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Ingrid Betancourt: Die moderne Jeanne d'Arc kehrt heim

Frankreich feiert Ingrid Betancourt: Zeitungen titeln mit der bewegenden Befreiung der franko-kolumbianischen Politikerin, die Bevölkerung ist stolz auf die mutige Frau. Allerdings beginnt in Frankreich auch ein bizarrer Kampf um die Lorbeeren - bei dem die wichtigste Frage außer Acht gelassen wird.

Von Astrid Mayer, Paris

"Ich will schnell heim"- als Ingrid Betancourt das sagte, meinte sie Paris. Die französische Staatsbürgerin kommt am Freitagnachmittag in einer Maschine der französischen Regierung dort an, mit Außenminister Bernard Kouchner und ihren Kindern an ihrer Seite. Staatspräsident Nicolas Sarkozy holt sie ab: Nur die militärischen Ehren fehlen noch, zu einem richtigen Staatsempfang. Die Jeanne d'Arc Kolumbiens kommt. Frankreich feiert. Und streitet, wessen Verdienst ihre Befreiung nun ist.

Zwei riesige Plakate mit ihrem Foto hingen jahrelang in Paris: Am Rathaus des 18. Bezirks, der immer schon links gewählt hat, und - seit der Sozialist Bertrand Delanoë die Stadt regiert - auch eines am Pariser Rathaus. Das wird Ingrid Betancourt dieser Tage eigenhändig abhängen. 3000 Menschen hatten sich gestern dort versammelt, um ihre Freude zu bekunden, unter ihnen der Schriftsteller Marek Halter, der ihre Befreiung mit der des russischen Widerständlers Andrej Sacharows aus der Verbannung verglich.

Militäraktion statt Diplomatie

Das Engagement Frankreichs für Ingrid Betancourt war enorm - nicht zuletzt dank eines Unterstützerkomitees, dem auch ihre beiden Kinder angehörten. Betancourt hat sich nach ihrer Befreiung nicht nur bei Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe und dem kolumbianischen Militär bedankt, sondern - auf Französich - bei Ex-Präsident Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und ihrem alten Freund Dominique Villepin, dem früheren französischer Außenminister. Den hatte sie während ihres Studiums in Paris kennen gelernt, wo sie auch einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat.

Sie ist mit Sicherheit in Frankreich berühmter als in Kolumbien und die Franzosen sind sehr stolz auf sie, die es wagte, der Korruption in Kolumbien die Stirn zu bieten und über politisch höchst gefährliche Themen zu sprechen und zu schreiben. Ihr Buch "Wut im Herzen" verkaufte sich in Frankreich 300.000 Mal. Schon Chirac hat sich für sie eingesetzt, eines von Sarkozys Wahlversprechen war ihre Befreiung. Jetzt ist Frankreich leicht gekränkt, dass es eine Militäraktion war, mit der die Politikerin befreit wurde - während die französische Diplomatie auf Verhandlungen setzte.

Emotionen sind hochgekocht

Gleich nach der Befreiung meldete sich Sarkozys politische Gegnerin Ségolène Royale zu Wort, um darauf aufmerksam zu machen, dass dem Präsidenten für Betancourts Freiheit keinerlei Verdienst zukomme. Der Pariser Bürgermeister hat dazu aufgerufen, Betancourts Befreiung keinesfalls politisch auszuschlachten - nicht ohne zu erwähnen, dass er sich seit sechs Jahren für diese einsetzt. Das französische Außenministerium macht in aller Bescheidenheit darauf aufmerksam, dass Frankreich die internationale Aufmerksamkeit für das Entführungsopfer stetig aufrecht erhalten habe. Ohne die hätte wohl keine Militäraktion stattgefunden, hieß es.

Die Emotionen im Lande sind hochgekocht: Alle Tageszeitungen titelten mit Betancourts Befreiung, unzählige begeisterte Kommentaren von Lesern gingen ein. Da ist die Versuchung groß, sich ein bisschen im Ruhm der Passionaria zu sonnen, deren Schicksal so viele Franzosen gerührt hat. Leser der Zeitung "Parisien" berichten von "Freudenschaudern", als sie vom Ende von Betancourts Geiselhaft erfuhren, ein anderer war zu Tränen gerührt, und wieder andere folgern daraus, dass Liebe stärker ist als der Tod.

Immer noch 750 Menschen in Gefangenschaft

Nur wenige wundern sich über Ingrid Betancourts Dank an die Militärs. Aber das ist eng verbandelt mit den Paramilitärs, einer Organisation, die Kolumbien ungestraft mit Menschenrechtsverletzungen tyrannisiert. Selten hört man in Frankreich bei all der Begeisterung den Aufruf zu etwas mehr Sachlichkeit oder einem Blick auf die politischen Zustände in Kolumbien. Auch nicht auf die etwa 750 Menschen, die sich noch in der Gewalt der FARC befinden. Nach der List der kolumbianischen Regierung, die 15 Geiseln das Ende der Gefangenschaft gebracht hat, dürften weitere solche Aktionen für längere Zeit nicht mehr möglich sein.

Betancourt und ihre Kinder haben angekündigt, weiter für deren Befreiung kämpfen zu wollen. Doch in Frankreich macht man sich Sorgen um die 46-jährige Ingrid Betancourt: Nach der Euphorie der Befreiung wird wohl eine Zeit kommen, in der sie die Erlebnisse im Dschungel verarbeitet muss. Florence Aubenas, eine französische Journalistin, die monatelang im Irak entführt war, hat es im Radio wie in mehreren Zeitungen zu Protokoll gegeben: "Man bleibt ein Leben lang eine ehemalige Geisel".