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GESPRÄCH: »Le Pen ist der gefährlichste und lächerlichste Faschist Europas«

Gespräch mit dem Philosophen Bernard-Henri Lévy, einem der herausragenden Vertreter der »Neuen Philosophie« in der Nachkriegszeit, über die Gründe, die zum »Desaster« vom 21. April geführt haben, die rechtsextreme Tradition in Frankreich und den Zulauf der Rechtspopulisten überall in Europa.

Herr Lévy, am Sonntag stehen sich beim zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen der konservative Jacques Chirac und der Rechtsaußen Jean-Marie Le Pen gegenüber. Was ist passiert?

Ein Desaster. Frankreich, das dem Rest der Welt immer gerne Lektionen erteilt hat, ist moralisch untergegangen. Was für eine Autorität kann es jetzt noch haben? Welches Gewicht hat ein dermaßen groteskes Land?

Wie erklären Sie sich dieses Wahlergebnis?

Ich habe schon vor Jahren davor gewarnt, dass Le Pens Front National zwischen 30 und 40 Prozent der Stimmen erhalten könnte. Meiner Ansicht nach hat das nichts mit den simplen Gründen zu tun, die man immer wieder vorträgt, wenn Rechtspopulisten irgendwo gewinnen, also mit Kriminalität, Arbeitslosigkeit oder Immigration. Denn der Front National gewinnt auch in idyllischen Dörfern ohne Kriminalität, und in ländlichen Gegenden ohne Immigranten. Es muß also auch andere Erklärungen geben. Zum Beispiel unsere starke rechtsextreme Tradition. Nach der nationalen Legende war der französische Faschismus zwar ein deutscher Import, doch das Vichy-Regime gehorchte auch einer zutiefst französischen Logik, die aus unserer ureigenen Geschichte stammt. Le Pen setzt sie fort. Außerdem hat er diesmal von anderen Dingen profitiert, etwa von der Mittelmäßigkeit der Sozialisten, der Zersplitterung der Linken und dem Zynismus der hippen Großbürger, die es radikal schick fanden, für die Trotzkisten zu wählen. Doch ausschlaggebend ist für mich die Implosion der Politik, ihre Verwässerung im Konsens und in der Einstimmigkeit. Seit zwei Jahrzehnten ist sie krank. Die Rechte und die Linke sind einander zum Verwechseln ähnlich, die öffentliche Debatte ist erbärmlich, die Streitkultur erlischt. Ergebnis: Le Pen erscheint vielen als der einzge, der noch polititsch spricht.

Anderswo in Europa ist die Politik auch nicht spannend, und dennoch stimmen nicht fast 20 Prozent der Wähler für rechtsextreme Parteien und zehn Prozent für trotzkistische Formationen.

Frankreich ist kein angelsächsisches oder skandinavisches Land. Vergessen Sie nicht, was Marx gesagt hat: Frankreich ist die Heimat der Politik. In Nordeuropa hätte Lionel Jospin vermutlich gewonnen, hier hatte er keine Chance. Es fehlt ihm das Charisma, der Schwung, der Geschmack am Teilen und Herrschen, kurz: die Liebe zur Politik.

Finden Sie, dass ausgerechnet der korrupte Chirac sie besser vertritt?

Jedenfalls hat er jetzt keine andere Wahl mehr. Er ist der einzige. Entweder verkörpert er die Rückkehr der Politik, oder wir werden noch viel Schlimmeres als bisher erleben. Ich habe für Jospin gestimmt, aber ich muß zugeben, dass er stets wie ein Verwalter sprach. Sein Wahlkampf war weder kühn, noch links, und Jospin ist kein Monarch. Und hierzulande wird nicht Präsident, wer wirkt wie ein finnischer Sozialdemokrat, grau, langweilig, redlich und von beispielhafter Tugend. Die Franzosen haben hohe politische Erwartungen, und wenn die Politik aus der Demokratie verschwindet, dann werden sie nicht unpolitisch, sonder wenden sich anderswohin. Zum Beispiel zur Anti-Globalisierungsbewegung, zu den revolutionären trotzkistischen Sekten, oder zur Politik in ihrer widerlichsten, beängstigsten, dramatischsten Form, zum Front National.

Wieso ist die Demokratie so unpolitisch geworden?

In Frankreich hat der Zusammenbruch der revolutionären Idee eine große Rolle gespielt. Frankreich war die Heimat der Politik, weil es die Heimat der Revolution war. Politik zu machen bedeutete hier seit 1789, für oder gegen die Revolution zu sein. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Bankrott des Kommunismus, mit der Explosion der Freiheit, die das Ende des 20. Jahrhunderts geprägt hat, ist dieses System zusammengebrochen, und es kam zu einem perversen Effekt: dem Tod der Politik.

Chirac hat letzte Woche zu den Wählern Jean-Marie Le Pens gesagt: »Ich habe euch verstanden.« Können Sie die Wähler des FN verstehen?

Es ist klar, dass nicht alle Le Pen-Wähler Faschisten sind. Aber ebenso klar ist auch, dass sie nicht ignorieren können, dass Le Pen ein authentischer Faschist ist. Und das unterscheidet ihn auch von anderen europäischen Rechtspopulisten.

Finden Sie ihn gefährlicher als etwa Jörg Haider?

Er ist zugleich der gefährlichste und der lächerlichste Faschist Europas. Haider ist ein Rechtsextremer des High-Tech-Zeitalters, Le Pen dagegen hat die ideologische Schulbank mit Kollaborateuren und alten Nazis gedrückt. Seine politische und intellektuelle Kultur ist vom Nationalsozialismus durchtränkt. Die Menschen, die den FN geschaffen und Le Pen geprägt haben, trugen während des Weltkrieges die deutsche Uniform; viele von ihnen standen danach wegen Hochverrats vor Gericht. Zum Beispiel Victor Barthélemy, lange Jahre Generalsekretär des FN und zur Zeit der Kollaboration Generalsekretär von Jacques Doriot, dessen Miliz sich auf die Hatz nach Juden und Mitgliedern der Résistance spezialisiert hatte. Der Front National ist kein Symptom, sondern eine Partei. Und diese Partei hat ein Programm, eine Geschichte und eine Tradition. Es ist die Tradition der Anti-Dreyfuss-Bewegung des 19. Jahrhunderts, der Kollaborateure von 1940, der Männer, die 1960 General de Gaulle ermorden wollten, der Folterer des Algerien-Krieges. Wie kann man einer solchen Bewegung seine Stimme geben? Ich verstehe es nicht.

Im Gegensatz zu Ihnen findet Ihr Philosophen-Kollege Alain Finkielkraut, dass die Debatte um die innere Sicherheit sehr wohl eine Rolle beim Erfolg Le Pens gespielt hat, und dass die Sozialisten die Realtität verleugnet hätten, indem sie nicht genügend auf die Kriminaltität in den Ghettos der Vorstädte mit hohem Immigranten-Anteil eingegangen sind.

Natürlich gibt es die Gefahr der Realitätsverleugnung, aber die größere Gefahr scheint mir, dass man Le Pen mit den Argumenten Le Pens bekämpfen will, nach dem Motto: Wählt für uns, wir machen es besser als er, wählt für die bürgerliche Rechte, sie macht Lepenismus ohne Le Pen. Man kann es zwar nicht vergleichen, aber ähnliches schlug der Kollaborateur Maurice Papon 1942 den Deutschen vor, als er sagte: Laßt mich die Arbeit erledigen, es gibt eine sanfte Methode, die Menschen in verriegelte Viehwagen zu stecken.

Müssen die etablierten Parteien jetzt nicht versuchen, die 17 Prozent der Wähler zurückzugewinnen, die dem FN ihre Stimme gegeben haben?

Nicht um jeden Preis. Wissen Sie, jahrzehntelang haben 20 Prozent der Franzosen für die Kommunisten gewählt, und man hat trotzdem ohne sie regiert. Genauso kann man jetzt mit dem FN umgehen.

Malek Boutih, der Präsident von SOS Racisme, ist der Ansicht, dass nun die Zeit der Selbstkritik gekommen sei und die Kinder der Immigration sich klar von den Delinquenten in den eigenen Reihen distanzieren müssen.

Er hat recht, doch leider hat SOS Racisme so gut wie gar kein Gewicht mehr.

Es ist gerade mal vier Jahre her, dass ganz Frankreich nach der gewonnenen Fußball-WM von »schwarz-weiß-braun« schwärmte und in einer Euphorie der mulitkulturellen Gesellschaft schwelgte. Was ist daraus geworden?

Als SOS Racisme noch wirklich existierte, hatten viele Kinder der Immigration aus dem Maghreb eine republikanische Identität. Ich war selbst auf Demonstrationen mit Franzosenen arabischer Herkunft, die die Marseillaise sangen, und dazu noch »Douce France« von Charles Trenet. Doch das ist sehr lange her. Denn die Kinder dieser Kinder pfeifen heute beim Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Algerien die Mareillaise aus und sabotieren das Match durch ihren Vandalismus. Das war ein Warnzeichen, ebenso wie die antisemitischen Attacken der letzten Wochen. Ein Land, in dem Synagogen brennen und ein Teil der Bevölkerung die Nationalhymne niederbuht, ist ein krankes Land.

Hat der 11. September Le Pens Erfolg beflügelt?

Natürlich. Davor zögerte Europa zwischen dem Ende der Geschichte nach Fukuyama und dem Krieg der Zivilisationen à la Huntington. Und dann kam das Grauen des 11. September, die schwindelerregende Rückkehr der Geschichte, die vielen wie ein Zeichen erschien. Seither kann man nicht nur in Frankreich nationalistische ud ethnische Reflexe beobachten.

Sämtliche rechtspopulistischen Parteien schüren eine Phobie vor der Europäischen Union. Warum macht Europa Angst?

Weil es unbekannt ist, und das Unbekannte furchteinflößend ist. Man schlägt uns eine neue Identität vor, und es bricht Panik

aus.

Europa wird als national-narzistische Kränkung empfunden. Wir stehen am Scheideweg: Auf der einen Seite der schöne Traum eines vereinten, brüderlichen, offenen Europas, auf der anderen ein Rückzug auf die Wurzeln, auf die Gesetze des Bodens und des Blutes, auf die Enge, eine Regression zu den zerstörerischsten und kriegerischsten Elementen des europäischen Erbes.

Wird aus dem Europa der Nationen ein Europa der Ethnien und Stämme?

Zwei Kräfte sind am Werk. Es gibt das generöse Erupa, das Europa von »Ärzte ohne Grenzen«, das engagierte Europa. Und dann gibt es das Europa von gestern, das vielleicht auch das Europa von morgen ist - das Europa der Angst, der verkrampften Identitäten. Wenn es obsiegt, kehrt der Krieg zurück. Nach dem, was in Frankreich passiert ist, können auch ganz andere Alpträume wahr werden.

Was erhoffen Sie sich vom zweiten Wahlgang am Sonntag?

Dass er zu einem Erdrutsch-Referendum gegen Le Pen und für die republikanischen Werte wird, und dass Le Pen nicht mehr als zehn, 15 Prozent der Stimmen bekommt. Das setzt voraus, dass alle, aber auch wirklich alle sich diesmal mobilisieren. Aber es ist möglich. Denn es gibt das andere Frankreich, das Frankreich der Menschenrechte, der Aufklärung, der Résistance, des Widerstands gegen den Algerien-Krieg. Und dieses Frankreich war stets stärker. Ich hoffe, dass dies so bleibt.

Interview: Stefanie Rosenkranz