Interview zu Afghanistan-Stratgie "Nicht nur die Deutschen tun sich schwer"


Carter Ham ist Chef der US Army in Europa und Freund des neuen Isaf-Kommandeurs McChrystal. Im Interview mit stern.de sagt er, warum sich das Militär dramatisch verändert hat, und welche Rolle die Deutschen in Afghanistan spielen.

Herr Ham, sie kommen gerade aus Bayern, was haben Sie da gemacht?
Wir bilden dort Truppen für den Krieg in Afghanistan aus.

Wie läuft der Krieg nach der Kursänderung im vergangenen Sommer?
Das lässt sich aus der Distanz nur schwer sagen. Aber ich glaube, wir haben mit der neuen Counterinsurgency-Strategie, der Aufstandsbekämpfung von General McChrystal den richtigen Ansatz gefunden.

Er nennt seine Strategie "Embrace the People" - Umarmt die Menschen. Geht auf sie zu. Weniger Bomben. Mehr Kontakte ...
Ich schätze seinen Vorgänger General McKiernan sehr, aber wir kamen nicht weiter. Jetzt sind wir auf einem guten Weg.

Es hat lange gedauert. Der Krieg läuft seit mehr als acht Jahren.
Ja, aber das Militär hat sich dramatisch verändert. Wir sind heute präpariert für schnellere, globale Einsätze. Wir sind vielseitiger und schlagkräftiger. Wir haben Offiziere, die in globalen Zusammenhängen denken. Wir können noch immer den konventionellen Krieg führen, aber eben auch Counterinsurgency wie in Afghanistan. Und Hilfseinsätze wie nach dem Erdbeben in Haiti.

Warum hat das so lange gedauert?
Als Stan McChrystal und ich zur Armee kamen, in der Zeit des Vietnamkriegs, waren die Offiziere ehrlicherweise nicht sehr gut. Und wir waren lange nur darauf ausgerichtet, den großen Krieg in Europa zu führen.

Glauben Sie tatsächlich, ein Mann kann alles verändern?
McChrystal ist einer, wie es ihn nur einmal in 100 Jahren gibt. Er war schon 1976, als wir zur Armee kamen der Soldat, der wir alle sein wollten.

Wie gut kennen Sie ihn?
Wir sind eng befreundet. Wir haben selten an denselben Orten gedient, aber wir telefonieren und tauschen Ideen aus. Unsere Ehefrauen sind befreundet. Meine Tochter war die Babysitterin seines Sohnes.

Es ist eine gewagte Theorie, dass ein General alles umbiegen kann. Amerikaner verweisen gern auf General MacArthur oder General Eisenhower, die Helden voriger Kriege. McChrystals Strategie mag neu sein, aber die Widerstände in Afghanistan sind die gleichen.
General McChrystal hat den operativen Hintergrund, er diente bei den Special Forces, er kennt Afghanistan sehr gut, lernt unglaublich schnell. Er vermittelt seinen Truppen großes Selbstbewusstsein und vor allem hat er die Fähigkeit, große Operationen schnell umzusetzen. Sein Ansatz ist sehr kreativ. Zudem ist er mit allen Kommandoebenen des Militärs bestens vernetzt. Er bringt alle Voraussetzungen mit.

Er hat sich gleich mit den Deutschen angelegt. Er war in Rage nach dem Bombenangriff von Kundus. In Deutschland ist Kundus ein großes Politikum, wie Sie wissen.
Ja, ich weiß.

Von US-Seite will sich keiner mehr zum deutschen Afghanistan-Einsatz äußern.
Ich habe kein Problem damit. Der deutsche Beitrag in Afghanistan ist sehr wichtig, die Deutschen stellen das drittgrößte Kontingent. Es ist aber auch klar, dass wir uns einen größeren Beitrag erhoffen. Die deutsche Armee bringt alle Fähigkeiten mit, aber es ist eben eine politische Entscheidung.

Die Bundesregierung ist sehr zögerlich.
Das deutsche Militär muss sich der Politik beugen, aber meine persönliche Hoffnung ist, dass es eine Truppenaufstockung geben wird.

Aber es gibt viel Unmut über die Deutschen in Kabul. Sie sind in ihrer Mission zu begrenzt, heißt es, sie halten sich nicht an die neue Strategie von McChrystal.
Es betrifft nicht nur die Deutschen. Es dürfte keine Überraschung sein, dass Nato-Kommandeure am liebsten ohne jede Beschränkung operieren würden. Aber das ist nicht praktikabel. Um die Unterstützung der Öffentlichkeit zu haben, muss man Modifizierungen machen. Das verstehen wir, und so wird es auch passieren.

Jan-Christoph Wiechmann

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