Irak-Geiseln Kein Kontakt zu den Entführern


Die Bemühungen um die Freilassung der beiden deutschen Entführungsopfer im Irak laufen auf Hochtouren, der Krisenstab arbeitet rund um die Uhr. Der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour sagte, es sei sehr erstaunlich, dass "eine Frau entführt wurde, die eigentlich für die Banden uninteressant ist."

Die Bundesregierung hat nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung noch keinen direkten Kontakt zu den mutmaßlichen Entführern der beiden Deutschen im Irak. Die Kidnapper hätten sich bislang ein halbes Dutzend Mal bei den in Deutschland lebenden Angehörigen gemeldet, die daraufhin von den deutschen Behörden befragt worden seien, schreibt das Blatt in seiner Mittwochausgabe. Das Auswärtige Amt wollte sich nicht zum aktuellen Sachstand äußern, um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden. "Der Krisenstab bemüht sich weiter intensiv rund um die Uhr darum, dass die beiden Deutschen unversehrt zu ihren Familien zurückkehren können", sagte ein Sprecher.

Scholl-Latour hält Entführung für ungewöhnlich

Bei den Verschleppten soll es sich Medienberichten zufolge um die 60-jährige deutsche Ehefrau eines irakischen Arztes und deren 20-jährigen Sohn handeln, der als Techniker für das Außenministerium in Bagdad arbeiten soll. Bewaffnete Geiselnehmer hätten beide am Dienstag vergangener Woche aus ihrem Wohnhaus in Bagdad entführt, hieß es unter Berufung auf Sicherheitskreise. Der Buchautor Peter Scholl-Latour hält den aktuellen Entführungsfall für ungewöhnlich. "Es wurde eine Frau entführt, die eigentlich für die Banden uninteressant ist", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Das passiere auch trotz des Falls von Susanne Osthoff vor einem Jahr eher selten. Es entspreche nicht dem Kodex der Entführer, Frauen festzunehmen, begründete der Irak-Kenner seine Haltung.

Gefährlicher könne es für den ebenfalls entführten Sohn der Frau werden, der offenbar einen irakischen Vater habe. "Vielleicht ist er nicht als Deutscher, sondern als Iraker festgenommen worden", sagte Scholl-Latour. "Es hieß, dass er für das Außenministerium arbeitet - damit ist er eine Zielperson." Wer für die Regierung arbeite, sei für die Sunniten ein politischer Feind. Den Amerikanern hält Scholl-Latour in dem Blatt vor, die derzeitige chaotische Situation erst ausgelöst zu haben. "Es gibt keine Dummheit, die sie nicht begangen haben - bis hin zur Hinrichtung Saddams am höchsten islamischen Feiertag", sagte er.

Ex-Geisel Nitzschke will Angehörigen helfen

Der Leipziger Techniker Thomas Nitzschke, der im Irak 99 Tage in der Gewalt von Entführern war, rät Ausländern von einer Reise in das Land ab. Man könne dort niemandem trauen, sagte er der "Rheinischen Post". "Die Gefahr besteht darin, dass man gerade von engsten einheimischen Mitarbeitern beziehungsweise den vermeintlich vertrauenswürdigsten Leuten vor Ort verraten wird", fügte er hinzu. Gleichzeitig zeigte sich Nitzschke bereit, den Angehörigen der jetzigen Entführungsopfer beizustehen. "Uns wurde geholfen, und wir konnten eine Menge Erfahrungen in der Zeit unserer Entführung sammeln. Dadurch habe ich das Bedürfnis, anderen Opfern beziehungsweise deren Angehörigen zu helfen."

Nitzschke sagte weiter, durch die eigene Entführung verfüge er über Hintergrund-Informationen, die Angehörigen möglicherweise Ängste nehmen könnten. "Ich weiß, wie es vor Ort ablaufen kann." Der Leipziger Ingenieur war mit seinem Kollegen René Bräunlich vor einem Jahr im Irak in Geiselhaft und kam erst nach 99 Tagen frei. "Natürlich denkt man öfter an die Zeit vor einem Jahr", sagte Nitzschke. Jede der Entführungen im Irak errege sein Mitgefühl. "Es ist völlig egal, welche Nationalität das Opfer hat." Sollte ein Kontakt mit den Angehörigen zu Stande kommen, will Nitzschke im Stillen agieren.

Motiv bleibt im Dunkeln

Ob die Entführung einen kriminellen oder politischen Hintergrund hat, war Medienberichten zufolge noch unklar. Schon 2005 und 2006 waren nach der Freilassung verschleppter Deutscher im Irak Spekulationen über Lösegeldzahlungen laut geworden. Deutsche Sicherheitskreise hatten wiederholt darauf hingewiesen, dass solche Meldungen das Risiko weiterer Entführungen erhöhten und die Position der Verhandlungsführer schwächten.

AP/DPA AP DPA

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