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Ex-Geisel: Betancourt wird den Papst treffen

Die nach mehr als sechs Jahren Geiselhaft befreite Ingrid Betancourt ist auf dem Weg nach Frankreich. Ein Flugzeug startete in Kolumbien mit der Ex-Geisel und ihrer Familie an Bord. In Paris wird sie von Staatspräsident Nicolas Sarkozy empfangen. Kommende Woche steht ein Treffen mit dem Papst an.

Die nach fast sechseinhalb Jahren Geiselhaft aus der Gewalt linker Farc-Rebellen befreite frühere kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt ist von Bogotà aus nach Paris geflogen. Zuvor hatte sie bei einer Pressekonferenz in der französischen Botschaft angekündigt, dass sie kommende Woche von Papst Benedikt XVI. im Vatikan empfangen werde.

"Das ist ein Treffen, das man sich nicht entgehen lassen darf", sagte die 46-Jährige. Der genaue Termin sei ihr noch nicht bekannt. Papst Benedikt XVI. will Betancourt so bald wie möglich eine Audienz gewähren. Benedikt habe Betancourt in einem Telegramm seine Freude über ihre Befreiung mitgeteilt, erklärte der Vatikan.

In Paris wird Präsident Nicolas Sarkozy und seine Frau Carla sie am Flughafen abholen, teilte der Élysée mit. Anschließend werde Betancourt gemeinsam mit ihrer Familie und ihren Unterstützern im Präsidentenpalast empfangen. Sie wird außerdem im Pariser Rathaus erwartet, wo seit Monaten ein großes Porträt von ihr hängt. Der Zähler, der die Tage ihrer Geiselhaft angibt, wurde bei 2321 angehalten. Über dem Plakat hängt nun eine rote Banderole mit der Aufschrift "Frei". Betancourt, die in Paris aufgewachsen ist und in erster Ehe mit einem Franzosen verheiratet war, ist Ehrenbürgerin von Paris und zahlreichen anderen Städten.

Einladung zum Nationalfeiertag

Sarkozy wolle die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Kolumbiens auch zum Nationalfeiertag am 14. Juli einladen, berichtete die Zeitung "Le Figaro". Unterdessen wirft Oppositionspolitikerin Ségolène Royal Sarkozy vor, die Befreiung Betancourts durch das kolumbianische Militär für sich politisch zu nutzen. "Sarkozy hat mit der Befreiung nichts zu tun gehabt", betont sie. Der Élysée hatte bestätigt, dass Sarkozy erst kurz vor der öffentlichen Ankündigung über die Militäraktion informiert worden sei. Sarkozy hatte die Befreiung von Betancourt schon am Abend seines Wahlsiegs zu einer seiner Prioritäten erklärt und sich mit zahlreichen Appellen und - gescheiterten - Vermittlungsversuchen dafür eingesetzt.

Auf dem Flug nach Europa wurde Betancourt von ihren beiden Kindern Melanie und Lorenzo und weiteren Familienmitgliedern begleitet. Die Kinder waren erst in der Nacht zuvor zusammen mit Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner von Frankreich nach Kolumbien geflogen, um ihre Mutter nach der langen Geiselhaft wieder in die Arme zu schließen.

Kurz vor dem Abflug rief sie die Farc zu Friedensgesprächen mit der Regierung auf und forderte von den Rebellen, alle ihre etwa noch 700 Geiseln freizulassen. Betancourt war am Vortag zusammen mit 14 weiteren Geiseln bei der spektakulären Aktion "Schach" von den Streitkräften durch einen Trick und ohne Blutvergießen befreit worden.

Sarkozy hatte sich ebenso wie sein Amtsvorgänger Jacques Chirac intensiv um eine Freilassung Betancourts und anderer Geiseln bemüht. Ihre Vermittlungsversuche scheiterten jedoch genauso wie die des linksgerichteten venezolanischen Präsidenten Hugo Chàvez an der Unnachgiebigkeit der marxistischen Rebellengruppe "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens" (Farc) und des kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe.

Nach Informationen eines Schweizer Radiosenders soll die Befreiung der Politikerin Betancourt in Kolumbien inszeniert gewesen sein: Anführer der kolumbianischen Farc-Rebellen hätten für die Freilassung von Betancourt und 14 weiteren Geiseln rund zwanzig Millionen Dollar (12,6 Millionen Euro) bekommen, berichtete der Schweizer Radiosender RSR unter Berufung auf eine "glaubhafte" Quelle. Hinter dem Handel steckten die USA. Frankreich hat nach eigenen Angaben kein Lösegeld gezahlt.

Grauenhafte Gewalt erlitten

Der Schweizer Radiosender RSR berichtete weiter, die Frau eines Wächters der Geiseln sei der Schlüssel zu der Aktion gewesen. Sie sei nach ihrer Festnahme durch die Armee wieder in die Reihen der Farc eingeschleust worden und habe ihren Mann überzeugt, die Seiten zu wechseln. Die "Inszenierung" der Befreiung erlaube es dem kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe "seinen Kurs zu halten, der jegliche Verhandlungen mit den Rebellen ausschließt, während die Geiseln nicht freigelassen sind", hieß es in dem Schweizer Radiobericht weiter. "Dieses Bravourstück" stärke ihn vor den geplanten vorgezogenen Präsidentschaftswahlen.

Die 46-jährige Betancourt sagte vor ihrer Abreise in Bogota, sie habe in der mehr als sechs Jahre dauernden Gefangenschaft "grauenhafte" Gewalt erlitten. Die Rebellen hätten sie gefoltert und erniedrigt. Drei Jahre lang habe sie rund um die Uhr Ketten tragen müssen, sagte sie dem französischen Sender Europe 1. Sie habe "schwere Krisen" durchgemacht. "Es war so entsetzlich, dass es ihnen glaube ich selbst zuwider war." Dem Fernsehsender France 2 sagte sie: "Ich würde kein Tier so behandeln", wie sie behandelt worden sei. Was sie mit ihrer plötzlichen Freiheit nun tun werde, wisse sie noch nicht. Sie habe sich auf weitere Jahre in Gefangenschaft eingestellt gehabt und stehe noch "unter Schock".

DPA / DPA