Miller (Polen) wechselten sie die Seiten mit atemberaubender Geschwindigkeit. EU-Erweiterungskommissar Günther Verheugen räumte später ein wenig Orientierungslosigkeit ein. Er sei über so viele Grenzen gefahren, dass er gar nicht mehr wisse, wo er momentan sei: "Das spielt aber keine Rolle. Ich bin in Europa."

"Du bist hier der Gastgeber"

Natürlich konnten die Regierungschefs im Einheitstrubel am Dreiländerpunkt gar nicht verloren gehen. Der Gang vom einen zum anderen Nachbarn war vom Protokoll genau vorgezeichnet. Dennoch nutzten Schröder, Spidla und Miller jede Gelegenheit zum Bad in der Menge - Schröder immer vorn. Beim Eintrag ins Goldene Buch der polnischen Stadt Bogatynia ließ der Kanzler allerdings Leszek Miller den Vortritt. "Du bist hier der Gastgeber, Du musst zuerst 'ran."

Von Polen ging’s nach Tschechien, von Tschechien nach Deutschland. Verheugen, Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) und Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) hielten sich dezent in der zweiten Reihe. Das von zwei Sorbinnen dargereichte Brot nahm Schröder dankbar entgegen. "Das ist das erste, was ich heute zu essen bekomme." EU-Kommissar Verheugen dachte nach vollbrachter Erweiterung über steigende Arbeitsbelastung nach. "Ich bin nicht arbeitslos. Das ist eher noch schlimmer geworden", sagte er der dpa.

Fahnenhissen im Länderdreieck

Auf Regierungsebene ist das "Du" zwischen den Nachbarn längst üblich. Am Samstag zogen Schröder, Spidla und Miller auch in anderer Beziehung an einem Strang. Gemeinsam mit Verheugen brachten sie eine EU-Fahne am Dreiländerpunkt in Position. Die meisten Kameras von TV-Teams und Fotografen aus aller Welt waren genau auf diesen Punkt ausgerichtet. Tausende Menschen wurden zu Augenzeugen eines symbolischen Aktes, der noch vor 15 Jahren unmöglich schien.

In der Nähe des deutsch-polnischen Grenzübergangs gaben der Kanzler und seine Kollegen Grünes Licht für den Bau einer länderverbindenden Straße. "Wir haben heute den ersten Schritt gemacht. Wir sind aufgeschlossen für neue Projekte", sagte Stolpe später. Wie wichtig diese Verkehrsanbindung für die einst vergessene Grenzregion ist, machte die Abreise von Schröder, Spidla und Miller deutlich. Für den Transfer zur Kanzlermaschine, die alle drei Regierungschefs am Nachmittag von Dresden nach Dublin zur zentralen EU-Feier bringen sollte, nutzten sie lieber den Hubschrauber. Auf dem Straßenweg wären sie vermutlich zu spät gekommen.

Jörg Schurig/DPA / DPA