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stern-Reporterin in Bagdad: Unterwegs zwischen Krieg, Kultur und Klimawandel

Bagdad ist einer der gefährlichsten Orte der Welt. Aber Bagdad ist auch fröhlich und manchmal frei wie Berlin.

Ein Recherchebericht von Theresa Breuer

Theresa Breuer (r.) war in Bagdad beeindruckt davon, wie viele Menschen keine Lust mehr haben, ihr Leben von Gewalt bestimmen zu lassen

Theresa Breuer (r.) war in Bagdad beeindruckt davon, wie viele Menschen keine Lust mehr haben, ihr Leben von Gewalt bestimmen zu lassen

Es gibt Momente, die dürften gerne ewig dauern. So wie in dieser Aprilnacht in Bagdad. Der Dirigent und Cellist Karim Wasfi hatte meinen Fotografen und mich eingeladen, den Abend bei einem befreundeten Bankier im Garten zu verbringen. Die Bediensteten des Bankiers servierten Drinks und gegrillte Hähnchenspieße, die Gäste diskutierten über Politik und persönliche Freiheit. Nach Mitternacht packte Wasfi sein Cello aus und begann zu spielen. Die Melodie war düster, improvisiert und wunderschön. Im Hintergrund plätscherte ein Springbrunnen. Fackeln erleuchteten den Garten. Ich sah zum Fotografen hinüber. Er hatte Gänsehaut auf den Armen. Ich auch.

Und dann gibt es Momente, auf die man am liebsten verzichten würde. Nach der Dinnerparty im Garten des Bankiers raste unser Fahrer durch die leeren Straßen von Bagdad, bremste scharf vor den Checkpoints. Ein gespenstischer Dunst lag über der Stadt, in der Ferne war ein Feuergefecht zu hören. Sicher habe ich mich erst wieder gefühlt, als ich hinter den verschlossenen Türen meines Hotelzimmers war.

Bagdad ist Krieg UND Kultur

Ich bin nach Bagdad gereist, um zu erfahren, wie sich die Stadt in den letzten Jahren verändert hat. Es war meine erste Reise in die irakische Hauptstadt. Im Vorfeld hatte ich viel Widersprüchliches gehört. Einige Kollegen erzählten, dass die Stadt so offen sei wie seit Jahren nicht mehr. Andere rieten mir dringend von der Reise ab. Bagdad sei für Ausländer noch immer einer der gefährlichsten Orte der Welt.

So paradox es klingt - beides ist richtig. Bagdad ist nicht mehr nur Krieg. Es gibt wieder Theater, Ausstellungen, Konzerte. Wenn ich mit jungen Schauspielern in Hipster-Shirts und Sneakers über Kultur gesprochen habe, fühlte ich mich so frei wie in Berlin. Die Stimmung was ausgelassen und optimistisch. Die Themen beschränkten sich nicht nur auf die kriegerische Vergangenheit oder den Islamischen Staat, der nur wenige Kilometer von Bagdad entfernt lauert. Wir sprachen auch über Musik und Fernsehsendungen.

Ausländer sind besonders wertvoll

Dann wieder bekam mein Fahrer - gleichzeitig Bodyguard - einen gehörigen Schreck, wenn ich mich auch nur ein paar Meter vom Auto entfernte. Er wich während der ganzen Reise nicht von meiner Seite. Wenn er uns abends ins Hotel brachte, dann bis vor die Lobby, nachdem wir bewaffnete Sicherheitsleute am Eingang passiert hatten. Entführungen sind in Bagdad noch immer an der Tagesordnung. Bewaffnete Banden finanzieren sich durch Lösegelder. Ausländer sind besonders wertvoll.

Bagdad ist also noch immer keine normale, sichere Stadt. Umso mehr hat es mich beeindruckt zu sehen, wie viele Menschen keine Lust mehr haben, sich von der Gewalt bestimmen zu lassen. Ich habe eine Ärztin getroffen, die eine der ersten Schönheitskliniken in Bagdad eröffnet hat. Junge Unternehmer, deren größte Sorge nicht der IS, sondern die Folgen des Klimawandels war. Studentinnen, die ausgelassen im Ballsaal eines Luxushotels ihren Abschluss feierten und tanzten.

Leuchtendes Beispiel: Diese Schauspielerin gehört zu einem Ensemble, dass das dauerausverkaufte Theaterstück "Azeize" aufführt

Leuchtendes Beispiel: Diese Schauspielerin gehört zu einem Ensemble, dass das dauerausverkaufte Theaterstück "Azeize" aufführt

In einer Shopping Mall begegnete ich zwei jungen Männern, die im Food Court Schawarma aßen und dazu Pepsi tranken. Sie sprachen mich an, waren neugierig, was eine Ausländerin in Bagdad macht. Ihr Englisch war fehlerfrei - beide studierten in den USA und waren nur kurz im Irak, um ihre Familien zu besuchen. Als ich sie fragte, ob sie langfristig lieber in Bagdad oder in den USA leben wollten, sagte einer der beiden: "Auf jeden Fall in Bagdad. In den USA muss ich zu viele Steuern zahlen." Als ich entgegnete, dass man in den USA wenigsten nicht die Terroristen des Islamischen Staats fürchten müsse, winkte er ab. Sie hätten in Bagdad schon viel schlimmere Zeiten erlebt. Das alles hat mir Hoffnung gemacht, dass die letzten Jahre den Menschen nicht allen Ehrgeiz, ihre Visionen und den Glauben an eine bessere Zukunft genommen hat.

Krieg und Hass haben Leben und Kultur zerstört

Gleichzeitig war ich wehmütig, wenn ich durch die Straßen gefahren bin. Der Krieg und der religiöse Hass haben so viel Leben und Kultur zerstört. Manches wahrscheinlich unwiederbringlich. Besonders auffällig war es in der Rashid-Straße im Zentrum von Bagdad. Hier haben bis vor wenigen Jahrzehnten nicht nur Schiiten und Sunniten nebeneinander gelebt, sondern auch Juden und Christen. Verschnörkelte Balkone und massive Säulen zieren die Häuser, in denen sich einst Theater und Cafés befanden. Heute verfallen sie. Die Fensterläden der oberen Stockwerke sind verrammelt, in den unteren Stockwerken verkaufen Händler Autoersatzteile. Ich habe alte Postkarten der Straße gesehen. Darauf flanieren Frauen in knielangen Rücken unverschleiert neben Männern. Solche Bilder zeigen ein weltoffenes, lebensfrohes Bagdad.

Davon ist die Stadt heute weit entfernt. Immerhin: Die neue Bürgermeisterin hat angekündigt, historische Viertel wie die Rashid-Straße renovieren zu wollen. Vielleicht wird Bagdad nie mehr so sein wie früher. Vielleicht hat es aber auch wenig Sinn, in der Vergangenheit zu schwelgen. Wichtiger ist es, einen Weg nach vorne zu finden. Und das wollen offenbar immer mehr Menschen in Bagdad.

Lesen Sie mehr über Bagdads Nachtleben...

... in der Reportage von Theresa Breuer. Jetzt im aktuellen stern

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