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Frankreich: Hauptverdächtiger nach Foltermord gefasst

Ein 23 Jahre alter jüdischer Junge wurde in Frankreich von einer Bande zu Tode gefoltert - sie wollte Lösegeld erpressen. Die Täter sind inzwischen gefasst, die Angst vor einem neuen Antisemitismus steigt.

Nach der offenbar auch antisemitisch motivierten Ermordung eines Pariser Juden hat sich das politische Frankreich um die erschütterte jüdische Gemeinde geschart. Staatspräsident Jacques Chirac, Premierminister Dominique Villepin und Sozialistenführer François Hollande wohnten am Donnerstag der Trauerfeier für den ermordeten Ilan Halimi bei. Villepin rief nach der eineinhalbstündigen Zeremonie in der Pariser Synagoge la Victoire, einer der größten Europas, zur nationalen Solidarität auf.

Ilan Halimi war am 21. Januar verschleppt worden. Am 13. Februar fand man ihn nackt und mit Handschellen gefesselt an einer Bahnlinie im Süden von Paris, sein Körper war mit Brandwunden übersät. Die Täter hatten ihn nach Aussage eines Verdächtigen mit einer brennbaren Flüssigkeit überschüttet und angezündet, um eigene Genspuren zu verwischen. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der 23-Jährige wurde ausgewählt, weil er Jude war und die Täter annahmen, von den "reichen Juden" 450.000 Euro erpressen zu können.

"Frankreich hat nicht seine Seele verloren"

Die Trauerfeier vereinte alle politischen Parteien sowie religiöse Führer islamischer und jüdischer Vereinigungen. Rund 1500 Personen nahmen an der Messe teil. Großrabbiner Joseph Sitruk sagte nach der eineinhalbstündigen Zeremonie: "Frankreich hat nicht seine Seele verloren. Es muss das Land der Aufklärung bleiben, das es schon immer gewesen war."

Fast zeitgleich fand in Bagneux, dem Pariser Vorort, in dem das schreckliche Verbrechen stattfand, ein Schweigemarsch statt. Auch der französische Senat legte eine Gedenkminute ein. Für Sonntag haben alle großen Parteien sowie verschiedene Religions- und Menschenrechtsverbände zu einer Kundgebung in Paris aufgerufen.

"Dieser Fall ist sehr ernst"

Auch wenn das Hauptmotiv der Täter anscheinend auf das Lösegeld ausgerichtet war, löste ihr antisemitisches Weltbild, das Juden mit Geld gleichsetzt, Entsetzen aus. Frankreich fürchtet sich um eine Brutalisierung des Judenhasses und vereint sich um die jüdische Gemeinde.

Innenminister Nicolas Sarkozy teilte mit, die Bande habe seit Dezember versucht, sechs weitere Menschen zu entführen - vier von ihnen seien ebenfalls Juden gewesen. "Dieser Fall ist sehr ernst, denn es ist das erste Mal in 60 Jahren, dass ein Mensch getötet wurde, weil er jüdisch war", sagte der Vorsitzende des Verbands jüdischer Organisationen, Roger Cukierman, in einem Interview. Die "allgemeine Atmosphäre" antijüdischer Gefühle könne schwache Persönlichkeiten beeinflusst haben. Die Ermordung Halimis "ist ein Beispiel dafür, wohin Vorurteile gegen Juden führen können".

Nicht der erste Antisemitismus-Vorwurf

Gegen 13 Verdächtige, darunter drei Frauen, wurden Verfahren eingeleitet. Der Kopf der Bande, Youssef Fofana, der sich "Das Gehirn der Barbaren" nennt, wurde in Abidjan in Elfenbeinküste festgenommen. Innenminister Nicolas Sarkozy forderte seine sofortige Auslieferung. Sollte der 25-jährige Fofana außer der französischen Staatsangehörigkeit auch die des westafrikanischen Landes besitzen, könnte sich die Auslieferung, die für die kommenden Tage vorgesehen ist, jedoch beachtlich verzögern.

Es ist nicht das erste Mal, dass Frankreich in den vergangenen Jahren mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert wird. In dem Land mit der größten muslimischen und jüdischen Gemeinschaft in Europa spiegelte sich die Eskalation des Nahost-Konflikts 2000 in einem deutlichen Anstieg antisemitisch motivierter Zwischenfälle.

Nahost-Konflikt in Frankreichs Schulen

Der Konflikt wurde auch in den Schulen ausgetragen, einige muslimische Schüler weigerten sich, den Holocaust im Unterricht durchzunehmen. Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon verwies 2004 auf einen wachsenden Antisemitismus in Frankreich und rief die dort lebenden Juden auf, nach Israel auszuwandern. Bei seinem Staatsbesuch im vergangenen Jahr lobte Scharon dann jedoch den Kampf der Regierung gegen den Antisemitismus.

Viele französische Juden reagierten verärgert, als Staatspräsident Chirac 2004 den sterbenden palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat zur medizinischen Behandlung nach Frankreich ließ. Zuletzt waren die antisemitischen Übergriffe nach offizieller Darstellung wieder deutlich rückläufig.

Jamey Keaten/AP / AP