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Irak: Jedes zehnte Baby stirbt

Die Kindersterblichkeit liegt in Irak so hoch wie in den ärmsten Ländern Afrikas. Die Kriege und die permanente Unterfinanzierung haben das Gesundheitswesen stark beschädigt.

Bei der Geburt eines Kindes im Elwijah-Krankenhaus in Bagdad kommt es zu Komplikationen: Nur ein Kaiserschnitt in letzter Minute kann Mutter und Kind retten. Doch obwohl die Infektionsgefahr für das Neugeborene sehr hoch ist, wird es von den Ärzten wenig später ohne Rezepte für verfügbare Antibiotika nach Hause geschickt. "Sie warten, bis das Kind zusammenbricht", sagt Craig Vanderwagen, ein indischer Arzt und Berater des provisorischen irakischen Gesundheitsministeriums.

Das Gesundheitswesen im Zweistromland ist nach Jahrzehnten der Unterfinanzierung, nach Krieg und anschließenden Plünderungen am Boden. Eines von zehn Neugeborenen erlebt seinen ersten Geburtstag nicht. Die Kindersterblichkeit liegt in Irak so hoch wie in den ärmsten Ländern Afrikas.

Einfachste Hygiene Maßnahmen müssen ergriffen werden

Amerikanische und irakische Regierungsbeamte haben in den vergangenen Tagen Kinderkliniken und Krankenhäuser im Lande unter die Lupe genommen. Ihrer Ansicht nach ließe sich die Kindersterblichkeit binnen zwei Jahren halbieren, wenn auch nur die einfachsten Hygienemaßnahmen ergriffen werden würden. "Die Bedingungen würden sich schon deutlich verbessern", sagt US-Gesundheitsminister Tommy Thomson, "wenn das Personal nur seine Hände waschen und den Müll wegräumen würde." Als er am Sonntag die Krebsstation inspiziert, denkt niemand daran, die Pfütze neben dem Bett eines kleinen Mädchens aufzuwischen.

Die weitgehende Isolation Iraks sowie die internationalen Sanktionen nach dem ersten Golfkrieg haben die Krankenhäuser des Landes in einen erbärmlichen Zustand gebracht. Die Ärzte sind weit hinter aktuelle Behandlungsmethoden zurückgefallen. Und Plünderer räumten nach dem Sturz von Staatschef Saddam Hussein im vergangenen Frühjahr viele Kliniken komplett aus. Im größten Ausbildungskrankenhaus für Kinderärzte, der Elwijah-Klinik, war es bis vor kurzem nachts stockfinster. Es fehlten Glühbirnen.

Verheerend ist auch der Personalmangel

Verheerend ist auch der Personalmangel. Im ganzen Land gibt es nur 600 ordentlich ausgebildete Krankenpfleger - in der Regel einer pro Arzt. Auch an Medikamenten herrscht nach wie vor chronische Knappheit. "Effektive Isolation und Infektionskontrolle ist kaum durchzuführen", konstatiert Salma Haddad, der seit 1989 als Kinderkrebsspezialist am Bagdader El-Mansur-Krankenhaus arbeitet.

Um die Situation zu verbessern, konzentrieren sich die Besatzungsmächte und die Übergangsverwaltung auf den Wiederaufbau von Kinder- und Geburtskliniken sowie den Neubau zahlreicher kommunaler Krankenhäuser. Es wurde auch eine Informationskampagne gestartet, um Mütter zum Stillen zu bewegen. Das Füttern mit Flaschenmilch ist wegen des oft nicht ausreichend sauberen Wassers riskant. "Es verursacht Durchfall, einem der höchsten Todesursachen bei Kindern", sagt Chudair Abbas, der irakische Gesundheitsminister.

Eine Folge des Krieges?

Einige irakische Ärzte haben gegenüber amerikanischen Kollegen erklärt, die Kindersterblichkeit sei infolge des Krieges gestiegen. Aus den offiziellen Daten gehe dies nicht hervor, entgegneten amerikanische und irakische Beamte. Der Haushalt, der dem Gesundheitsministerium in diesem Jahr zur Verfügung steht, ist mit 1,7 Milliarden Dollar drei Mal so hoch wie im Vorjahr. Unter dem Regime von Saddam Hussein verfügte das Ressort nach US-Angaben im Jahr 2002 über 16 Millionen Dollar.

Geburts- und Frauenarzt Ali Chama hat keinen Zweifel, dass sich die Situation nach dem Sturz des Diktators zum besseren wendet. Gegenüber seiner Abteilung im El-Mansur-Krankenhaus wird gerade ein neues Labor gebaut. Als weiteres Zeichen für die Verbesserung wertet er, dass 20 krebskranke Kinder aus Irak in eine Spezialklinik in der jordanischen Hauptstadt Amman verlegt werden konnten.

Mark Sherman