Irak Sorge um entführte Italienerin


Die italienische Regierung überprüft, ob die Journalistin Giuliana Sgrena im Irak tatsächlich aus politischen Motiven verschleppt wurde, oder ob es "nur" eine kriminelle Erpressung ist. Die Lage bleibt heikel und undurchsichtig.

Wieder einmal wartet auf den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi eine diffizile Aufgabe. Wie eine Hiobsbotschaft traf die Italiener am vergangenen Freitag die Nachricht, dass erneut eine Landsmännin, die Journalistin Giuliana Sgrena, im Irak entführt wurde. Berlusconi hat vor allem deshalb einen schweren Stand, weil die überwiegende Mehrheit der Italiener die Präsenz der rund 3000 Soldaten im Irak ablehnt. Islamisten drohten im Internet mit der Ermordung der 56-Jährigen, wenn Italien nicht bis Montag seine 3.000 Soldaten aus dem Irak zurückziehe. Einflussreiche sunnitische Geistliche riefen die Kidnapper auf, die Frau frei zu lassen. Am Sonntag wurden in Bagdad vier Ägypter entführt. Längst nicht alle Entführungen sind tatsächlich politisch motiviert. Im Irak haben kriminelle Banden teilweise eine richtige Entführungsindustrie aufgebaut - wo mit den entführten Geiseln durchaus auch gehandelt wird: Wer am meisten bezahlt, bekommt sie.

Schiiten beanspruchen Amt des Regierungschefs

Eine Woche nach der Parlamentswahl kündigten die sunnitischen Parteien an, sich trotz des Boykotts der Abstimmung an der Ausarbeitung einer Verfassung zu beteiligen. Dies könnte eine Einbindung der Minderheit in das wichtigste politische Vorhaben der Nationalversammlung ermöglichen. Das nach vorläufigen Ergebnissen führende schiitische Parteienbündnis meldete unterdessen Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten an. Die Vereinigte Irakische Allianz wolle "entweder den Posten des Präsidenten oder des Ministerpräsidenten, und wir würden das Ministerpräsidentenamt vorziehen", sagte ein führender Vertreter des Bündnisses, Redha Taki. Der Kurdenführer Dschalal Talabani hat angekündigt, sich um das überwiegend repräsentative Präsidentenamt zu bewerben.

Landesweit wurden wieder zahlreiche Angriffe und Anschläge gemeldet. Angreifer erschossen am Sonntag in Bagdad einen Iraker, der offenbar mit den US-Truppen zusammenarbeitete. Ein Überfall auf eine Polizeistation kostete in Mossul kostete am Samstag fünf Polizisten das Leben. Zuvor waren im Osten der Stadt die Leichen von drei per Kopfschuss getöteten Irakern aufgefunden worden. Vier Nationalgardisten fielen einem Anschlag in Basra zum Opfer.

Rom nicht von politischen Motiven überzeugt

Der italienische Außenminister Gianfranco Fini hob in einem Interview die pazifistischen Überzeugungen der am Freitag verschleppten Sgrenas hervor. Ihre Zeitung "Il Manifesto" hat gegen den Irak-Krieg und die Beteiligung Italiens gekämpft. Die bisherigen Bekennerschreiben im Internet konnten die Regierung in Rom offenbar nicht überzeugen. Eine am Freitag veröffentlichte Mitteilung wurde skeptisch beurteilt. Bei der Untersuchung der Entführungsfälle im Irak arbeiten Italien und Frankreich zusammen. Florence Aubenaus, eine Reporterin der Pariser Tageszeitung "Liberation", wurde am 5. Januar verschleppt. Der französische Koordinator zur Terrorabwehr, Gilles Leclair, sagte der Tageszeitung "La Repubblica", beide Frauen seien in sunnitisch dominierten Stadtteilen Bagdads entführt worden.

Die sunnitische Vereinigung muslimischer Gelehrter appellierte unterdessen an die Entführer, die Italienerin gehen zu lassen. Sie habe humanitäre Arbeit geleistet und nichts mit der Besatzung zu tun gehabt, sagte ein Sprecher, Scheich Omar Ragheb, der AP. Die Entführer hätten nichts mit dem irakischen Widerstand zu tun. Eine militante Gruppe veröffentlichte im Internet ein Video, das die angebliche Erschießung von sieben Mitgliedern der Nationalgarde zeigt. Die Ansar-al-Sunna-Armee erklärte, sie habe die "Abtrünnigen" im Bagdader Vorort Abu Ghraib gefangen genommen und getötet.

Die Menschen im Land erinnern sich noch gut an den Journalisten Enzo Baldoni, der im vergangenen Jahr von seinen Kidnappern im Irak ermordet wurde. Mit der Entführung der 56-jährigen Korrespondentin scheint sich der Albtraum Irak jetzt zu wiederholen. Besser erging es da den humanitären Helferinnen Simona Pari und Simona Torretta, die im vergangenen Herbst nach dreiwöchiger Geiselhaft freikamen - wie und warum ist jedoch bis heute unklar. Dennoch gibt es kaum Zweifel daran, dass damals Lösegeld bezahlt wurde. Wird die Regierung diesmal einen ähnlichen Weg einschlagen?

Immer öfter US-kritische Journalisten betroffen

Seltsam mutet unterdessen die Tatsache an, dass immer häufiger Journalisten und humanitäre Helfer gekidnappt werden, die sich seit Jahren gegen die Irak-Politik der USA wenden und versuchen, den Menschen im Land zu helfen. Das ist etwa auch bei der seit Wochen spurlos verschwundenen Französin Florence Aubenas von der Zeitung "Libération" der Fall. Sgrena arbeitet nicht nur für die in Hamburg erscheinende Wochenzeitung "Die Zeit", sondern ist in erster Linie Entsandte der römischen Zeitung "Il Manifesto" - einer der vielleicht letzten wirklich linken Blätter Europas. Während des Irak-Krieges schrieb die erfahrene Journalistin, die zuvor schon aus Afghanistan berichtet hatte, ihr vielbeachtetes "Bagdader Tagebuch". Darin schilderte sie die Situation in Bagdad vom Fall der ersten Bomben bis zum Nachkriegschaos.

"Dies alles bedeutet, dass es in der heutigen Situation im Irak und in der Logik der Entführer keinen Rettungsanker mehr darstellt, wenn man gegen den Krieg ist", meinte am Sonntag die Zeitung "La Repubblica". Derweil lässt die Regierung in Rom nichts unversucht. So appellierte Außenminister Gianfranco Fini jetzt sogar im arabischen TV-Sender Al-Dschasira an die Entführer und lobte Sgrena als eine "Pazifistin und Freundin des irakischen Volkes". Fern von den Augen der Öffentlichkeit laufen unterdessen die Verhandlungen still und heimlich weiter. Klar ist nur eins: Die 3000 Soldaten bleiben weiterhin im Irak. Zwei islamistische Gruppen, die die Verantwortung für die Entführung übernahmen, hatten den Abzug der italienischen Soldaten innerhalb von 72 Stunden gefordert.

350 Abu Ghreib -Gefangene freigelassen

Die US-Behörden haben am Sonntag irakischen Angaben zufolge etwa 350 Gefangene aus dem berüchtigten Militärgefängnis Abu Ghreib bei Bagdad freigelassen. Damit seien seit Jahresanfang 800 Gefangene aus dieser Anstalt entlassen worden, teilte das irakische Ministerium für Menschenrechte mit. "Die Entlassung der 350 Gefangenen ist ein Beleg für unsere Entschlossenheit, den Fall jedes einzelnen Gefangenen sorgfältig zu prüfen. Nur diejenigen, die als eine wirkliche Bedrohung für die Sicherheit unserer Nation erscheinen, werden in Internierungslagern festgehalten", hieß es in der Erklärung des Ministeriums.

Derzeit sitzen noch mehr als 8000 Menschen in irakischen Gefängnissen. Gegen 1000 davon ist beim zentralen Strafgericht des Iraks Anklage erhoben worden. Die Fälle der übrigen sollen alle 90 bis 120 Tage überprüft werden. Seit August vergangenen Jahres ist das Ministerium gemeinsam mit den USA in der Verwaltung der irakischen Gefängnisse vertreten. Seither wurden etwa 4000 Gefangene freigelassen. Seit den im vorigen Jahr bekannt gewordenen Misshandlungen von Häftlingen in dem Gefängnis durch US-Soldaten, haben die USA die meisten Insassen aus Abu Ghreib in andere Haftanstalten verlegt. Der Skandal war durch die Veröffentlichung von Fotos aufgeflogen, auf denen Mitglieder der US-Truppen den Missbrauch festgehalten hatten. Sechs der Beteiligten sind zwischenzeitlich zu Gefängnisstrafen verurteilt worden, darunter einer ihrer Rädelsführer zu zehn Jahren Haft.

DPA, AP AP DPA

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