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Hugo Chavez: Zocker von Ölmarkts Gnaden

Was haben Venezuelas Präsident Hugo Chavez und die Banker von der Wall Street gemeinsam? Beide sind Spieler, die mit ihren Zockereien Milliarden verdienten, dabei aber die Realwirtschaft vergessen haben. Nun rächt es sich, dass Chavez "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" allein auf öligem Sand gebaut ist.

Von Toni Keppeler

Als Hugo Chavez im Februar 1999 die Präsidentenschärpe Venezuelas umgelegt wurde, kostete ein Fass Öl auf dem Weltmarkt gerade einmal zwölf US-Dollar. Seither ist der Preis stetig und immer schneller gestiegen. Bis vor drei Monaten. Da wurde Öl aus Venezuela für 126 Dollar pro Fass gehandelt. Weltweit spürten die Autofahrer den Preisschub, nur in Venezuela nicht. Dort kostet der Liter Benzin noch heute weniger als fünf Cent. Der Präsident lässt sich die Zufriedenheit seiner Landsleute etwas kosten. Geld spielte bislang keine Rolle.

In Venezuela wird viel mehr subventioniert als nur Benzin. Chavez verordenete seinem Land billige Lebensmittelläden und schickte kubanische Ärzte in für Patienten kostenlose Polikliniken. Dazu kamen Wohnungsbau- und Bildungsprogramme. Eben deshalb ist der Staatschef bei den Armen so beliebt. Dass gleichzeitig immer weniger produziert wurde, fiel den meisten gar nicht auf. Wenn riesige Farmen kaum mehr etwas anbauen, weil die Besitzer nicht wissen, ob und wann sie enteignet werden, was soll's? Dass ausländische Investoren Venezuela meiden wie der Teufel das Weihwasser, weil ein paar Firmen im internationalen Besitz verstaatlicht wurden, wen stört's? Venezuela ist der größte Erdöl-Exporteur Lateinamerikas und einer der größten der Welt. Der stetig steigende Ölpreis spülte genug Geld in die Kassen, um alles im Ausland einkaufen zu können: Lebensmittel genauso wie Konsum- und Investitionsgüter. Oder Waffen in Russland. Erst vor wenigen Wochen hat Chavez in Moskau Verträge über Milliarden schwere Lieferungen von Kriegsgerät unterschrieben.

Zwanzig Länder am subventionierten Öl-Tropf

Es blieb sogar noch genügend übrig, um sich politische Freunde zu kaufen. Fast zwanzig Länder in Lateinamerika und der Karibik hängen inzwischen am subventionierten Öl-Tropf von Chavez. Sie bekommen den Stoff zu Konditionen, die unter Kapitalisten nicht möglich wären: Sie müssen zunächst nur die Hälfte der Lieferung bezahlen. Die Restschuld stottern sie in 25 Jahren ab - bei einem Zinssatz von einem einzigen Prozent. Bei solch brüderlichen Bedingungen decken sich ein paar dieser Länder sogar über Gebühr mit dem Brennstoff ein - und verkaufen ihn zu Weltmarktbedingungen weiter.

Bis vor kurzem glaubte Chavez noch, dass es ewig so weitergehen werde. Der vor wenigen Tagen ins Parlament eingebrachte Staatshaushalt von 2009 sieht gegenüber dem laufenden Jahr Mehrausgaben von 23 Prozent vor. Dass der Preis für Rohöl inzwischen sinkt und sinkt, focht den Präsidenten bis Anfang Oktober nicht an: "Venezuela hält jeden Erdölpreis aus", tönte er. Die Finanzierung seiner Sozialprogramme und seiner internationalen Freundschaften sind auf der Basis von 80 bis 90 Dollar pro Fass kalkuliert. Im Vergleich zum Höchstpreis von 126 Dollar mag diese Rechnung vorsichtig erscheinen. Heute aber wird für ein Fass Öl aus Venezuela auf dem Weltmarkt nur noch um die 60 Dollar bezahlt.

Garstig großes Finanzloch droht

Neben dem Preis gibt es noch eine zweite Unwägbarkeit: Die staatliche Ölfirma PDVSA behauptet, sie würde derzeit 3,4 Millionen Fass am Tag fördern. Der Haushalt des kommenden Jahres geht von einer Tagesproduktion von 3,66 Millionen Fass aus. Die offizielle Statistik der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) aber weist für Venezuela nur eine Produktion von 2,33 Millionen Fass pro Tag aus. Schon mit den hoffnungsfrohen Zahlen der PDVSA wird sich ein Finanzierungsloch auftun. Stimmen die Zahlen der OPEC, dann wird es richtig garstig groß.

Der sonst gerne großspurig auftretende Chavez scheint das zu wissen und nimmt neuerdings kleinlaute Worte wie "Sparsamkeit" und "Austeritätspolitik" in den Mund. Der PDVSA-Ableger Petrocaribe hat angekündigt, der Bau einer vier Milliarden Dollar teuren Raffinerie in Nicaragua werde erst einmal verschoben. Das wird den dortigen Präsidenten Daniel Ortega gar nicht freuen. Billige Öllieferungen aus Venezuela hatten ihn Anfang 2007 nach 16 Jahren in der Opposition wieder ins höchste Staatsamt getragen. Seither ist seine Beliebtheit so tief gesunken, dass er jetzt, kurz vor den Kommunalwahlen im November, einen zweiten brüderlichen Schub von Chavez dringend hätte brauchen können.

Ob in Nicaragua oder Honduras, in Kuba oder Bolivien: Dass Chavez in Lateinamerika ernst genommen wird, verdankt er dem halb verschenkten Sprit. Nur mit Hilfe des Öls konnte er sich zu einer regionalen Führungsfigur aufschwingen. Jetzt sieht es so aus, als habe er sich verhoben. Er ist eben doch nur ein Spieler, der auf steigende Erdölpreise spekuliert und den Rest der Volkswirtschaft vernachlässigt hat. Wie ein Banker, der alles auf Derivate setzt und die Realwirtschaft vergisst. Auch solche Männer wurden bewundert, so lange sie Milliarden scheffelten. Jetzt, in der Finanzkrise, sind sie die Verlierer.