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Schlag 12 - Der Mittagskommentar: Wir dürfen Griechenland nicht verelenden lassen!

Die Griechen haben Oxi gesagt. Das macht die Verhandlungen nicht leichter. Was wird unsere Antwort sein? Fest steht: Wir müssen alles tun, um das Schlimmste zu verhindern.

Von Silke Müller

Referendum in Griechenland: Eine Demonstrantin trägt einen Oxi-Sticker

Die Griechen haben am Sonntag mit "Nein" gestimmt und die Sparauflagen der Gläubiger abgelehnt. Das Land taumelt am Abgrund

Oxi also. Die Griechen sagen "Nein" zu den Sparauflagen der internationalen Geldgeber. Egal wie die Sache sich entwickelt, eines dürfte schon jetzt klar sein: Oxi ist das Wort des Jahres 2015. Denn Europa ist eine kollektive Erzählung, und am Sonntag begann ein neues Kapitel.

61 Prozent sind ein klares Votum, und eines braucht Griechenland tatsächlich nicht: Nachhilfe in Sachen Demokratie. Es macht die Sache nicht leichter, aber die Abstimmung vom Wochenende legitimiert die griechische Regierung, ihren eingeschlagenen Weg fortzuführen. Immerhin das ist nun klar.

Konfusion an Tag eins nach Oxi

Ganz anders hingegen die Situation der europäischen Verhandlungsführer: Wer hat sie eigentlich beauftragt, die Währungsunion zu steuern? Weder die Europäische Zentralbank, noch der Internationale Währungsfonds und auch nicht die Europäische Kommission sind direkt demokratisch dazu legitimiert.

Und welche Rolle spielen im Schatten dieses Trios eigentlich die von uns ins Amt gewählten Politiker? Am Tag eins nach dem griechischen Oxi herrscht: Konfusion. Als sei die Möglichkeit eines "Nein" nicht im Geringsten in Betracht gezogen worden. Bundeskanzlerin Merkel signalisiert Verhandlungsbereitschaft, Vizekanzler Sigmar Gabriel spricht von "eingerissenen Brücken". Was das konkret bedeutet, kann einem keiner sagen. Und wenn schon die Bundesregierung keinen Plan hat, wer soll dann überhaupt noch verstehen, was hier eigentlich gespielt wird?

Sind die Griechen jetzt pleite? Ist Angela Merkel verantwortlich für eine Art internationaler Insolvenzverschleppung? Und darf Europa ein Mitglied einfach so abwickeln? Sparen allein, das zeigen ja die vergangenen fünf Jahre, ist kein geeignetes Mittel, um Griechenland aus der Krise zu befördern. Aber wo sind denn die Milliarden geblieben, die Europa Richtung Akropolis gepumpt hat? Darüber gibt es sehr unterschiedliche Erkenntnisse. Einig sind sich aber fast alle Analysen: Von den Hilfsleistungen profitiert haben vor allem die Kreditgeber und die reichen Griechen

Alles wurde immer nur schlimmer

Als Zaungast des Politbetriebs reibt man sich die Augen. Fünf Jahre verhandeln Europa und die Griechen nun schon. Flugmeilenrekorde, Limousinen, die irgendwo vorfahren, Shakehands vor Kameras, Worthülsen auf Pressekonferenzen. Und alles wurde immer nur schlimmer. Unterdessen laufen die Wähler den Nationalisten in die Arme, in Griechenland, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, und ja, auch in Teilen Deutschlands. Europa scheint immer weniger Ausdruck einer Sehnsucht nach Frieden und Einigkeit zu sein, als vielmehr Symbol einer von den Bürgern losgelösten Bürokratiekrake, die sich Gestaltungsmacht erobert, ohne ein Mandat dafür zu haben. Und die den Zwängen des Finanzmarktes folgt, und immer weniger Ausdruck eines politischen Willens ist.

Was ist Europa wert, wenn die Verelendung eines Mitgliedsstaates als Option gilt? Welches Land ist das nächste? Und findet das alles wirklich in unserem Namen statt?

Griechenland taumelt am Abgrund. Und es ist die vornehmste und wichtigste Aufgabe der europäischen Staaten, das Land wieder in den Kreis der handlungsfähigen und Zukunft gestaltenden Nationen zurück zu holen. Brücken abgebrochen - was soll das heißen? Eine Republik im Sonderangebot? Strategisch wichtiges Einflussgebiet zwischen Europa, Asien und Afrika an Meistbietenden abzugeben?

Das kann nicht die Antwort der Bundesregierung, das kann nicht Europas Interesse sein.