George W. Bush Mission verfehlt


Lügen, Kriege, Wirtschaftskrise: Acht Jahre George W. Bush haben seinem Land, ja sogar der ganzen Welt geschadet. Er selbst zeigt keine Reue, noch nicht einmal in seinen letzten Tagen im Amt. Verlassen von vielen Vertrauten, bleibt Bush nur die Hoffnung auf den Lauf der Geschichte.
Von Katja Gloger, Jan Christoph Wiechmann und Tobias Betz

Es sind noch 86 Tage. Dann wird er das Weiße Haus verlassen. Sein Nachfolger wird vor dem Kapitol seinen Amtseid ablegen, eine neue Zeit wird beginnen. Die Ära nach George W. Bush. Wie viele US-Präsidenten vor ihm, ist auch er eine "lahme Ente" in seinen letzten Wochen. Und doch ist etwas anders: So schlimm stand es seit Jahrzehnten nicht mehr um sein Land, sein Amt. Unpopulär? Das wäre noch ein Kompliment. Noch nie war ein Präsident so unglaubwürdig, wird selbst von seinen eigenen Wählern so verachtet. George W. Bush kennt seine Umfragewerte genau. Lange hat er dagegen gekämpft, war enttäuscht, wütend. Mittlerweile nimmt er sie als eine Art Ehrenabzeichen. Je schlechter seine Werte, desto selbstbewusster gibt er sich: "Nie habe ich daran gezweifelt, dass wir das Richtige tun", sagte er noch vor wenigen Monaten. "Nicht ein einziges Mal."

Bush war angetreten, Moral und Werte wieder fest im Weißen Haus zu verankern. Er war angetreten, eine "bescheidene Außenpolitik" zu betreiben. Zumindest hatte er dies im Wahlkampf versprochen. Acht Jahre später reibt man sich verwundert die Augen. Diesen Bush von 2000 hat die Welt nie kennengelernt.

Marvin Olasky schuf den Begriff "Compassionate Conservatism", mit dem Bush die Wahl 2000 gegen Al Gore gewann. Er wurde Bushs Freund und Berater und stellt heute fest, dass sie vieles nicht umsetzen konnten von dem, was sie sich vor acht Jahren gemeinsam vorgenommen hatten. Aus dem mitfühlenden Konservativen Bush wurde der polarisierende Hardliner, aus dem Versöhner der Spalter. Ein Kriegspräsident. Er hat zwei Kriege begonnen, und wusste danach nicht, wie er sie beenden sollte. Er hat die Bürgerrechte der Amerikaner beschnitten, die Vereinten Nationen belogen, das internationale Recht verachtet, Folter und Geheimgefängnisse geduldet und dem Ansehen Amerikas in der Welt geschadet. Er hat zu spät reagiert, als in New Orleans die Dämme brachen und die Finanzkrise lange geleugnet. Er ist ein Präsident, der vor seinen Trümmern steht.

"Um ihn herum herrscht Resignation", beobachtete der Starautor Bob Woodward, als er Bush im Mai interviewte. Im vergangenen Jahr haben gleich zehn seiner engsten Mitarbeiter das Weiße Haus verlassen. Sie alle atmeten auf, als sie endlich draußen waren, wieder leben durften.

Bush schaut nicht zurück

Er aber bleibt in seiner Festung, gefangen im Labyrinth seiner absoluten Wahrheiten. Er klammert sich an seine Rituale, den festen Tagesablauf. Um 5.00 Uhr aufstehen, die tägliche Bibellektüre, in den Zeitungen der Sportteil. Manchmal liest ihm Gattin Laura aus den beißenden Kommentaren der New York Times vor, das schluckt er dann. Um 6.30 Uhr beginnt sein Arbeitstag, um 16.30 Uhr eisern eine Stunde Workout, um 21.30 Uhr zieht er sich zurück. Nahezu fanatisch betreibt er Sport, sein Ventil. Er spricht dabei gerne von "Wettkampf". Aber er meint Kampf. Wer sich auf seiner Ranch in Crawford oder auf dem Übungsgelände des Secret Service bei Washington auf eine Mountainbike-Tour mit ihm einlässt, muss sich auf zwei Stunden Hoechsttempo durch unwegsames Gelände gefasst machen. Immer fährt er vornweg. Und schaut nicht zurück.

Denn Bush ist keiner, der reflektiert, der Dinge abwägt, der auch mal einen Fehler einräumt. Bush ist ein Entscheidungssüchtiger. "Er hinterfragt sich und seine Entscheidungen einfach nicht, so wie wir es meistens tun", berichtete sein langjähriger Freund Jim Francis einem Reporter der New York Times "Dies gibt ihm ein großes Gefühl der Sicherheit in seinem Amt."

Eine Sicherheit, die er vielleicht als Kind nie hatte. George W. Bush kämpfte immer bergauf, nie ging es dabei um Kompromisse. Er, der erstgeborene Sohn, der unter dem Zynismus und der Härte seiner Mutter aufwuchs, denn sein Vater war ja immer nur der ferne Strippenzieher: Niemals Gefühle zeigen. Niemals Zugeständnisse machen. Niemals aufgeben. Ängste? Wurden versteckt. Der reiche Senatorensohn mit Harvard Business School Abschluss, der schon aus Familientradition lässig den Anspruch formulieren konnte: Was ein Bush macht, ist eigentlich immer richtig. Zweifel? Waren nie erlaubt.

In dieser Familie fand George W. zunächst seine Rolle als Familienclown, dann als starrsinniger Rebell. Er fluchte, er trank, war aggressiv und ungeduldig. Nie vertrug er Kritik. Vor Jahrzehnten monierte seine geduldige Frau Laura einmal eine schlechte Rede. "Sie sagte, es sei nicht so gut gelaufen. Ich war so schockiert, dass ich den Wagen an unsere Hauswand fuhr, " schreibt Bush in seiner Autobiografie. "Er war der betrunkene Besserwisser", meint die Bush-Biografin Kitty Kelley, "einfach immun gegen jedes Schamgefühl."

Er lebt nach dem rigiden Rhythmus der Bekehrten. "Alles muss eine feste Struktur haben", sagt sein ehemaliger enger Berater Dan Bartlett. "Er gibt ja auch zu, dass er eine suchtgefährdete Persönlichkeit hat." Bush hatte sich von seiner Alkoholsucht befreit, als er Mitte der 80er Jahre die Religion entdeckte. Sieht sich seitdem als Wiedergeborener, der sich selbst für seine Fehler begnadigte. "Mein Glaube befreit mich", sagt er. "Macht mich frei, die Entscheidungen zu treffen, die andere nicht mögen. Ich muss mir keine Sorgen machen um das, was kommt."

"Wir schaffen neue Realitäten"

Und so regierte er auch sein Volk. Sorglos steuerte er eine ganze Nation in den Abgrund. Nach dem 11. September 2001 veränderte er zielgerichtet den politischen Entscheidungsprozeß. Vizepräsident Richard Cheney erhielt faktisch die operative Macht. Experten wurden nicht mehr angehört, Andersdenkende entfernt. Regeln, Gesetze, die Verfassung? Sei's drum - es ging um den Krieg gegen Terroristen. "Amerika ist jetzt ein Imperium", kanzelte ein Bush-Berater einen entsetzten Journalisten ab. "Wenn wir handeln, schaffen wir neue Realitäten. Wir sind die Akteure der Geschichte. Und Ihr werdet bestenfalls studieren, was wir tun."

Und er schuf neue Realitäten. Vor allem im Irak. Drei Jahre sah er zu, wie der Krieg verloren ging, den er anzetteln ließ. Ließ geschehen, dass Tausende US-Soldaten und Zehntausende Iraker starben. War es, weil er glaubte, man müsse nur genügend Terroristen töten und dann werde schon alles gut? War es, weil Condoleezza Rice die Lage stets schönredete? Oder weil er sich stur auf den intriganten Verteidigungsminister Rumsfeld verließ? "Er hielt an ihm fest, schon aus Prinzip", sagt der Reporter Peter Baker. "Das war einer seiner größten Fehler. Aber es gehört zu seinem Verständnis von Loyalität. Je massiver die Kritik an Rumsfeld wurde, desto verbissener verteidigte er ihn. Ich bin der Entscheider, sagte er damals."

Im Sommer 2006, als man Nichts mehr beschönigen konnte, stimmte Bush zögernd einer Überprüfung seiner Strategie zu. Es war eine hochgeheime Operation, denn auf keinen Fall wollte man kurz vor den anstehenden Kongresswahlen eine faktische Niederlage eingestehen. Und wieder einmal entschied er dann nach seinem Bauch, folgte seinem Instinkt, auf den er so stolz ist. Befahl gegen den Widerstand des Generalstabes und seiner engsten Berater die "surge", die massive Truppenerhöhung im Irak. "Wenn das nicht klappt, haben wir unsere letzte Karte ausgespielt", fürchtete Condoleezza Rice. "Unsere letzte Kugel."

Nur die Geschichte kann Bush retten

Es funktionierte, bislang, die Lage stabilisierte sich. Und mit David Petraeus gab es wohl zum ersten Mal einen wirklich fähigen General in Bagdad. Heute spricht George W. Bush nicht mehr vom "Sieg" im Irak. Stattdessen benutzt er das Wort "Erfolg".

"Präsident Bush musste seine innenpolitische Agenda zugunsten des Irakkriegs opfern", sagt Ex-Berater Marvin Olasky dem stern. Das habe alles verändert. "Sein Vermächtnis hängt nun ganz und gar davon ab, ob sich der Mittlere Osten reformiert oder nicht."

Jetzt muss Bush auf die Geschichte hoffen. Muss darauf hoffen, dass sie ihn reinwäscht. Etwas übriglässt von seiner Mission, den Terror in der Welt auszurotten, die Freiheit voranzubringen. Von ihm mehr hinterlässt, als das Bild eines sympathischen Dilettanten im Weißen Haus. In 86 Tagen wird er das Weiße Haus verlassen. Es wird ihn niemand vermissen.


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