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Fastenzeit im Arabischen Frühling Dieser Ramadan ist anders


Bislang war der heilige Monat der Muslime stark vom modernen Konsumdenken durchdrungen. Doch die Umstürze und Rebellionen zwischen Tunis und Damaskus haben fast alles verändert. Verzicht und Besinnung finden wieder zueinander.

Die Miene von Rafik Thebit, Verkäufer im trendigen Kairoer Innenstadt-Laden "Blue Nile", verdüsterte sich, als vor wenigen Tagen die Rede auf die Umsätze kam. "Die gestiegenen Preise halten die Leute von Großeinkäufen ab", sagte er leicht resigniert. Am Montag begann der Ramadan, der heilige Fastenmonat im Islam. Bis dahin hielten sich die Menschen bei ihren Einkäufen im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren deutlich zurück.

"Ein halbes Kilo Dörrfrüchte kostete vorher 10 Pfund (1,17 Euro) - jetzt 14. Der Kilopreis für Zucker sprang sogar von 2,75 auf 7 Pfund", bezifferte der Ladenangestellte präzise die Misere in der umsatzstärksten Zeit des Jahres.

Im Ramadan fasten die gläubigen Muslime von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang. In der selben Zeit enthalten sie sich auch des Trinkens, Rauchens und sexueller Handlungen. Die Selbstkasteiung soll die Menschen zu Einkehr und Besinnlichkeit bringen. Das Fastenbrechen am Abend (Iftar) wird im Freundes- und Familienkreis festlich begangen.

Die Welt der Muslime kann und will sich aber globalen Trends nicht verschließen: In jüngster Zeit wurden Iftar und Ramadan-Einladungen zunehmend auch zu einem Fest des Konsums. Nächtliches Fernsehen wurde zum aufregenden familiären Ramadan-Event. Die in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten entstandenen privaten arabischen Fernsehkanäle starten ihre neuesten Soaps und Serien just in jenem Monat. Das Anzeigengeschäft beschert ihnen in dieser Zeit besonders fette Einnahmen.

So war es bisher - doch dieser Ramadan ist anders. Denn erstmals bricht er über eine arabische Welt herein, die damit begonnen hat, ihre Despoten und autoritären Regime abzuschütteln. Die Ägypter und Tunesier vertrieben um die Jahreswende ihre Langzeit-Präsidenten von der Macht. Besonders am Nil ringt man mit den mächtigen Überresten des Ancien Régime um eine demokratische Zukunft. Der Prozess gegen den gestürzten "Landesvater" Husni Mubarak, der an diesem Mittwoch in Kairo beginnen soll, könnte dabei eine wichtige Zäsur markieren. Die Syrer und Libyer sind noch in einen blutigen, scheinbar zu einem Patt verurteilten Kampf mit ihren Tyrannen verstrickt.

In Ägypten war in den Tagen vor Ramadan-Beginn wenig vom Konsumfieber der vergangenen Jahre zu spüren. Umsturz, Straßenblockaden, Streiks und massive Ausfälle im Fremdenverkehr gingen den Bürgern an die ökonomische Substanz. "Alle sind verunsichert", meinte "Blue-Nile"-Verkäufer Thebit. "Die Leute halten ihr Geld zurück. Die Hersteller produzieren weniger, weil sie Angst haben, auf der Ware sitzen zu bleiben. Wir haben kaum etwas auf Lager und bestellen nach Bedarf. Auch das treibt die Preise in die Höhe."

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo, dem Epizentrum der Revolution gegen Präsident Husni Mubarak, haben sich die Demokratieaktivisten Anfang Juli zu einer Dauerbesetzung niedergelassen. Sie wollen ihren unerfüllten Forderungen nach echten Justiz- und Polizeireformen Nachdruck verleihen. Der Großteil der Besetzer zog am Sonntag ab. Andere blieben, vor allem Angehörige von Opfern der Mubarak-Justiz.

Händler aus den umliegenden Geschäftsvierteln und gestresste Ramadan-Shopper des letzten Augenblicks lieferten sich am Sonntagnachmittag mit den restlichen Protestierern Schreiduelle, die in Handgreiflichkeiten ausarteten. Die Nerven lagen blank. Die Blockade des Tahrir-Platzes lähmt den ohnehin schon angespannten Autoverkehr in der Innenstadt von Kairo. Die Geschäftsinhaber klagen über enorme Umsatzeinbrüche, weil sie von den Kunden abgeschnitten sind.

Offen ist, was der Ramadan für die noch unentschiedenen Konflikte in Syrien und Libyen bedeutet. Die Gegner von Baschar al-Assad und Muammar al-Gaddafi sind auch stark religiös motiviert. Im islamischen Denken hat der Märtyrertod im Ramadan besonderes Gewicht. In Libyen könnte das Fasten am Tage die bewaffneten Aufständischen aber auch in ihren Aktionen bremsen. Zwar nehmen die Vorschriften jene, die im Krieg stehen, ausdrücklich von der Fastenpflicht aus. Doch oft wollen diese Kämpfer sich selbst und anderen beweisen, dass sie auch diese zusätzliche Erschwernis meistern.

In Syrien ringen die Bürger unbewaffnet mit den Schergen des Regimes. Die Moscheen waren schon bislang die natürlichen Zentren des Widerstands gegen das Assad-Regime. Im Ramadan finden sich die Gläubigen nicht nur wie sonst am Freitag, sondern an jedem Abend in den Gotteshäusern ein, um gemeinsam zu beten - und gemeinschaftliche Angelegenheiten zu diskutieren. Das könnte zum Ausgangspunkt neuer, intensivierter Proteste werden. Syrische Aktivisten gaben bereits die Parole aus: "Im Ramadan ist jeden Tag Freitag!"

Das Assad-Regime wollte dem offenbar zuvorkommen. Es ließ am Sonntag seine Panzer und Soldaten in die Städte Hama und Deir al-Zor einmarschieren, wichtige Zentren des Bürgerwiderstandes. Über 140 Menschen wurden allein an jenem Tag getötet. Die Syrer betrauern sie als die ersten "Märtyrer" dieses Ramadans.

Gregor Mayer, DPA DPA

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