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Anschlag auf Synagoge: Gab.com - Online-Heimat von Nazis, Judenhassern und vom Pittsburgh-Attentäter

Das soziale Netzwerk Gab.com fühlt sich der freien Rede verpflichtet - und lockt damit vor allem Rechte, Rassisten und Antisemiten an. Darunter auch den Synagogen-Attentäter Robert Bowers. Nicht zum ersten Mal hat Gab.com Ärger wegen seiner Nutzer.

Gab.com-Screenshot

Screenshot von Gab.com als der Dienst noch online war

stern

Elf Menschen sind tot - gestorben im Kugelhagel eines des mutmaßlichen Schützen, Robert Bowers, der offenbar ein Judenhasser ist. Der Angriff in der Lebensbaum-Synagoge von Pittsburgh, Pennsylvania, sei "wahrscheinlich" der tödlichste antisemitische Anschlag der US-Geschichte, erklärte die auf Beobachtung und Bekämpfung des Antisemitismus spezialisierten US-Organisation Anti-Defamation League. Dem Mann droht nun die Todesstrafe.

Gab.com besonders bei Rechten beliebt

Bowers soll der Verfasser einer Serie von antisemitischen Botschaften sein, die im Onlinenetzwerk Gab.com veröffentlicht wurden - eine davon nur wenige Stunden vor dem Angriff auf die Synagoge. In diesem Eintrag wird die jüdische Flüchtlingshilfeorganisation Hias angegriffen: "Hias holt gerne Eindringlinge, die unsere Leute töten. Ich kann nicht sitzen bleiben und zusehen, wie meine Leute abgeschlachtet werden. Scheiß auf Eure Sichtweise, ich gehe rein." Solche Art von Hetze ist typisch für Gab.com – die soziale Plattform ist vor allem bei Nationalisten und Mitgliedern der rassistischen Alt-Right-Bewegung beliebt.

Derzeit müssen die Mitglieder auf die Nutzung ihres Netzwerk verzichten, denn Gab.com ist nicht erreichbar - lediglich ein kurzer, leicht pampiger Kommentar ist auf der Startseite zu lesen: "Gab.com wird angegriffen. Wir wurden systematisch von App Stores, Providern und Bezahldiensten rausgeworfen. Wir wurden von den Mainstream-Medien verleumdet, weil wir das Recht auf Meinungsäußerung verteidigen. Gab wird weiter für das Menschenrecht kämpfen, frei sprechen zu dürfen." Wie lange die Plattform offline sein wird, ist unklar. Grund für die Abschaltung ist, dass die beiden Provider Joyent und GoDaddy Gab.com de facto rausgeworfen haben.

Gab.com - neu und sehr klein

Das Netzwerk wurde erst im August 2016 von den US-Internetunternehmern Andrew Torba und Ekrem Büyükkaya gegründet. Laut der US-Börsenaufsicht hatte Gab.com im September 630.000 Nutzer, was im Vergleich zum März zwar ein Plus von mehr als 200.000 Usern ist, im Vergleich zu den Sozialen-Netzwerk-Giganten aber nur ein Klacks. Allein Twitter hat 325 Millionen aktive Nutzer, davon alleine 67 Millionen in den USA. Obwohl Gab.com so klein ist, beschäftigt es schon länger die Großen der Branche. Noch vor zwei Monaten drohte Microsofts Cloud-Dienst Azure damit, Gab.com wegen antisemitischer Hetze die Server abzuklemmen.

Seine unrühmliche Bekanntheit verdankt Gab.com seinen prominenten Mitgliedern wie dem rechtsextremen Verschwörungstheoretiker Alex Jones, dem Gründer der Neonazi-Postille "Daily Stormer" Andrew Anglin und dem schillernden Großhetzer Milo Yiannopoulos. Beide tummeln sich oft auf der Plattform herum. Für Jones, der zuletzt bei Twitter gesperrt worden war, ist Gab.com so etwas wie eine neue Heimat geworden. Laut den Unternehmensstatuten ist das Netzwerk zwar offen für alle politische Seiten, doch laut Firmengründer Torba wurde es explizit als Gegengewicht zu den "linksdominierten Groß-Sozial-Plattformen" gegründet, wie er der US-Seite Buzzfeed sagte.

Wenig überraschend hat diese Selbstverständnis schnell viele Anhänger der so genannten Alt-Right angelockt, die die lockere Meinungspolitik für ihre Sache ausschlachten – immer wieder hat Gab.com wegen antisemitischer Posts Probleme bekommen und ist aus den großen App Stores geflogen. Bei Apple ist die Software schon seit 2016 nicht mehr erhältlich, Google hat Gab.com wegen Hassreden gesperrt. Auch bei Bezahlanbietern wie PayPal und Stripe ist das Netzwerk nicht länger erwünscht.

Schlechte Erfahrungen mit "Alles-ist-möglich"

Rechtsextreme und Nationalisten werden die Abschaltung von Gab.com vermutlich als Beweis für ihre These interpretieren, dass irgendwelche obskuren Verschwörer ihre Ansichten zensieren und von der Öffentlichkeit fern halten. Womit sie insofern Recht haben, als dass die meisten Sozialen Medien schlechte Erfahrungen mit dem "Alles-ist-möglich"-Ansatz gemacht haben. "Wenn man alles zulässt, was das US-Gesetz zulässt, dann setzen sich meistens die unangenehmsten Inhalte durch, wie Micah Schaffer, früherer Manager bei YouTube und Snap der "New York Times" sagte. Was kein Wunder sei: "Wenn eine Online-Community von Pornos, Enthauptungen und Rassisten dominiert wird, beschließen eben die meisten Menschen, dass dies kein guter Ort für Babybilder ist."

Gab Screenshot

"Gab wird angegriffen" - Die aktuelle Ansicht der Seite Gab.com

stern

Gab.com fühlt sich jedoch zu Unrecht an den Pranger gestellt. Im Gegenteil, Firmenchef Torba glaubt, gerade weil er auf der Seite aktiv gewesen war, seien die Ermittler auf die entscheidenden Hinweise gestoßen: "Ohne Gab.com hätten sie nicht diese Beweise. Wir sind stolz mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten und den mutmaßlichen Terroristen zur Verantwortung zu ziehen", so Torba laut der "New York Times".

Quellen: "New York Times", "Wired", "The Verge", "Business Insider", "Buzzfeed News