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Falludscha: "Nur ein toter Mudschahedin ist ein guter Mudschahedin"

Berge von Leichen, eine Stadt, die völlig tot zu sein scheint: Bei der US-Offensive in Falludscha haben Luftangriffe, Panzerfeuer und Artilleriebeschuss die irakische Stadt in eine Trümmerwüste verwandelt.

Eine Fahrt durch Falludscha offenbart ein Bild der Verwüstung: Zahlreiche Gebäude, darunter auch Moscheen, sind dem Erdboden gleich gemacht worden, in den Trümmern liegen zerfetzte Leichen, Verwesungsgeruch zieht durch die Straßen. Die US-Armee hat Falludscha nach eigenen Angaben unter Kontrolle, dennoch gab es auch am Montag weiter Gefechte mit Rebellen, die aus ihrer Hochburg heraus monatelang zum Sturz der irakischen Übergangsregierung und der Vertreibung der US-Truppen aufgerufen hatten. US- und irakische Soldaten haben nach eigenen Angaben in der Stadt mehr als 1000 Aufständische getötet.

Keine Spur von Kämpfern

"Nur ein toter Mudschahedin ist ein guter Mudschahedin", sagt ein US-Soldat, während er mit seinem Armeefahrzeug an den Leichen vorbeifährt. Einige sind so zerfetzt, dass sich unmöglich sagen lässt, ob es sich um Rebellen oder Zivilisten handelt. Der Stadtteil Dscholan gleicht einer Geisterstadt. Verlassen sind die Rummelplätze, über die früher Eltern mit ihren Kindern bummelten. "Lang leben die Mudschahedin" steht auf einem Graffiti an einer Mauer. Von den moslemischen Kämpfern selbst fehlt jedoch jede Spur. Sie hatten die einst rund 300.000 Einwohner der Stadt zu einem "Heiligen Krieg" gegen die US-Truppen aufgerufen. Falludscha galt schon zu Zeiten des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein als Widerstandshochburg.

Doch von den Minaretten der Moscheen erschallen jetzt keine Aufrufe mehr zum Kampf gegen die "Ungläubigen". Das einzige, was zu hören ist, ist das laute Dröhnen der schweren US-Panzer, die durch die Stadt rattern. Unter dem Gewicht der 70 Tonnen schweren "Abrams"-Panzer platzen die Gehsteige auf. Auf beiden Seiten der Straßen liegen Häuser in Schutt und Asche. Andere Gebäude sehen aus, als seien sie schon vor Jahren verlassen worden. Ein verrußtes Schild weist auf ein Restaurant hin, in das es heute keine Gäste mehr zieht. Die Stadt scheint völlig tot zu sein, wären da nicht die beiden Iraker, die zwischen den Trümmern verzweifelt nach ihren Habseligkeiten suchen.

Drähte, Funkgeräte und religiöse Inschriften

Während ihrer Offensive haben die US-Soldaten offenbar zahlreiche Hinweise auf die Rolle der irakischen Stadt beim Aufstand gegen die amerikanischen Truppen entdeckt: Räume, in denen offensichtlich Geiseln geköpft wurden, oder Werkstätten zur Herstellung von Bomben. In einem dunklen Gebäude am Ende einer Gasse lagen die Materialien, die zum Bau von Sprengsätzen oder Autobomben genutzt werden können, wie sie bereits hunderte Iraker und US-Soldaten das Leben gekostet haben - Drähte, Mobiltelefone, Funkgeräte, eine Styroporschachtel mit Plastiksprengstoff und Tarnmasken mit religiösen Inschriften. "Das ist alles bedeutsam, weil dieses Zeug nicht das ist, was sich in einem durchschnittlichen Haushalt befindet", sagte Leutnant Kevin Kimner.

Waffenlager waren laut den Marineinfanteristen strategisch über dieses Viertel verteilt. Aufständische markierten viele der Waffenlager mit einem Ziegelstein oder Felsbrocken, der mit einer Schnur oder einem Stück Draht von den Gebäuden hing.

Zu den am meisten gefürchteten Waffen der Aufständischen zählen die Autobomben und Sprengsätze, mit denen Militärkonvois, aber auch Kirchen und Stätten angegriffen wurden, an denen sich Zivilpersonen versammeln. In einer der Bombenwerkstätten wurde ein Styroporcontainer in der Größe von zwei Schuhschachteln entdeckt, gefüllt mit Plastiksprengstoff und Drähten. Der Container war zur Tarnung mit Stoff bedeckt. Verstreut lagen Mobiltelefone, Walkie-Talkies und Funkgeräte, die üblicherweise als Zünder benutzt werden. Auch ein Computer und eine Schachtel mit professionellen Sprengstoffzündern wurden entdeckt. "Wir haben schon bessere gesehen", sagte der 25-jährige Leutnant Kimner. "Aber sie sind zuverlässig und funktionieren."

"Feiert meinen Tod"

Als Soldaten das Bombenlabor fanden, entdeckten sie auch Schriften, die sich mit dem Dschihad, dem so genannten Heiligen Krieg, befassen, sowie eine Lesung des Korans auf Cassette. Auch zwei Testamente lagen dort, adressiert an Freunde und Angehörige in Algerien. "Ich werde mich zu meinen Freunden im Himmel gesellen", hieß es in dem Letzten Willen. "Weint nicht um mich. Feiert meinen Tod."

Michael Georgy/Reuters / Reuters