Geiseldrama von Beslan Putin scheut öffentliche Untersuchung


Russlands Präsident Putin ist gegen eine öffentliche Untersuchung des Geiseldramas von Beslan, weil er mit einer "politischen Show" rechne. Wegen des Geiseldramas hat Putin nun auch seinen Deutschland-Besuch abgesagt.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich gegen eine öffentliche Untersuchung des Geiseldramas von Beslan ausgesprochen. Dies berichtete die britische Zeitung "The Guardian" nach einem Gespräch Putins mit ausländischen Korrespondenten bei Moskau. Putin kündigte eine interne Aufarbeitung der Tragödie an.

In Russland herrscht Staatstrauer für die offiziell 335 Opfer des blutigen Geiseldramas, von denen fast ein Drittel bislang nicht identifiziert werden konnte. Insgesamt wurden in Krankenhäusern Russlands am Montag noch 565 Verletzte behandelt, unter ihnen 347 Kinder.

Putin warnt vor "politischen Show"

Wenn das russische Parlament eine eigene Untersuchung machen wolle, werde er sich nicht dagegen sträuben, sagte Putin. Er warnte jedoch, dass es zu einer "politischen Show" werden könne. Eine mögliche Aufarbeitung der Geschehnisse in Beslan durch das Parlament würde nicht "sehr produktiv sein", sagte der Präsident weiter.

Putin hatte eine Gruppe ausländischer Journalisten und Wissenschaftler mit großer Russlanderfahrung zu einem speziellen Treffen in sein Landhaus außerhalb von Moskau eingeladen, schrieb der "Guardian" weiter.

Bei dem Gespräch habe sich der russische Präsident auch gegen Gespräche mit Führern der tschetschenischen Rebellen ausgesprochen. Es gebe keine Verbindungen zwischen der russischen Tschetschenien-Politik und den Ereignissen in Beslan, betonte Putin.

Nach dem Geiseldrama hat der russische Präsident Wladimir Putin unterdessen seinen zweitägigen Deutschlandbesuch abgesagt. Ein Kremlsprecher teilte in Moskau mit, der für Ende der Woche geplante Besuch werde zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt. Putin wollte am Freitag und Samstag nach Deutschland kommen und auch Bundeskanzler Gerhard Schröder treffen.

Verdächtiger macht Maschadow für Geiselnahme mitverantwortlich

Der nach dem Geiseldrama von Beslan festgenommene Verdächtige hat den tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew und den früheren Präsidenten Aslan Maschadow als Drahtzieher des Verbrechens bezeichnet. Der Anführer der Geiselnehmer habe erklärt, sie handelten im Auftrag der beiden Tschetschenen-Führer, sagte der Mann am Montag im russischen Staatsfernsehen. Maschadow hatte am Donnerstag jegliche Beteiligung an der Geiselnahme zurückgewiesen. Er war von 1997 bis 2000 Präsident Tschetscheniens und tauchte nach der Besetzung Grosnys durch russische Truppen in den Untergrund ab.

Russische Medien warfen die Frage auf, wieso die Geiselnehmer bereits vor dem Überfall auf die Schule unbemerkt große Mengen Sprengstoff in das Gebäude schaffen konnten. "Warum die Strafvollzugsbehörden zuließen, dass eine ganze Kolonne von Kämpfern an allen Kontrollen vorbei in die Stadt gelangte - das ist etwas, was nur anhand von Gerüchten bewertet werden kann", schrieb die Zeitung "Nowje Iswestia" am Montag. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur ITAR-Tass hatten die Terroristen bei Bauarbeiten in der Schule Waffen, Munition und Sprengstoff auf dem Gelände versteckt. ITAR-Tass berief sich auf einen nicht näher identifizierten Sicherheitsbeamten.

Journalisten nach Berichterstattung über Geiseldrama festgenommen

Georgien forderte am Montagabend die Freilassung von zwei während des Geiseldramas in Russland festgenommenen georgischen Journalisten. Die beiden Reporter des Privatsenders Rustawi-2 seien am Freitag in der nordossetischen Stadt Beslan verhaftet worden, als sie über die dreitägige Geiselnahme in der Schule berichteten. Die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete unter Berufung auf Sicherheitskreise, die georgischen Reporter hätten keine gültigen Reisedokumente bei sich gehabt.

Auch ein Journalist des Fernsehsenders Al Arabija, der über das Geiseldrama berichtet hatte, wurde festgenommen. Amro Abdel Hamid, der Leiter des Al-Arabija-Büros in Moskau, sei am Montag auf dem Rückweg aus Beslan in Gewahrsam genommen worden, teilte ein Mitarbeiter mit.

Ebenfalls am Montag war der Chefredakteur der angesehenen russischen Tageszeitung "Iswestia", die besonders emotional über das Geiseldrama berichtet hatte, zurückgetreten. Raf Schakirow sagte dem Sender Radio Liberty, er sei wegen der Zeitungsausgabe vom Samstag zum Rücktritt gezwungen worden. Einen Tag nach der blutigen Beendigung des Geiseldramas durch die russischen Sicherheitskräfte hatte „Iswestia“ großformatige und schockierende Fotos von verwundeten und toten Kindern gezeigt.

Zehntausende gehen in Rom für Kinder von Beslan auf die Straße

Zum Gedenken an die getöteten Kinder von Beslan sind in Rom Zehntausende auf die Straße gegangen. Die Demonstranten verurteilten jegliche terroristischen Angriffe. "Sie können unsere Zukunft nicht töten", hieß es auf einem Transparent. Viele Demonstranten hielten Kerzen in der Hand und zogen schweigend durch die Stadt. "Die Kinder von Beslan sind wie unsere eigenen Kinder", sagte ein Kundgebungsteilnehmer, Francesco Castelli. Den Marsch hatte Bürgermeister Walter Veltroni mitorganisiert. Italien hat auch Hilfsgüter und Medikamente nach Russland geschickt.

AP/DPA AP DPA

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