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Ex-Hillary-Clinton-Beraterin: "Bei den Clintons weiß man nie, ob nicht noch ein Desaster um die Ecke biegt"

17 Jahre hat Patti Solis Doyle für Hillary Clinton gearbeitet - bis sie gefeuert wurde. Mittlerweile verstehen sie sich wieder. Ein Gespräch über 20-Stunden-Tage, Feminismus und woran Clintons Wahl noch scheitern könnte.

Bill und Hillary Clinton grüßen

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Frau Solis Doyle, bereits 2008 wollte Hillary Clinton Präsidentin werden, verlor aber in den Vorwahlen gegen Barack Obama. Sie waren damals ihre Wahlkampfmanagerin. Wie war es, als Sie von Hillary Clinton gefeuert wurden?

In meinem Kopf habe ich es verstanden. Aber im Herzen nicht. Sie erklärte mir, dass sie einen Neustart braucht. Wir hatten ja so eine Art Mutter-Tochter-Beziehung zueinander. Es tat sehr weh. Es war sehr schmerzlich.

War es ein lauter Streit?
Soviel will ich sagen: Wir haben uns nicht angebrüllt.
Haben Sie noch Kontakt zu Hillary Clinton?
Ja, trotz unseres Streits. Wir haben unsere Freundschaft erneuert. Aber eine Weile waren wir sehr, sehr sauer aufeinander. Ich sehe sie oft in Washington. Ich habe Kontakt mit ihren Wahlkampfhelfern. Ich habe eine lange gemeinsame Geschichte mit ihr und den Clintons und werde deshalb um Rat gefragt.

Hillary Clinton Beraterin Patti Solis Doyle

Patti Solis Doyle, 50, war viele Jahre politische Beraterin und Wahlkampfmanagerin von Bill und Hillary Clinton. Später arbeitete sie für Barack Obama. Ihre Eltern stammen aus Mexiko, sie wanderten in den 50er-Jahren illegal in die USA ein. Heute betreibt Solis Doyle eine eigene Beratungsfirma in Washington. Sie ist zum zweiten Mal verheiratet und hat zwei Kinder.


Hat sich Hillary Clinton seit ihrem Rauswurf verändert?
Sie fühlt sich viel wohler in ihrer Haut. Das sehe ich. Sie ist aber nicht wie Barack Obama oder Bill Clinton. Auch für die beiden habe ich gearbeitet. Hillary zieht nicht so viel Kraft aus der Begegnung mit Menschen. Sie ist ein Wonk...
… eine in Details verliebte Politikerin.
Ja. Bill dagegen liebt es mit Leuten zu reden, er liebt es Hände zu schütteln. Hillarys Ding ist das überhaupt nicht. Sie beschäftigt sie lieber mit Politik, mit Plänen, mit Details.
Weiß Hillary Clinton um ihre Schwäche?
Ja. Kürzlich sagte sie zu mir: "Weißt du, ich war eine gute Außenministerin, eine gute Senatorin und ich werde eine gute Präsidentin sein, aber ich bin keine gute Kandidatin. Wenn ich den Job habe, kann ich zeigen, was ich kann, was in mir steckt." Ich glaube, diese Einsicht macht Hillary freier, echter, vielleicht auch zu einer besseren Kandidatin.
Hillary Clinton wird vorgeworfen, sie sei verstellt. Gab es den einen Moment, in dem Sie sagten: Ja so finde ich sie authentisch und gut?
Ich kenne sie sehr gut. Wir arbeiteten 17 Jahre lang sehr eng zusammen. Ich bin mit ihr groß geworden. Ich war 24 als ich für sie zu arbeiten begann. Sie kam zu meiner Hochzeit, sie kennt meine Familie. Das erste Mal, dass ich sie richtig happy und mit sich selbst zufrieden über ihre Leistung im Wahlkampf gesehen habe, war in der Nacht, als sie im April die Vorwahl gegen Bernie Sanders in New York gewonnen hatte.

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Warum will sie Präsidentin werden?
Sie wird oft als machtgeil beschrieben. Das ist ganz falsch. Ich sage: Sie ist ambitioniert. Daran ist nichts verkehrt. Was Hillary in den 17 Jahre, die ich für sie gearbeitet habe, antrieb, war immer: Politik für die Menschen in Amerika zu gestalten, die Dinge zum Besseren zu verändern.

Sie wäre die erste Frau im Oval Office.
Ja, das darf man bei der Suche nach ihrem Motiv nicht vergessen: Sie ist Hillary Clinton, die Feministin. Die Frau, die einzige Frau in den USA, die das Zeug hat, Präsidentin zu werden.
Wirklich? Keine außer ihr?
Ich kann in naher Zukunft, in den kommenden zehn Jahren, keine andere Frau sehen, die das kann, was Hillary Clinton kann. Wir haben viele gute Politikerinnen, keine Frage, aber keine ist auf ihrem Level.

Gab es den einen Tag, an dem sie entschieden hat: Ich will Präsidentin werden?
Ich bin sicher, als sie Außenministerin war, dachte sie darüber nach. Es gab eine Menge Leute, die sie dazu ermutigten. Aber Hillary entscheidet solche Fragen nicht aus dem Bauch heraus, nicht spontan. Es gibt nicht den einen Moment. Es gab eine lange Entscheidungsphase. Sie sprach mit wichtigen Leuten, sie sondierte das Terrain. Habe ich eine Chance? Bekomme ich das Geld zusammen? Bekomme ich die Unterstützung, die ich brauche? Die große Frage ist immer: Wird mich meine Familie wirklich unterstützen und die Belastung mittragen und über eine lange Zeit hinweg aushalten? Oder geht sie daran kaputt? Wenn alle diese Fragen beantwortet sind, dann, erst dann, trifft sie die Entscheidung. 2008 gab es viele, viele lange Gespräch mit ihrem Ehemann, mit ihrer Tochter über viele, viele Monate. Es ist eine Lebensentscheidung.

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Wie wichtig ist es, dass eine Frau zum ersten Mal in der US-Geschichte Präsidentin werden kann?
Es ist entscheidend. Wir sind das beste und großartigste Land auf der Welt. Ich habe eine Tochter, sie ist 18, und einen Sohn, er ist 14. Für beide ist es so wichtig, eine Frau im Oval Office zu erleben. Es ist höchste Zeit. Noch immer werden in meinem Land Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt als Männer. Das ist falsch. Eine Frau im Weißen Haus wird viel verändern. Alle, die nach ihr in höchste Machtpositionen streben, werden es leichter haben. Sie ist ein Vorbild. Ich will, dass mein Sohn sieht: Frauen können alles erreichen. Sie können sogar Präsidentin werden.
Wie denkt Ihre Tochter über Hillary?

Meine Tochter kennt Hillary sehr gut, von Geburt an. Die Ironie ist, sie unterstützt Hillary. Aber ihre Freundinnen hätten lieber Bernie Sanders.

Warum?
Sie und ihre Freundinnen sind Feministinnen, zu 100 Prozent. Sie sind der Meinung, dass es so oder so bald eine Frau ins Weiße Haus schaffen wird. Aber Hillary ist nicht ihre Wahl. Sie sagen, es sei anti-feministisch, wenn wir eine Frau wählen, nur weil sie eine Frau ist. Hillary steht für pragmatische Politik, die Schritt für Schritt voran geht. Das geht den jungen Frauen zu langsam. Sie sagen: Nur wer große Träume hat, kann die Welt verändern.
Stimmt der Satz: Frauen haben es in der Politik schwerer als Männer? Es wird ständig mit zweierlei Maß gemessen. Haben Sie ein Beispiel?
Als Hillary gegen Obama antrat, musste sie immer eine Stunde früher aufstehen als er, weil sie Haare und Make-up machen lassen musste. Jeden Tag. Obama konnte länger schlafen, er hatte mehr Zeit für seine Kampagne, er konnte ins Fitnessstudio, er sah frisch und besser aus. Eine Stunde mehr pro Tag ist ein riesiger Vorteil. Auf den Monat gerechnet summiert sich das auf mehr als einen ganzen zusätzlichen Arbeitstag. Er blieb fit und schlank, sie nicht. Obama sagte einmal zu mir: Sie musste all das tun, was ich auch tat, aber sie musste es in High Heels und im Rückwärtsgehen machen. Das war so.


Hillary hat sich äußerlich angepasst. Sie trägt Kontaktlinsen weil sie wegen ihrer dicken Brillengläser gefoppt wurde. Nicht einmal ihren Nachnamen, Rodham, konnte sie behalten. Eine Frau hat zu heißen, wie ihr Mann, sagen die Wähler in Amerika. Müssen sich Frauen soweit anpassen?

Es ist nicht richtig. Aber wenn eine Frau etwas erreichen will, muss sie sich den Erwartungen anpassen, ein Stück zumindest. Ja, das ist so. Ob es uns gefällt oder nicht. Ja, es stimmt, Hillary glättete ihr Haar, sie trägt Kontaktlinsen. Aber sie blieb nicht zu Hause und buk Kuchen und lud zum Kaffeekränzchen. Sie blieb in der Politik. Gut so. Ja, Frauen müssen sich anpassen, wenn sie in der Politik Erfolg haben wollen. Sie haben Hillary Clinton auch während des Lewinsky-Skandals erlebt.  Wie reagierte Frau Clinton hinter verschlossenen Türen?

Sie war sehr privat, sehr zurückhaltend. Sie sprach mit ihren Mitarbeitern nie über die sexuelle Beziehung ihres Mannes mit Monica Lewinsky. Aber sie war außer sich. So habe ich sie nie zuvor und danach erlebt.

Und wie haben Sie selbst reagiert?
Ich war so verärgert, dass ich überlegte, zu kündigen. Ich wollte nicht für einen Präsidenten arbeiten, der sein Amt missbraucht. Es war ein total beklopptes Ding. Dann sagte ich mir: Aber ich arbeitete für Hillary, nicht für ihn. Sie kann nichts dafür. Deshalb bleib ich.
Sollte sich Hillary bei Monica Lewinsky entschuldigen? Sie nannte sie "ein narzisstische Comicfigur".
Nein, das sollte sie nicht. Hillary nannte sie so in einem persönlichen Brief an ihre Freundin Diane Blair. Die Briefe wurden dem historischen Archiv übergeben und so kam es heraus. Hillary hätte nicht im Traum damit gerechnet, dass dieser Brief öffentlich wird. Ich bin eine Frau, ich bin verheiratet. Wenn mein Mann eine Affäre hätte (hat er nicht), dann würde ich wahrscheinlich meinen Freunden gegenüber auch nicht sehr nett über die Geliebte meines Mannes sprechen.


Würden Sie noch einmal für Hillary Clinton arbeiten?
Die Idee für die erste Frau im Weißen Haus zu arbeiten, ist extrem verlockend. Aber ich habe dort gearbeitet, nein ich brauche es nicht mehr. Ich bin 51, es sind 20 Stunden Tage, man ist dauernd unter Strom. Das tue ich meiner Familie nicht mehr an. Aber ich würde es lieben, sehr lieben. Okay, das ist keine eindeutige Antwort. Ich weiß.
Wird es Hillary Clinton schaffen und am 8.November zur Präsidentin gewählt?
Ich hoffe es. Ich bin aber vorsichtig mit solchen Prognosen. Bei den Clintons weiß man nie, ob nicht doch noch ein Desaster um die Ecke bieg.

Interview: Norbert Höfler