Hurrikan "Gustav" Eine Stadt auf der Flucht


Millionen Flüchtlinge haben New Orleans und die vom Hurrikan "Gustav" gefährdeten Gebiete verlassen. Manche von ihnen sind nicht weit gekommen, sie harren in Notunterkünften aus. Viele haben bereits "Katrina" überlebt - doch was jetzt kommt, wissen sie nicht. Aus dem Bundesstaat Louisiana berichtet stern-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann.

Gegen elf Uhr setzt der Wind ein. Er kommt aus Südosten, zunächst noch langsam, es sind die ersten Ausläufer von Hurrikan Gustav. In der Ferne sieht man Blitze, die den schweren Himmel kurz erleuchten, im Radio laufen Tornadowarnungen. "Ich geh jetzt ins Haus", sagt Paula Lorimer. "Ich habe dafür keine Nerven." "Bleib noch auf eine Zigarette, Mama", sagt ihr Sohn Augy, 42. - "Okay, eine Zigarette noch." Eine Zigarette. Zeit für Anekdoten. Hurrikan-Anekdoten.

Paula und Augy Lorimer haben im August 2005 Hurrikan Katrina überlebt und vier Wochen später auch Hurrikan Rita. Sie nennen sich Überlebende. Sie tragen T-Shirts mit dem Aufdruck: "Ich überlebte Rita." Sie stehen in der Auffahrt eines kleinen Hotels nahe Lafayette, 30 Meilen von der Küste Louisianas entfernt. Sie sind am Morgen geflohen wie insgesamt zwei Millionen Menschen an der Golfküste. Lafayette liegt auf dem Kurs des Hurrikans, "aber wir müssten durchkommen", sagt Augy. "Bis Gustav hier bei uns ist, hat er sich etwas abgeregt, da tobt er nur noch mit 120 Stundenkilometern. Das reißt vielleicht ein Loch in die Wand, aber das Hotel müsste halten."

Autos fahren nicht mehr

Augy ist so etwas wie ein Spezialist in Sachen Hurrikans. Er glaubt es jedenfalls zu sein. Vor drei Jahren soff sein Haus in Forked Island ab, etwa 20 Meilen von hier. Zehn Monate hat er gebraucht, um es wieder herzurichten. "Aber noch mal mache ich das nicht. Wenn Gustav zuschlägt, gehe ich." Wohin? "Weiß ich nicht, ich kenne nichts anderes. Das ist meine Heimat. Aber noch mal mache ich das nicht." Seine Mutter nickt. Sie will dann auch gehen. Wisconsin fände sie ganz gut. Kalte Winter, aber keine Hurrikans. Das Hotel steht einsam an dem Highway 93. Die Lichter in den Fast-Food-Restaurants drum herum sind längst erloschen, vor den Fenstern der wenigen Häuser hängen zum Schutz Holzlatten. Autos fahren nicht mehr, es ist still, nur in der Ferne hört man ein Grummeln.

Vor dem Hotel hat sich eine kleine Gemeinschaft zusammen gefunden. Lauter Flüchtlinge. Eine Mutter mit Baby und achtjähriger Tochter, die in einem Trailer lebt und aus Lafayette floh. Sie wollte nach Nord-Louisiana, wo es sicherer ist als hier, aber das Benzin war ihr zu teuer. Dann ist da Jamie, eine junge Mutter aus dem kleinen Dorf Venice, die während Hurrikan Katrina ihr Haus verlor, zwei Meter stand es unter Wasser. Jamie sieht das alles nur noch mit Sarkasmus: "Gustav, endlich mal ein Männername nach Lily, Katrina und Rita! Ich habe schon nichts mehr, was ich noch verlieren kann. Ich wohne seit Katrina bei Freunden, erst in Nord-Louisiana und jetzt wieder an der Küste. Was soll's? Wer geht mit mir heute noch tanzen?"

Tagsüber flohen die letzten Menschen aus New Orleans und Süd-Louisiana, nur wenige wollen den Sturm in ihren Häusern aussitzen. Kurz stehen sie an Tankstellen und Rasthöfen zusammen und sprechen über Evakuierungsrouten, Fluchtwege, Proviantlager. Ihre Wagen sind voll gepackt, einige haben Matratzen aufs Dach geklemmt. Spät am Abend sind nur noch wenige in Süd-Louisiana unterwegs. Sie rasen über die Interstate 10 Richtung Westen, Richtung Houston. Im Radio warnen Moderatoren vor Tornados, die als Vorboten des Hurrikans durch Louisiana ziehen. "Jetzt nützt die Flucht nichts mehr", sagt der Radiomoderator von CBS. "Schützt Euch im Erdgeschoss, mit einer Decke in Griffbereitschaft, irgendetwas Weiches, geht in Wandschränke, wenn ihr welche habt. Keine Panik", sagt er, aber alle 15 Minuten wiederholt er mit eindringlicher Stimme die Worte des Bürgermeisters von New Orleans, Ray Nagin: "Gustav ist die Mutter aller Stürme. Den Tag morgen werdet ihr nicht wieder erkennen."

Am Mittag soll Gustav einschlagen

Die Stimmung schwankt überall im Staat zwischen tiefer Angst und Sarkasmus. Gustav ist der dritte schwere Hurrikan in drei Jahren. "Früher kamen sie mal alle 12 Jahre", sagt Paula Lorimer, die sie alle miterlebt hat, auch in den 60er Jahren schon. "Jetzt kannst du die Uhr danach stellen: Ende August: Hurrikan. Und die Saison geht noch bis November." Diese Nacht wollen sie alle noch mal richtig schlafen. Am Mittag dann soll Gustav einschlagen, und dann folgen ungewisse Tage. Sie haben Proviant für eine Woche dabei, vor allem Kartoffelchips. Sie haben viel Wasser dabei, denn die Versorgung wird zusammen brechen und jede Menge Taschenlampen und extra Benzin. Aber das Hotelzimmer nur noch für zwei Nächte. Und dann? "Vielleicht Richtung Texas, mal sehen", sagt Augy. "Ich hoffe Gustav bleibt nur 24 Stunden, wie angekündigt. Aber bei diesen Stürmen weißt du nie."


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