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Hurrikan durchkreuzt US-Wahlkampf: Romneys gefährlicher Schmusekurs mit "Sandy"

Der Obama-Herausforderer kann nichts machen, außer den Hurrikan-Opfern Trost zu spenden. Und darauf zu warten, dass der US-Präsident in Sachen "Sandy" einen Fehler macht.

Von Niels Kruse

Die Konservativen wittern gleich mal wieder eine Verschwörung: "Warum sollte das Arbeitsministerium etwas veröffentlichen, dass Obama Schmerzen bereitet?", twitterte der Republikaner Chuck Grassley jüngst. Die Sorge des Senators aus dem Bundesstaat Iowa gilt den Arbeitslosenzahlen, die eigentlich am Freitag vor der Präsidentschaftswahl veröffentlicht werden sollen. Doch wegen des Supersturms "Sandy" ist die Behörde unsicher, ob sie das Zahlenwerk noch rechtzeitig fertigbekommt.

Die Daten, die nur wenige Tage vor der Wahl aus Washington kommen, werden sowohl von Demokraten als auch von Republikanern sehnsüchtig erwartet. Je nachdem wie sie ausfallen, könnte es ein zwar kleiner, aber vielleicht entscheidender Impuls sein, der den Ausschlag in dem äußerst knappen Rennen ums Weiße Haus gibt. Geht die Erwerbslosenzahl zurück wie zuletzt, würde das Amtsinhaber Barack Obama in die Hände spielen. Steigt sie wieder an, womöglich wieder über die magische Acht-Prozent-Grenze, dann könnte es für viele Amerikaner der ausschlagebene Grund sein, doch lieber Mitt Romney zu wählen. Schließlich hat der Herausforderer fast seinen gesamten Wahlkampf auf die nur sehr langsam in Schwung kommende Wirtschaft ausgerichtet. So gesehen ist es kein Wunder, dass dem einen oder anderen Konservativen die Nerven durchgehen.

Seitdem die Rechten Ruhe geben, ist Romney obenauf

Dabei waren die rechten Lautsprecher in den vergangen Wochen auffallend ruhig. Auch einer der Gründe, warum Mitt Romney in den Umfragen so stark aufholen konnte. Denn der republikanische Präsidentschaftskandidat ist in der nach sehr weit rechtsaußen gerückten Partei nicht sonderlich gut gelitten, ständig entfachten Anhänger der Tea Party Störfeuer und vergifteten so das gesamte Wahlkampfklima. Erst nachdem er mit Paul Ryan einen der ihren zu seinem Vize erkoren hat und zudem überraschend souverän in der ersten TV-Debatte auftrat, schweigen die Erzkonservativen. Romney, der unter Druck nicht gut funktioniert, brauchte offenbar dieses eine Erfolgserlebnis, um für Ruhe in den hinteren Reihen zu sorgen.

Womit der Kandidat natürlich nicht rechnen konnte, war Hurrikan "Sandy", der sowohl seine als auch die Kampagnenplanung Obamas durchkreuzte. Gegenüber dem Amtsinhaber hat Romney nun den Nachteil, dass er sich nicht als Macher, als Commander-in-Chief, als treusorgendes Oberhaupt aller Amerikaner präsentieren kann. Und auch seine Äußerungen vom Juni vergangenen Jahres könnten ihm auf die Füße fallen. Damals forderte er, die Befugnisse der nationalen Katastrophenschutzbehörde Fema zugunsten der einzelnen Staaten einzuschränken oder noch besser, gleich zu privatisieren. Nun aber zeigt der Jahrhundertsturm, dass eine zentrale Nothilfestelle vielleicht doch nicht die schlechteste Idee ist. Auf Twitter sind erste hämische Äußerungen in diese Richtung zu lesen. Doch mit etwas Glück wird sich die Öffentlichkeit erst dann wieder mit seinen alten Wahlkampfideen beschäftigen, wenn die gröbsten "Sandy"-Schäden beseitigt sind. Also nach der Wahl.

Republikaner organisieren "Sturmhilfe"-Event

Bis dahin übt sich der Republikaner in vornehmer Zurückhaltung. Natürlich musste sein Team längst nicht so viele Wahlkampfveranstaltungen absagen wie Obamas Lager. Und wo Romney auftritt, in Ohio, in Illinois, in Iowa, zeigt er sich als warmer, mitfühlender Konservativer. Natürlich auch aus Kalkül. Denn seit dem groben "Katrina"-Schnitzer von George W. Bush, als sich der damalige Präsident tagelang nicht um die Katastrophe kümmerte, weiß jedes Staatsoberhaupt und die, die es werden wollen, dass Anteilnahme, in welcher Form auch immer, oberste Priorität hat.

So gesehen kommt die Katastrophe für die Republikaner sogar gleich doppelt gelegen. Für Dienstag hat die Partei öffentlichkeitswirksam ein "Sturmhilfe-Event" im wichtigen Swing State Ohio angekündigt. Was genau dort in Dayton passieren wird, ist zwar noch unklar, aber immerhin steht die Gästeliste: Naben dem Kandidaten Romney werden der Autorennfahrer Richard Petty und der Country-Musiker Randy Owen auftreten. Solche schlagzeilenträchtigen Solidaritätsveranstaltungen sind dem Amtsinhaber und obersten Katastrophenschützer Obama nicht vergönnt.

Demokraten ätzen bereits gegen Republikaner-Hilfe

Die Demokraten ätzen bereits über die Vereinnahmung der Katastrophe durch die Konkurrenz. "Das ist jetzt keine Frage der Optik, sondern der Verantwortung", sagte Obamas Berater David Axelrod. Letztlich wird Mitt Romney wohl nur dann vom Hurrikan profitieren, wenn den Behörden der eine oder andere Fehler passiert. Denn in solchen Fällen neigt das amerikanische Volk dazu, auf das Staatsoberhaupt als Hauptverantwortlichen zu zeigen und ihm die Wiederwahl zu verwehren. Der Republikaner wird dann wohl damit leben müssen, dass er es nur auf Kosten der "Sandy"-Opfer ins Weiße Haus geschafft hat.