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Stühlerücken in London Mehr als 50 Rücktritte innerhalb von zwei Tagen – nun schmeißt auch die Bildungsministerin hin

Auch sie kehrt Boris Johnson den Rücken: Bildungsministerin Michelle Donelan
Auch sie kehrt Boris Johnson den Rücken: Bildungsministerin Michelle Donelan
© Justin Tallis / AFP
Das Stühlerücken in London geht weiter: Kaum 48 Stunden im Amt, schmeißt die neue Bildungsministerin hin. Insgesamt haben nun schon mehr als 50 Regierungsmitglieder Boris Johnson den Rücken zugekehrt. Und auch der Premier selbst zieht nun Konsequenzen.

Nach einer offenen Revolte gegen ihn tritt der britische Premierminister Boris Johnson laut Medienberichten noch am Donnerstag als Parteichef der Konservativen zurück. Johnson wolle aber noch bis Herbst Regierungschef bleiben, meldete der britische Sender BBC am Donnerstag. Selbst der erst am Dienstag in seinen Posten berufene Finanzminister Nadhim Zahawi hatte Johnson zuvor öffentlich zum Rücktritt aufgerufen. "Premierminister, in Ihrem Herzen wissen sie, was das Richtige ist. Gehen Sie jetzt", schrieb Zahawi in einem auf Twitter veröffentlichten Brief an Johnson.

Mit Bildungsministerin Michelle Donelan und Nordirland-Minister Brandon Lewis stieg die Zahl der zurückgetretenen Kabinettsmitglieder auf fünf. Weitere Tory-Abgeordnete legten ihre Regierungsämter nieder.

Boris Johnson: Mehr als 50 Rücktritte in 48 Stunden

Die Zahl der Rücktritte aus Regierungsämtern lag am Donnerstagfrüh insgesamt bei über 50. Die bislang ultra-loyale Chefjustiziarin Suella Braverman hatte Johnson am Abend zuvor im Live-Fernsehen zum Rücktritt aufgefordert und sich selbst als Nachfolgerin ins Spiel gebracht. Sie selbst wollte jedoch zunächst nicht zurücktreten.

Medienberichten zufolge hatte eine ganze Reihe von amtierenden Ministern den Premier am Abend im Regierungssitz 10 Downing Street aufgesucht und zum Rücktritt gedrängt. Darunter soll neben Schatzkanzler Zahawi auch Verkehrsminister Grant Shapps gewesen sein. Gegen Johnson gestellt haben sollen sich auch die bislang ultra-loyale Innenministerin Priti Patel, Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng. Erwartet wurde, dass es aus dieser Gruppe noch weitere Entlassungen oder Rücktritte geben dürfte.

Bau- und Wohnungsminister Michael Gove, der als langjähriger Weggefährte und politisches Schwergewicht gilt, wurde am Mittwochabend entlassen. Er soll dem Premier bereits am Morgen den Rücktritt empfohlen haben.

Der Tory-Abgeordnete und Johnson-Kritiker Steve Baker sagte der BBC am Donnerstag, die Regierung sei "im freien Fall". Selbst Johnsons früherer Arbeitgeber, die konservative Zeitung "The Daily Telegraph", bezeichnete Johnson auf ihrer Titelseite als "tödlich verwundet". Der linksliberale "Guardian" titelte: "Verzweifelter, verblendeter Premierminister klammert sich an der Macht fest".

Regierungskrise durch Affäre um Tory-Kollegen ausgelöst

Johnson hatte erst vor einem Monat eine Misstrauensabstimmung in seiner Fraktion knapp überstanden. Den bisherigen Regeln der Tory-Partei zufolge darf für die Dauer von zwölf Monaten nach der Abstimmung kein neuer Versuch unternommen werden, den Vorsitzenden zu stürzen. Durch eine Regeländerung könnte aber bereits in der kommenden Woche ein neues Misstrauensvotum möglich sein. Es gilt als wahrscheinlich, dass Johnson dieses Mal verlieren dürfte.

Ausgelöst wurde die jüngste Regierungskrise in Westminster durch eine Affäre um Johnsons Parteikollegen Chris Pincher, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Zuvor war herausgekommen, dass Johnson von den Anschuldigungen gegen Pincher wusste, bevor er ihn in ein wichtiges Fraktionsamt hievte. Das hatte sein Sprecher zuvor jedoch mehrmals abgestritten.

fs / les DPA AFP

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