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Jubel und Kritik in England Ohne Abstand und Masken: Johnson kündigt Ende der Corona-Maßnahmen an

Großbritanniens Premier Boris Johnson
Premier Johnson sagte, das Impfprogramm habe geholfen, die Verbindung zwischen Neuinfektionen und Todesfällen deutlich zu schwächen
© Daniel Leal-Olivas / DPA
Nach 16 Monaten soll in England das Leben nach der Pandemie wieder beginnen. Premier Johnson will das Momentum nutzen, die Wirtschaft ist begeistert. Doch Fragen bleiben.

Trotz stark steigender Neuinfektionen will der britische Premierminister Boris Johnson alle Corona-Maßnahmen in England bald beenden. Vom 19. Juli an fallen Abstandsregeln und Maskenpflicht ebenso weg wie die Vorschrift zum Homeoffice, in Pubs muss nicht mehr ausschließlich am Tisch serviert werden, Nachtclubs dürfen wieder öffnen, bei Veranstaltungen und für Kinos, Stadien und Theater gibt es keine Platzbeschränkung mehr, und für den Eintritt ist kein Impf- oder Testnachweis nötig. Zudem will die Regierung bald bekanntgeben, ob voll geimpfte Einreisende aus Ländern auf einer "gelben Liste" wie Deutschland sich weiterhin nach Ankunft für zehn Tage in häusliche Quarantäne begeben müssen.

Johnson betonte am Montag in London aber, dass die verbindliche Entscheidung nach einer weiteren Überprüfung der Pandemie-Daten am kommenden Montag (12. Juli) getroffen werde. Der Premier hatte vor Monaten einen "vorsichtigen, aber unwiderruflichen" Weg aus den Corona-Bestimmungen angekündigt. Die letzte Stufe war bereits für den 21. Juni geplant gewesen, doch hatte Johnson sie wegen der Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante um vier Wochen verschoben. Angesichts eines erfolgreichen Impfprogramms sieht der Premier nun die Bedingungen für den letzten Schritt erfüllt – trotz Kritik aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Politik.

Kritik an Boris Johnsons Corona-Politik

Der Premier zeigte sich jedoch – anders als erwartet – nicht so enthusiastisch. "Ich möchte nicht, dass die Leute das Gefühl haben, dass dies der Moment ist, an dem wir demobilisieren, dass dies das Ende von Covid ist. Wir sind noch sehr weit vom Ende entfernt", sagte er – und fügte hinzu, dass eine neue Variante, gegen die kein Impfstoff wirkt, neue Schutzmaßnahmen nötig machen könnte. Seine wichtigsten wissenschaftlichen Berater Chris Whitty und Patrick Vallance, die bei der Pressekonferenz an Johnsons Seite standen, ließen durchblicken, dass es sich vor allem um eine politische Entscheidung handelt.

Experten reagierten skeptisch auf die beispiellosen Pläne des britischen Premierministers. Das Land befinde sich damit in unbekanntem Territorium, sagte die Virologin Devi Sridhar dem Sender Sky News. "Dies ist ein massives Experiment, und die Welt wird genau beobachten, was passiert, wenn eine neue, dominante Variante auftritt."

Opposition nennt Johnsons Pläne "rücksichtslos"

Wissenschaftler und Gewerkschaften kritisierten vor allem, dass die Maskenpflicht aufgehoben werden soll. Ein Verband, der Angehörige von Corona-Opfern vertritt, warf Johnson zudem vor, er handle, als sei die Pandemie besiegt. Oppositionsführer Keir Starmer von der Labour-Partei nannte Johnsons Pläne "rücksichtslos".

Hingegen zeigten sich Wirtschaftsvertreter erfreut und erleichtert. Die Gastronomie- und Tourismusindustrie werde die Ankündigung feiern, sagte die Chefin des Branchenverbands UK Hospitality, Kate Nicholls. Der Kneipenverband British Beer and Pub Association wies darauf hin, dass endlich mehr als 2000 Pubs öffnen könnten, die wegen strenger Abstandsregeln derzeit immer noch geschlossen haben. Für die Veranstaltungsbranche sagte der Chef des Branchenverbands Night Time Industries Association, Michael Kill, der Schritt sei längst überfällig. Der Industrieverband CBI mahnte, Unternehmen müssten die Sicherheit ihrer Angestellten weiterhin an erste Stelle setzen.

Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien zuletzt bei 229,9

Premier Johnson sagte, das Impfprogramm habe geholfen, die Verbindung zwischen Neuinfektionen und Todesfällen deutlich zu schwächen. Bis zum 19. Juli sollen alle Erwachsenen in Großbritannien eine erste Corona-Impfung angeboten bekommen, zwei Drittel sollen dann die für den vollen Schutz als notwendig erachteten zwei Dosen erhalten haben. Um das Tempo anzutreiben, soll die Zeit zwischen den beiden Spritzen für unter 40-Jährige von zwölf auf acht Wochen gesenkt werden.

Jubel und Kritik in England: Ohne Abstand und Masken: Johnson kündigt Ende der Corona-Maßnahmen an

In Großbritannien steigen die Infektionszahlen seit Wochen wieder stark an, am Montag meldeten die Behörden 27.334 neue Fälle. Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Neuinfektionen pro 100.000 Menschen binnen einer Woche, wurde zuletzt mit 229,9 angegeben (Stand: 30. Juni). Grund dafür ist die hochansteckende Delta-Variante, die in Großbritannien inzwischen fast alle Fälle ausmacht.

Gesundheitspolitik ist im Vereinigten Königreich Sache der Regionalregierungen. Johnson ist für den größten Landesteil England verantwortlich, der keine eigene Regierung hat. Schottland, Wales und Nordirland entscheiden hingegen selbst über ihre Corona-Maßnahmen.

jek DPA

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