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Kommentar

Iran-Krise : Der Trumpschmerz ist kaum noch erträglich

Die Spannung vor der Ansprache Donald Trumps an die Nation inmitten des eskalierenden Iran-Konflikts war riesig: Er versuchte sich an einer Deeskalation. Beruhigen konnte der Präsident sein Volk aber nicht. 

Donald Trump wendet sich in einer Ansprache aus dem Grand Foyer des Weißen Hauses an die Nation

Donald Trump wendet sich in einer Ansprache aus dem Grand Foyer des Weißen Hauses an die Nation

Donald Trump ist in den letzten Tagen wie ein Wahninniger auf eine Klippe zugerast – und wagt den Sprung nun zum Glück doch nicht. In den USA ist die Erleichterung groß, doch, davon sind viele Analysten überzeugt: Die nächste Krise wird kommen.

Kaum eine Woche ist das neue Jahr alt, aber Experten und Bevölkerung haben bereits wieder einmal stundenlang über einen Trump-Tweet gerätselt, um herauszufinden, was der Präsident wirklich sagen will. Und ob es einen Krieg mit dem Iran geben würde.

"Alles ist gut!", hatte Donald Trump am Dienstagabend getweetet, nachdem der Iran 22 Raketen auf zwei Militärbasen im Irak geschossen hatte, in denen amerikanische Truppen stationiert sind. "Alles ist gut!", hatte er geschrieben, als alle Welt Antworten darauf erwartete, ob ein offener Krieg ausbrechen würde. Natürlich ist nichts gut in einem Land, das solch einen Präsidenten hat. Der mögliche Krieg beschäftigte Jugendliche in den Highschools, viele fragten angstvoll ihre Eltern, ob sie eingezogen werden könnten.

Der mögliche Krieg beunruhigte selbst Anhänger von Präsident Trump, denen er versprochen hatte, Amerika werde sich aus den "endlosen Kriegen" zurückziehen. Trump hatte in den vergangenen Tagen enthemmt mit dem Säbel gerasselt, er drohte dem Iran mit Zerstörung, falls Amerikaner zu Schaden kämen. Er drohte, iranische Kulturgüter zu zerstören und damit Kriegsverbrechen zu begehen. Er prahlte mit dem mächtigen amerikanischen Militär. Er sprach von Raketen, kein Wort der Diplomatie.

Welchen Stellenwert hat Trumps Erklärung? 

Als er heute vor die Öffentlichkeit trat, las er eine Ansprache vom Teleprompter ab, die völlig losgelöst von dem zu sein schien, was er in den letzten Tagen gesagt hatte. "Unsere Raketen sind groß, mächtig, zielgenau, tödlich und schnell. Der Fakt, dass wir diese großartige militärische Ausstattung haben, heißt aber nicht, dass wir sie benutzen müssen. Wir wollen sie nicht benutzen", erklärte er nun.

Eine Entwarnung also. Doch wie lange hält der Entspannungskurs an?

Welchen Stellenwert hat diese Erklärung? Wird sie auch losgelöst von dem sein, was Trump in den nächsten Tagen twittern wird? Vieles deutet darauf hin, dass Trump weiterhin von einem Nachrichtenzyklus zum nächsten schlittert, so wie er es immer getan hat. Und die Welt wird so weiterhin das zynische Spiel beobachten, zu dem Außenpolitik unter Donald Trump verkommen ist: Der Präsident schafft eine unnötige Krise und prahlt dann damit, dass das von ihm losgetretene Desaster nicht in einer absoluten Katastrophe geendet hat. Er stürzt sich von einer Eskalation in die nächste, getrieben von Impulsen und Größenwahn, es ist, so kommentierte die "New York Times", als säße er in einem Autoscooter und stoße einen Zusammenprall nach dem anderen an, dabei unfähig, einen Kurs zu finden.

Trumpschmerz in Amerika 

Die Amerikaner sahen heute die Rede eines Präsidenten im Fernsehen, bei dem selbst seine Redenschreiber Schwierigkeiten haben, ihm konsistente Aussagen in den Mund zu legen. Sie sahen ihn schwer atmend und Worte verlallend, so dass viele Kommentatoren Fragen über seinen Gesundheitszustand stellten. Er gab keine nähere Erklärung für die Tötung des iranischen Generals Soleimani ab. Vor einigen Tagen hatte er noch erklärt, Soleimani sei kurz davor gewesen, einen Angriff vorzubereiten, der Hunderte von amerikanischen Leben gekostet hätte. Dann hörte man nichts mehr davon, stattdessen sprachen Regierungsmitglieder von Soleimanis zurückliegenden Verbrechen, die ihn zum Ziel gemacht hätten.

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"Das amerikanische Volk kann sehr dankbar und glücklich sein, keine Amerikaner wurden bei den Angriffen von letzter Nacht verletzt", sagte Trump heute. Die Frage ist allerdings, ob die Amerikaner den Dank an ihn richten werden. Umfragen ergeben, dass eine Mehrheit seinen Erklärungen zum Iran nicht traut.

Neulich suchte die Washington-Korrespondentin des Magazins "New Yorker" Susan Glasser ein Wort, um den Gemütszustand dieser Mehrheit der Amerikaner zu beschreiben. Ein Wort, dass die seelischen Qualen, die seine irrsinnige Politik und sein Größenwahn in weiten Kreisen der Bevölkerung auslösen, widerspiegeln würde. Sie fand ein deutsches Wort (in den USA machen sie sich lustig darüber, dass die Deutschen für alles lange Worte hätten): Trumpschmerz.

Der Trumpschmerz, er ist kaum noch erträglich.

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