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Islamkritiker Abdel-Samad: Der Furchtlose

Nach zwei Tagen ist der deutsch-ägyptische Schriftsteller Hamed Abdel-Samad wieder aufgetaucht. Kurz vor seinem Verschwinden hatte ihn stern-Autorin Sonja Hartwig in Kairo getroffen.

Von Sonja Hartwig

Als ich Hamed Abdel-Samad vor einem Monat in einer Bar in Berlin traf und ihn fragte, wie es sich seither lebe, guckte er mich verdutzt an. Ich sagte: "Ich meine, seitdem dir militante Islamisten mit Mord drohen." Er: "Du hast mich jetzt ehrlich gesagt daran erinnert. Ich denke sonst nicht daran. Wenn irgendwann etwas passieren sollte, dann will ich vorher das Leben genießen."

Im Juni hatte er bei einem Vortrag in Kairo gesagt, der islamische Faschismus habe nicht erst mit dem Aufstieg der Muslimbrüder begonnen, sondern sei in der Urgeschichte des Islam begründet. Eine Fatwa wurde verhängt und auf Facebook erschien sein Foto: "Wanted Dead".

Hamed schien keine Furcht zu haben

Abdel-Samad betont immer wieder, dass Leben für ihn Freiheit bedeutet. Wenn ihn im Sommer auf seiner Vortragsreise in Deutschland jemand fragte, ob er Angst habe, sagte er: "Nein!“ Ägypten, das Land, in dem er geboren wurde, werde er nicht den Fanatikern überlassen. Als wir in der Bar in Berlin saßen, trug er ein pinkfarbenes Hemd, wie er es oft trägt. Er sagte, sein Bruder würde ihn schon aufziehen und bitten: "Hör doch mal auf, diese auffälligen Farben zu tragen.“

Wir beschlossen, uns Mitte November in Kairo zu treffen, vier Tage wollte er bleiben. Für mich war es die Recherche zu einem Portrait über ihn, das zum Erscheinen seines neuen Buchs geplant war. Wenn Abdel-Samad in Kairo keine Termine hatte, schrieb er. Er führte seine Thesen über die Verbindung von Islam und Faschismus aus und rechnete damit, dass er nach der Publikation erneut Polizeischutz bräuchte. Furcht schien er nicht zu haben - und falls doch, dann machte er sie mit sich aus, er redete nicht darüber. Lieber sprach er davon, was er jetzt für Ägypten tun wolle: Nicht nur kritisieren, sondern kulturell und intellektuell etwas aufbauen.

Der Vater stoppt die Tränen

Vergangenen Freitag sahen wir uns ein letztes Mal. Ich traf ihn und seinen Bruder im Hotel, wir saßen im Foyer und redeten drei Stunden lang über ihre Leben, die sich früh trennten und immer wieder trafen: Hamed, der Ältere, war mit 23 nach Deutschland geflohen. Als Student war er bei den Muslimbrüdern gewesen, später wurde er einer der schärfsten Islamkritiker. Mahmoud, der Jüngere, kam mit 12 auf eine Militärschule, wurde dazu erzogen, dem Staat zu dienen. Im Januar 2011 standen sie zusammen auf dem Tahrirplatz.

Wir spazierten am Nil entlang und gingen in ein Shishacafé. Dann fuhren sein Bruder und ich in das Dorf, in dem Hamed und Mahmoud aufgewachsen sind. Hamed kam nicht mit. Das Dorf ist sehr konservativ, Hameds Thesen hatten die Bewohner provoziert. Wir saßen mit den Eltern zusammen, der Vater, ein Imam, 77 Jahre alt, sagte, wie stolz er auf seine Söhne sei. Irgendwann ballte er die Hände zur Faust, stoppte die Tränen und weinte um Hamed, der so lange nicht da war, und um den er sich Sorgen machte.

"Hamed wurde entführt"

Zwei Tage später, am Sonntagabend, meldet sich sein Bruder bei mir: "Hamed wurde entführt.“ Ein Auto habe ihn verfolgt, als er auf dem Weg zu einem Treffen in Kairo war. Das habe Hamed noch am Telefon gesagt. Kurz darauf war er nicht mehr zu erreichen. Bruder Mahmoud glaubt, dass entweder extremistische Islamisten dahinterstecken oder Geschäftsleute, mit denen Hamed Probleme hatte."

Mahmoud rief gestern im ägyptischen Fernsehen den Innenminister auf, Hamed zu retten, daraufhin erhielt er von dessen Büro einen Anruf: Sie arbeiten dran. Hoffentlich werde die Sache in ein paar Stunden erledigt sein. Am Dienstagabend ist es Mahmoud, der sagt, er habe wieder Kontakt zu seinem Bruder. "Er ist am Leben, es geht im gut", sagt er.

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  • Sonja Hartwig