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Meinung

Spitzentreffen in Südfrankreich: Hat sich das Format überholt? Das G in G7 steht mehr für Gegner als für Gemeinsamkeit

Kaum ein G7-Gipfel fühlte sich überflüssiger an als der diesjährige. Es ist an der Zeit, das Format zu überdenken - vielleicht hilft es ja, nicht Harmonie vorzugaukeln, wo keine ist. Ein Treffen der größten Wirtschaftsmächte der Welt sähe ohnehin anders aus.

Gastgeber Frankreich: Das ist der Gipfel! G7-Treffen macht Biarritz zu schaffen

So wie es immer war, soll es nicht mehr sein. Gut, schon die letzten beiden G7-Gipfel waren nicht mehr so wie früher. 2017 mischte US-Präsident Donald Trump erstmals mit, widersprach oft und machte aus dem Treffen de facto eine G6-Veranstaltung. Im Jahr darauf zog er die Abschlusserklärung – quasi die Teilnehmerurkunde – auf seiner Rückreise zurück. Damit es im Seebad Biarritz nicht wieder zu so einem Fiasko kommt, soll es diesmal erst gar keine Abschlusserklärung geben, hat Gastgeber Emmanuel Macron entschieden. "Die liest eh keiner, muss man doch mal ehrlich sagen", so der O-Ton des französischen Präsidenten.

Abschlusserklärungen wie Nichtigkeiten

Vielleicht ist das eine gute Idee von Macron, denn das Beharren auf Abschlusserklärungen rückte immer etwas zu plakativ Einigkeit in den Vordergrund – auch wenn da keine war oder sie nur aus selbstverständlichen Nichtigkeiten bestand: "Wir verpflichten uns, diese Herausforderungen anzugehen und unsere Bemühungen fortzusetzen, Wachstum für alle zu erreichen", hieß es etwa 2015 nach dem Treffen auf Schloss Elmau. Ach was. Hätte nur noch gefehlt, dass die Staats- und Regierungschefs ihre Beschlüsse Cancan-tanzend vortragen.

Dass nicht einmal die sieben wirtschaftsstärksten Staaten der Welt – von Japan abgesehen allesamt rein westlich geprägt – es nicht schaffen, sich im Jahr 2019 auf verhältnismäßig einfache Lösungen zu einigen, liegt nicht nur am großen Spalter aus Übersee. Donald Trump war vielleicht der erste, der dort offen sein Missfallen kundtat. Mittlerweile sitzt mit Großbritanniens neuem Premier Boris Johnson ein weiterer Populist am Tisch, und wäre der Coup geglückt, hätte Italien mit Matteo Salvini sogar einen waschechten Rechtsextremisten nach Biarritz entsandt.

Donald Trump G7 in Malbaie

Donald Trump beim G7-Gipfel 2018. Das Bild eines trotzigen US-Präsidenten, auf den die Verbündeten verärgert einreden, ging um die Welt.

DPA

Wie wäre es, die Schrullen der anderen zu akzeptieren?

Dass das G in G7 immer öfter für Gegner als für Gemeinsamkeit steht, kommt angesichts der politischen Großwetterlagen natürlich zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Aber vielleicht ist es ein guter Zeitpunkt für ein klärendes Beziehungsgespräch. Die Streithansel könnten darin etwa übereinkommen, dass nicht jedes Wochenende dieser Art superduperharmonisch enden muss. Die USA und Deutschland müssen in Handelsfragen nicht immer zwingend an einem Strang ziehen. Sollen Frankreich und Italien doch Truppen zum Anti-IS-Kampf nach Syrien schicken. Manche Partnerschaften werden enger, wenn sich die Beteiligten gegenseitig ihre Macken und Schrullen zugestehen.

Vielleicht aber hat sich das Format in dieser Zusammensetzung auch einfach überholt. Denn wenn es nach der tatsächlichen Wirtschaftskraft der Teilnehmer ginge – sich also die größten Industrienationen der Welt treffen würden - dann wären Staaten wie Italien oder Kanada ohnehin schon lange nicht mehr dabei. Dann wären die G7 ein Klub mit anderthalb Europäern (Deutschland und Russland), viereinhalb Asiaten (China, Indien, Japan, Indonesien und Russland) sowie den USA. Das wäre mal eine Runde mit ordentlich Schmackes. Es wäre aber auch das Eingeständnis, dass der alte Westen auf der Weltbühne zunehmend eine Nebenrolle spielt.