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Macron gegen Le Pen: Außenseiter und schmutziger Wahlkampf: Das müssen Sie zur Frankreich-Wahl wissen

Am Sonntagabend wird der neue Präsident oder die neue Präsidentin von Frankreich gewählt. Wir fassen zusammen, was sie über den Wahlvorgang und die Kandidaten wissen müssen - und erklären die Probleme rund um die Wahl.

Am Sonntag wählen 47 Millionen Franzosen ihren Präsidenten. Die 66.546 Wahlbüros öffnen ab 8 Uhr und schließen um 19 Uhr. Wer vor 20 Uhr ein Ergebnis verkündet, zahlt 75.000 Euro Strafe.

Beim ersten Wahlgang am 22. April haben zwei Kandidaten gewonnen, die sich zu Außenseitern des Systems stilisiert haben. 5 Jahre unter dem amtierenden Präsidenten François Hollande haben Frankreich den Glauben an die etablierten Parteien verlieren lassen. Die traditionellen Parteien liegen am Boden.

Emanuel Macron hat in der ersten Runde 24,01% der Wählerstimmen erhalten. Für ihn war es die erste Wahl seines Lebens. Vor 3 Jahren noch war er ein Unbekannter. Er hat keine Partei hinter sich, nur die neu gegründete Bewegung „En Marche!" Vor seinen Anhängern geriert sich das Fleisch gewordene Ausrufezeichen wie ein manischer Motivationstrainer, der bei einer Dopingkontrolle Probleme bekommen könnte. Diese Energie wird er gebrauchen können, wenn er sich nach einem möglichen Wahlsieg die erforderlichen Mehrheiten zur Verwirklichung seines Programms suchen muss.

5 Maßnahmen nach dem Sieg von Macron:

5 Maßnahmen nach dem Sieg von Macron:

- Reform des Arbeitsrechts zugunsten der Arbeitgeber

- Verbot für Parlamentarier, Familienmitglieder einzustellen

- Grundschulreform: Keine Klasse mit mehr als 12 Schülern

- Entlassung von 120.000 Beamten

- Künstliche Befruchtung auch für homosexuelle Frauen 

Marine Le Pen hat im ersten Wahlgang 7,6 Millionen Stimmen bekommen. Es ist das beste Ergebnis der Partei seit ihrer Gründung. Und das, obwohl der Europaabgeordneten Le Pen eine Aufhebung ihrer Immunität droht. Sie steht im Verdacht, ihre Partei mit Zahlungen für fiktive Parlamentsassistenten finanziert zu haben. Die Polit-Skandale der Vorsitzenden haben der Partei nicht geschadet. Im Gegensatz zum Kandidaten François Fillon, der seinen komfortablen Vorsprung in den Umfragen verspielt hat. Moralisch fragwürdiges Verhalten scheint nur für traditionelle Parteien schädlich.

5 Maßnahmen nach dem Sieg von Le Pen:

5 Maßnahmen nach dem Sieg von Le Pen:

- Aussetzung legaler Immigration

- Referendum über EU-Verbleib Frankreichs

- Aussetzung des Schengen-Abkommens, sofortige Kontrollen an allen Landesgrenzen

- Sozialhilfe nur noch für französische Staatsbürger, Sozialwohnungen vorrangig für französische Staatsbürger

- Wie Marine Le Pen mit dem Euro verfahren würde, ist unklar

Die rechtsradikale Partei „Front National“ steht nun zum zweiten Mal in der Stichwahl um das Präsidentenamt: 2012 stand Marine Le Pens Vater Jean-Marie dem konservativen Jacques Chirac gegenüber. Er erhielt damals 3 Millionen Stimmen weniger als seine Tochter heute.

Marine Le Pen ist es gelungen, den rechtsradikalen Kern der Partei zu verschleiern. Doch manchmal bricht das wahre Gesicht der Partei zum Vorschein: So wurde in der vergangenen Woche der designierte Parteivorsitzende Jean-François Jalkh mit einem Interview aus dem Jahre 2000 konfrontiert, in dem er die Existenz von Gaskammern geleugnet hatte. Er wurde ersetzt.

Macron liegt vor Le Pen

Doch nicht einmal ein solcher Skandal empört die französischen Wähler wirklich. Das war 2012 noch ganz anders: Als Marine Le Pens Vater damals in die Stichwahl kam, gingen Tausende auf die Straße. Und sämtliche Parteien riefen dazu auf, sich hinter Jacques Chirac zu versammeln. Die große Mehrheit der Franzosen vereinigte sich zu einer „Republikanischen Front“.

Diese Einigkeit gegen den rechtsradikalen Front National ist heute verloren. Nach dem ersten Wahlgang weigerten sich viele einflussreiche Politiker und Intellektuelle, eine Wahlempfehlung für Emanuel Macron abzugeben. Der Kandidat der Linken, Jean-Luc Mélenchon, und einige Kandidaten der Republikaner taktierten und lavierten. Der Philosoph Michel Onfray wütete gegen den Kandidaten von „En marche!“

Trotzdem liegt Macron in den letzten Unfragen mit 63 % weit vor Marine Le Pen (37 %).

Der Wahlkampf zwischen den beiden Wahlgängen war ungewöhnlich hart. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Nizza riefen Hunderte von Le Pen-Anhängern: „Macron, Macron, wir ficken dich!“ Im Internet zirkulierten Verdächtigungen, Macron unterhalte ein Offshore-Konto auf den Bahamas. Marine Le Pen griff diesen Vorwurf während der TV-Debatte zwischen beiden Kandidaten auf. Macron erstattete Anzeige gegen Unbekannt wegen Verleumdung.

Damit nicht genug: Unter dem Hashtag #MacronLeaks verbreiteten Hacker interne Mails der Bewegung „En Marche!“ und vermischten sie mit Fake News. Darüber hinaus ließen Führungskräfte des „Front National“ gefälschte SMS zirkulieren, die suggerieren sollten, Macrons Wahlkampfzentrale hätte zu Gewalt gegen Marine Le Pen aufgerufen. In den letzten Tagen verwandelte sich der Wahlkampf in einen Cyber-Krieg.


Frankreich: Der Ekel der Wähler

Vielleicht ist dies der schmutzigste Wahlkampf, den Frankreich je erlebt hat. Der politische Diskurs ist unter dem Erstarken der rechtsradikalen Populisten verroht. Das wird den Ekel der Wähler vor der Politik noch verstärken.


Die französischen Politiker werden es in den kommenden Wochen nicht einfach haben, ihre Legitimation zu beweisen. Großen Teilen der Linken sind beide Kandidaten gleichermaßen zuwider. Le Pen verkörpert Rassismus, Macron Neoliberalismus.Für sie ist diese Wahl eine Entscheidung zwischen „Pest und Cholera“. So lautete die Parole auf ihren Kundgebungen.

Auch zahlreiche konservative Wähler wissen nicht, wem sie ihre Stimme geben sollen: Le Pen ist ihnen zu radikal, Macron betrachten sie als den Erben des verachteten François Hollande. Viele werden sich enthalten oder ungültige Wahlzettel abgeben. Und die meisten werden wohl einzig aus Verlegenheit für Macron stimmen.

Am Montag wartet auf den neuen Präsidenten Frankreichs ein Land, in dem sich radikalisierte Lager unversöhnlich gegenüberstehen. Wer auch immer Präsident wird: Mehr als drei Viertel der Franzosen werden sich nicht von ihm vertreten fühlen. Und viele sind vom politischen Spektakel der letzten Wochen angewidert.