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Iran: Die sanfte Revolution

Sie wollen HipHop hören und anziehen, was ihnen gefällt. Die größte Gefahr für den Gottesstaat Iran sind heute die Jungen. Seit zwei Wochen gehen sie auf die Straße, weil sie es leid sind, sich weiter dem Diktat der alten Männer mit den langen Bärten zu beugen.

Die Revolution endet über dem Knie. Sie zeigt sich weiß und eng genug geschnitten, den Busen zu betonen, und sie lässt die Unterarme frei. Die Revolution - das ist der aktuelle Modeschnitt der Frauenmäntel im Iran.

Das war zu viel für die Bassidsch, die Rollkommandos der iranischen Revolutionsführung. Verhüllt sollen die Frauen sein, Schwarz sollen die Menschen tragen, nicht Pink, Grellrot oder Himmelblau, in Trauer für die vor 1400 Jahren getöteten schiitischen Imame. Also stürmten die Bassidsch schon vor Wochen Teherans Boutiquen, zerrissen und zerschnitten die frivole Sommermode und warfen Scheiben ein. Als sich dann auch noch an den Universitäten das Gerücht verbreitete, künftig sollten Studiengebühren einführt werden, war das Maß voll: Zu Tausenden gingen Demonstranten auf die Straße, erst nur Studenten, dann auch Schüler, Arbeiter, Passanten, erst nur in Teheran, dann in Shiraz, Isfahan, sogar in der religiösen Hochburg Ghom.

Eine schillernde Koalition der Zornigen ist zusammengekommen: Da sind die jungen Frauen aus Teherans mondänem Norden, die in den Boutiquen endlich das einkaufen wollen, was sexy ist und ihnen gefällt. Da sind die Arbeiter aus Teherans Osten, die angesichts dramatisch steigender Preise dafür demonstrieren, überhaupt etwas einkaufen zu können. Alle eint: Sie haben die Gängelungen der selbst ernannten geistlichen Führung satt, die sich auf Gott beruft, um ihre Macht und Pfründe auf ewig zu sichern.

"Warum lassen sie uns nicht in Ruhe?"

Wie Nedda, die junge Englischlehrerin, die sich als unpolitisch bezeichnet, aber maßlos wütend ist, weil ein Freund abgesagt hat, als DJ bei ihrer Party aufzulegen: "Weil er Angst hat, mit seinen CDs im Auto erwischt zu werden. Warum lassen sie uns nicht einfach in Ruhe? Warum kann ich nicht tragen, lesen, hören, was ich will?"

Wie bei den großen Unruhen im Sommer 1999 wurden allein in Teheran Hunderte verhaftet. Noch nach Tagen saßen sie in Haft, und Dutzende Familien ließen sich am vergangenen Wochenende auf dem Campus zu einem Sitzstreik nieder, so lange, bis ihre Söhne und Töchter freigelassen werden. Und doch war etwas anders: Schaute die Polizei 1999 noch seelenruhig zu, als die Rollkommandos der Bassidsch die Studenten zusammenschlugen und einen aus dem Fenster zu Tode stürzten, so gehen sie mittlerweile dazwischen. Sie haben Demonstranten, aber auch die Schläger und deren Rädelsführer verhaftet. Im einzigartigen, fintenreichen Machtkampf, der seit Jahren tobt, geraten die Fronten in Bewegung.

Angst vor einem Militärputsch

Da ist die demokratisch gewählte Regierung des Präsidenten Mohammed Khatami, deren Mitglieder das Land reformieren wollen, sich aber nicht trauen. Bislang sind sie jedes Mal zurückgeschreckt aus Angst vor einem Militärputsch der geistlichen Führung. Die wiederum, unter Führung von Ayatollah Ali Khamenei, hat sich bislang geweigert, ihr Machtmonopol aufzugeben, beruft sich auf Gottes Willen, lässt das Parlament ins Leere laufen und wirft nach Belieben Kritiker ins Gefängnis.

Doch mittlerweile protestieren Menschen gegen beide, skandieren "Nieder mit Khamenei" und empfehlen Khatami: Das Einzige, was er für seine politischen Ziele noch tun könne, sei, unter Protest zurückzutreten. Dazu kommt der Druck von außen: Washingtons Falken raunen von verdeckten Interventionen, US-Truppen stehen mittlerweile an den Grenzen zu Afghanistan und zum Irak. Washington, aber auch Europa haben mit ernsthaften Konsequenzen gedroht, wenn Teheran sein ehrgeiziges Nuklearprogramm nicht den Kontrollen der Wiener UN-Atombehörde unterwirft.

Weshalb Teherans machtbesessene Theokraten in dieser Situation die Menschen erst gegen sich aufbrachten, ihre Schlägertrupps dann aber doch zurückhielten, darüber rätseln auch die Iraner. Gezielte Provokation, Putschpläne gegen den Reformpräsidenten? Die Englischlehrerin Nedda zitiert angesichts des Stürmens von Boutiquen oder der Demontage der Satellitenschüsseln lieber das Lieblingssprichwort ihrer Oma: "Wenn du ein Minarett klauen willst, überlege dir vorher, wo du es unterbringst." Denn das ist das Problem der Machthaber von Gottes geliehenen Gnaden: Was tun mit einem Volk, das auf die Straße geht, wenn man es lässt, und das erst recht auf die Straße zu gehen droht, wenn man es ihm verbieten will?

Kampf nach eigenen Regeln

Es ist ein Kampf nach ganz eigenen Regeln, der im Iran stattfindet: Als willfährige Richter den Wissenschaftler Haschem Aghadschari im Herbst 2002 wegen Blasphemie zum Tode verurteilten, verdarb Aghadschari ihnen das Spiel, als er keinen Widerspruch einlegte, sondern ankündigte: Er sei bereit, "als Märtyrer zu sterben". Schlimmeres hätte er ihnen nicht antun können, denn nichts ist gefährlicher als ein Märtyrer: Als die Generäle des letzten Schahs 1978 Hunderte erschießen ließen, unterwarfen sich die Menschen nicht, sondern begehrten erst recht auf.

Kein anderes Volk der Region kommt der westlichen Idee von Demokratie mittlerweile so nah wie das iranische, vollkommen anders als etwa im Irak. Irans Bevölkerung ist genau das Gegenteil dessen, was die Garde der religiösen Führerschaft mit - fast - allen Mitteln verteidigt: keine beseelten Gläubigen, die im Islam das Heil sehen und ihr Leben für die Herrschaft der Mullahs geben wollen, sondern ein Volk, das nach 24 Jahren Gottesstaat seine Freiheit und seine Ruhe haben will. Das zweimal schon in fairen Wahlen den Reform-Präsidenten Mohammed Khatami gewählt hat und sich bislang nicht mit Gewalt, sondern mit Geduld durchsetzen will. Und das gegen ein Regime protestiert, das fern jeder Realität darüber streitet, welche Saumlänge ein Mantel haben darf, während allein in Teheran Zehntausende Prostituierte an den Straßen stehen, die Junkies in den Parks sterben, ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos ist und jedes Jahr mehr als 200000 Menschen auswandern.

Zwei Drittel der Iraner kennen nur die islamische Republik

Zwei Drittel der Iraner sind nach 1979 auf die Welt gekommen, kennen nur die islamische Republik - und gehören zu ihren entschiedensten Gegnern. Wobei sie die Vorschriften nicht einfach brechen, sondern unterlaufen.

Frauen müssen Kopftuch tragen - also binden sie sich schmale Stoffbänder übers wallende Haar, das vorn und hinten herausschaut. Demonstrationen werden verboten - also setzen sich die Leute ins Auto und fahren hupend durch die Straßen. Krawatten werden als "Symbol westlicher Dekadenz" verdammt - also marschieren die Studenten alle mit Krawatte auf wie eine Kampftruppe von Banklehrlingen. Die Zeitungen der Reformer werden verboten - also stellen die Redaktionen ihre Texte ins Internet. Und als der erzkonservative Ayatollah Misbah Yazdi schon vor einer Weile mit vollem Ernst verkündete, der CIA-Vizedirektor sei heimlich in den Iran gekommen und hätte den Reformer-Zeitungen Millionen Dollar zukommen lassen, amüsierte sich halb Teheran über die empörte Mahnung von Irans prominentestem Satiriker Ibrahim Nabavi an die CIA: "Würden Sie uns bitte kontaktieren, denn wir haben unser Geld noch nicht bekommen und befürchten, unser Chefredakteur hat es sich allein eingesteckt. Bitte melden Sie sich zwischen 13 und 16 Uhr! Anderenfalls sehen wir uns gezwungen, rechtliche Schritte gegen Sie und unseren Chefredakteur einzuleiten!"

"Dies ist keine amerikanische Bewegung!"

Genauso eigentümlich wie die Lage an sich ist das Verhältnis zu Amerika: 70 Prozent der iranischen Gesellschaft wünschen eine Normalisierung des Verhältnisses zu den USA, ergab eine Umfrage im Herbst 2002 - woraufhin die Justiz erst einmal den verantwortlichen Demoskopen Abbas Abdi ins Gefängnis werfen ließ, ausgerechnet einen der Führer jener Studenten, die 1979 die amerikanischen Diplomaten als Geiseln in ihrer eigenen Botschaft festgehalten hatten. Aber kaum hatte Bushs Regierung nun die Proteste begrüßt, hielten die Demonstranten dagegen: "Dies ist keine amerikanische, sondern eine Studentenbewegung!"

Nichts wäre fataler, als wenn die USA nach Bagdad einen zweiten "regime change" im Iran versuchten: Zu schmerzhaft ist hier noch der letzte vor 50 Jahren in Erinnerung, als die CIA den ersten demokratisch gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh wegputschen ließ, weil der es gewagt hatte, Irans Erdölförderung verstaatlichen zu lassen. Damals holten die Amerikaner den bereits geflohenen verhassten Schah Reza Pahlewi zurück, der fortan das Image nie mehr loswurde, eine Marionette Amerikas zu sein - bis die Revolution 1979 ihn vom Pfauenthron fegte.

"Großer Satan Amerika"

Insofern käme kaum etwas den Hardlinern gelegener, die seit einem Vierteljahrhundert vom "Großen Satan Amerika" schwadronieren, als wenn dieser seine alten Fehler wiederholen würde. Getreu dem schlichten Motto, dass die Feinde der Feinde als Freunde zu betrachten sind, hat das Pentagon sein Auge auf zwei Verbündete geworfen, die für vieles stehen, nur nicht für Demokratisierung: Reza Pahlewi, Sohn des gestürzten Schahs, der im Exil in Virginia residiert, sowie die "Volksmudschaheddin", eine stalinistisch organisierte Exiltruppe, die mit Selbstverbrennungen jetzt Schlagzeilen macht. Sie steht seit Jahren auf der Terrorliste des US-Außenministeriums und kämpfte in der Vergangenheit als Söldnertruppe für Saddam Hussein. Zum Verdruss vieler Iraner musste sie selbst ihre schweren Waffen jedoch erst Wochen nach dem Krieg abgeben und wird von den US-Truppen auffällig in Ruhe gelassen.

Amerika als Symbol von Freiheit ist beliebt, gerade weil es sich herausgehalten hat. Und dies auch weiterhin tun sollte, raten selbst erbitterte Regimegegner wie der 1980 mit Dreiviertelmehrheit gewählte, ein Jahr später abgesetzte und um Haaresbreite entkommene Ex-Staatspräsident Bani Sadr: "Die Iraner müssen sich selbst befreien. Wenn die Amerikaner sich jetzt einmischen, spielen sie den Machthabern in die Hände und verzögern den Prozess!"

Blühende Verschwörungsfantasien

Alles ist nun offen, und während alle gebannt auf den 9. Juli starren, den Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste 1999, blühen in Teherans Sommerhitze die Verschwörungsfantasien: Die Hardliner wollen den Kampf auf die Spitze treiben, spekulieren die einen. Denn dann hätten sie einen Vorwand, im Namen der Ordnung Khatami abzusetzen, seine Mitstreiter zu verhaften und wieder eine richtige Diktatur zu errichten. Nein, die Hardliner haben zu viel Angst, sagen andere, sie werden nachgeben und den Gesetzen ihrer schrittweisen Entmachtung letztlich zustimmen. Denn das war die leise Revolution, die Mohammed Khatami als größten Erfolg seiner Amtszeit durchsetzen wollte: dem so genannten "Wächterrat" der Theokraten die Macht zu nehmen, Parlamentskandidaten abzulehnen und die Justiz daran zu hindern, Menschen gegen den Willen der Regierung zu verhaften.

Welche Revolution nun kommt, ist offen: die schleichende, die private - oder die gewaltsame? Führt Khatami sie noch an - oder ist sie längst an ihm vorbeigezogen? Sicher ist nur: Sie hat begonnen, langsam und voller Umwege. Als vor Tagen die abendlichen Auto-Corsos der Demonstranten Teherans Verkehr lahm legten und als Polizisten mit Sprühdosen in der Hand versuchten, hupende Wagen zu attackieren, beschwichtigte ein froh gelaunter Fahrer seinen fluchenden Nebenmann, der verzweifelt durch den Stau wollte: "Haben Sie etwas Geduld, wir proben schließlich gerade die Revolution."

Christoph Reuter / print