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Irak: "Falludscha ist der Friedhof der Amerikaner"

Im irakischen Falludscha bahnte sich der Zorn über die US-Besatzer einen blutigen Weg: Vier amerikanische Zivilpersonen wurden getötet, ihre Leichen durch die Stadt geschleppt und geschändet - vor Fernsehkameras.

Für die US-Besatzer in Irak war der Mittwoch ein schwarzer Tag: Vier amerikanische Zivilpersonen wurden bei einem Angriff in Falludscha getötet und ihre Leichen vor Fernsehkameras grausam geschändet. Und in der Stadt Malahma 20 Kilometer weiter nordwestlich starben fünf amerikanische Soldaten bei einem Bombenanschlag auf ihr Militärfahrzeug.

Am Donnerstag haben Aufständische einen US-Militärkonvoi in der Nähe der Stadt angegriffen. Ein Geländewagen wurde nach Berichten von Augenzeugen von einer Granate getroffen und brannte aus. Die irakische Polizei besetzte am Donnerstag Kontrollpunkte entlang der Hauptstraßen von Falludscha, amerikanische Truppen waren nicht zu sehen. Die Lage in der Stadt war ruhig, Geschäfte und Schulen öffneten wie gewohnt. Einige Bewohner warnten die amerikanischen Streitkräfte vor militärischer Vergeltung. "Wir werden keinen Ausländer Falludscha betreten lassen", sagte der 40-jährige Samir Sami. "Der Angriff von gestern zeigt, wie sehr wir die Amerikaner hassen."

Die US-Regierung erklärte, sie werde sich durch die "entsetzlichen Angriffe" nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. Der Mittwoch war einer der blutigsten Tage für die Besatzungstruppen in diesem Jahr gewesen.

Erinnerungen an den Krieg in Somalia

Die Szenen in Falludscha, einer Hochburg des sunnitischen Widerstandes gegen die Besatzung, weckten Erinnerungen an den Krieg in Somalia 1993, als die Leichen von getöteten US-Soldaten durch die Straßen von Mogadischu geschleift wurden. Zwei Geländewagen mit amerikanischen Zivilpersonen, die für die US-Verwaltung arbeiteten, wurden mit Handfeuerwaffen und Granaten angegriffen. Beide Fahrzeuge gingen in Flammen auf. Jubelnde Menschen zerrten dann die Toten aus den Wagen. Auf Aufnahmen der Fernsehnachrichtenagentur APTN war zu sehen, wie ein Mann mit einer Eisenstange auf eine Leiche einschlug.

"Falludscha ist der Friedhof der Amerikaner"

Eine Leiche wurde an ein Auto gebunden, in dessen Fenster ein Bild von Scheich Ahmed Jassin hing, dem von Israel getöteten Gründer der palästinensischen Hamas-Bewegung. Die Leiche wurde dann unter dem Jubel von Passanten durch die Straßen geschleift. Die Menschen riefen "Falludscha ist der Friedhof der Amerikaner" oder "Wir opfern unser Blut für den Islam".

Zwei der Toten wurden von einer Brücke über den Euphrat gehängt. "Die Menschen von Falludscha haben einige Leichen wie geschlachtete Schafe von der alten Brücke gehängt", sagte der Bewohner Abdul Asis Mohammed. Die Toten seien verstümmelt worden. Nach dem Überfall war es in Falludscha ruhig. US-Truppen oder irakische Polizisten waren nicht zu sehen.

Weitere Angriffe

Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, machte "Terroristen und Reste des früheren Regimes", die gegen Freiheit und Demokratie seien, für die "schrecklichen Angriffe" verantwortlich. "Aber die Demokratie fasst Fuß (in Irak) und wir machen Fortschritte", sagte McClellan.

In Malahma explodierte ein Sprengsatz unter einem Militärfahrzeug. Nach Angaben des Pentagons waren die US-Soldaten in einem Schützenpanzer unterwegs.

Nordöstlich von Bagdad wurde am Mittwoch ein Selbstmordanschlag auf einen Regierungskonvoi verübt. Der Attentäter kam ums Leben, 14 weitere Menschen wurden verletzt. Der Anschlag galt offenbar dem Gouverneur der Provinz Diala, Abdullah el Dschubori.

Sicherheitskräfte feuerten auf Demonstranten

In Basra im Süden des Landes feuerten irakische Sicherheitskräfte am Donnerstag auf Demonstranten, die eine Aufnahme in die Polizeitruppe forderten. Ein Iraker wurde getötet, zwei weitere erlitten schwere Verletzungen, wie die Behörden erklärten. Bei einem ähnlichen Vorfall waren in der vergangenen Woche 14 britische Soldaten verletzt worden.

Der irakische Verwaltungsrat nahm unterdessen ein Gesetz zur Einrichtung eines Geheimdienstes an. Die Behörde soll Informationen sammeln und analysieren, aber niemanden festnehmen dürfen. Die Informationen sollten an die Justizbehörden, die Polizei und das Innenministerium weitergegeben werden, erklärte ein ranghohes Mitglied des im Verwaltungsrat vertretenden Obersten Rats für die Islamische Revolution in Irak (SCIRI). Das Gesetz sehe eine hohe Transparenz vor und stelle den Geheimdienst unter zivile Aufsicht, sagte Adel Abdel Mahdi am Mittwoch.

NATO fordert neue UN-Resolution

NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer macht eine neue UN-Resolution zur Bedingung für einen Einsatz der Vereinten Nationen in Irak. Eine Stabilisierungsmacht in dem Land bräuchte ein neues Mandat, sagte er am Donnerstag im Deutschlandradio Berlin. Ebenso wichtig sei, dass eine legitime souveräne irakische Regierung um Hilfe bitte. „Wenn diese zwei Punkte, Sicherheitsratresolution und Frage einer souveränen irakischen Regierung, da sind, dann glaube ich, dass die NATO sehr wohl bereit sein würde, einen Beitrag zu einer Stabilisierungsmacht zu leisten.“

Sameer N. Yacoub, AP / AP