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Interview mit libyschem Rebellenführer: "Wenn es sein muss, werden wir sterben"

Im stern.de-Interview sagt der Führer der Aufständischen, Mustafa Abdel Dschalil, was er vom Westen erwartet - und unter welchen Bedingungen er Staatschef Gaddafi laufen lassen würde.

Man kann keine Interviews mit dem Vorsitzenden des libyschen Nationalrates planen, dem derzeit wichtigsten Gremium der Rebellen. Es gibt kein Büro, nicht mal einen permanenten Tagungsort des Rates. Aus Angst vor Angriffen von Gaddafi-Anhängern oder der Luftwaffe wechselt er immer wieder den Ort. Für ein paar Stunden hielt sich Mustafa Abdel Dschalil, der Vorsitzende und zurückgetretene Justizminister des Regimes, in einem Hotel in Benghazi auf, wo wir ihn trafen. Bewacht von drei Leibwächtern, einer von ihnen mit einem hochmodernen Sturmgewehr, erbeutet von Gaddafis Truppen, steht ein kleiner älterer Herr im Anzug mit Dreitagebart im Raum, wirkt besorgt, fast schüchtern.

Wie ist die Lage im Land?
Während wir sprechen, bombardiert Gaddafis Luftwaffe Zawiya und Misurata im Westen. Hier im Osten, in Ras Lanuf, gehen die Kämpfe weiter.

Was soll, kann die internationale Gemeinschaft tun?
Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, schnellstmöglich eine Flugverbotszone durchzusetzen! Sie soll aufhören, Gaddafi zu unterstützen, und wir fordern sie auf, uns als rechtmäßige Regierung Libyens anzuerkennen.

Darüber hinausgehende militärische Hilfe, Entsendung von Truppen oder das Bombardement von militärischen Basen unter Kontrolle Gaddafis?
Nein. Aber die Luftwaffe muss aufhören, uns bombardieren zu können. Gaddafi setzt ausländische Piloten ein, vor Tagen haben unsere Soldaten einen abgeschossen.

Welcher Nationalität?
Das werden wir demnächst mitteilen.

Gestern gab es Verwirrung um ein Team britischer Elitesoldaten, die nahe Benghazi mit einem Hubschrauber landeten und von Bewaffneten festgesetzt wurden. Was war da los?
Sie kamen nachts ohne jede Ankündigung. Sie hätten uns vorher verständigen sollen. Um die guten Beziehungen zu Großbritannien zu erhalten, haben wir sie wieder gehen lassen.

Sind Sie in Kontakt mit Gaddafis Regime?
Die haben versucht, uns zu kontaktieren, ja. Aber ich bin nicht in Kontakt mit Gaddafi!

Verhandeln Sie?
Nein. Aber wenn Gaddafi akzeptiert, das Land zu verlassen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, würden wir die Forderung aufgeben, dass er vor ein Gericht gestellt werden muss.

Das libysche Staatsfernsehen in Tripolis hat gestern gemeldet, dass Kämpfer der Aufständischen Zivilisten als menschliche Schilde benutzt haben. Stimmt das?
Nein, niemals! Die Menschen kämpfen mit uns, weil sie die Revolution wollen. Wer nicht kämpfen will, kämpft nicht. So etwas würden wir niemals tun!

In den ersten Tagen des Aufstandes fielen alle Städte im Osten und fast alle im Westen, im Norden blieben nur Tripolis und Siirt unter Gaddafis Kontrolle. Aber seit über einer Woche erscheint sein Regime wieder stärker und schlägt militärisch zurück. Woher kommt diese Stärke?
Gaddafi kontrolliert all die hochmodernen Waffen, Flugzeuge, Hubschrauber, Panzer. Er hat tausende afrikanische Söldner ins Land geholt. Er hat das Geld. Wir haben die Entschlossenheit unserer Anhänger. Militärisch ist das ungleich.

Was wollen Sie tun, um das Kräfteverhältnis zu wenden?
Ich rufe die Stämme im Westen wie die Warfal auf, sich zu erheben und uns anzuschließen!

Läuft das auf eine Teilung Libyens hinaus?
Nein, das will niemand!

Und wenn Gaddafis Truppen durchmarschieren und wieder Benghazi angreifen? Werden Sie dann aufgeben, um Blutvergießen zu vermeiden?
Nein. Wenn es sein muss, werden wir sterben, aber wir werden nicht aufgeben. Vielleicht werden wir untergehen, aber die Generation nach uns wird die Freiheit in Libyen durchsetzen.

Christoph Reuter