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ISRAEL: Traurige Weihnachten im Heiligen Land

Nahost-Konflikt auch an Weihnachten: Arafat will um jeden Preis den Bethlehemer Weihnachtsgottesdienst besuchen, Israel knüpft Bedingungen an Reiseerlaubnis.

Das diesjährige Weihnachtsfest im Heiligen Land befindet sich fest im Würgegriff des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern. Die Weigerung des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon, dem palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat die Teilnahme am Weihnachtsgottesdienst in Bethlehem zu verwehren, hat im In- und Ausland Kritik, aber auch Vermittlungsbemühungen ausgelöst. Am Montag machte Scharon Arafats Reiseerlaubnis von der ultimativen Bedingung abhängig, er solle bis zum Abend die Mörder von Tourismusminister Rehawam Seewi verhaften.

Straßensperren gegen Arafat

Arafat selbst zeigte sich entschlossen, um jeden Preis nach Bethlehem zu kommen. Um ihn daran zu hindern, von Ramallah in die rund 20 Kilometer südlich gelegene Geburtsstadt Jesu zu gelangen, verstärkte die Armee die Straßenposten. Arafat traf sich am Montagmorgen mit dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Michel Sabbah. Die Würde Arafats sei die Würde aller Palästinenser, sagte Sabbah. Das Besatzungsregime sei ungerecht, die Palästinenser hätten ein Recht auf Freiheit. Dies sei die diesjährige Weihnachtsbotschaft, sagte der palästinensische Kirchenfürst.

EU rügt Scharon

Am Montag versuchten auch Vertreter der Europäischen Union, Israel zu einem Kompromiss zu bewegen. Der belgische Botschafter Wilfried Geens sagte, der Entschluss Scharons mache viel von dem Wohlwollen wieder zunichte, das Israel in den vergangenen Wochen in der öffentlichen Meinung Europas erlangt habe. »Es würde sehr schlecht aussehen, wenn Arafat am Besuch der Messe gehindert werde«, sagte Geens. Auch der Vatikan appellierte an Scharon, Arafat nach Bethlehem reisen zu lassen.

Israel fordert weiter Festnahmen

Dagegen sagte Scharons Berater Raanan Gissin, Israel werde Arafat die Reise nur im Falle der Festnahme von Seewis Mördern erlauben. Bei diesen soll es sich um Mitglieder der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) handeln. Außerdem verlangt Israel von Arafat, die beiden PFLP-Führer Ahmed Saadat und Dschihad Gulmi zu verhaften. Diese sollen auch hinter Plänen für einen neuen Selbstmordanschlag in Haifa stecken. Saadat und Gulmi sowie Seewis Mörder hielten sich in Ramallah auf, sagte Gissin. »Arafat weiß genau, wo sie sind. Trotzdem hat er sie nicht festgenommen.«

Offene Kritik aus eigenen Reihen

Israels Reiseverbot für Arafat stieß auch in den eigenen Reihen auf offene Kritik. Industrie- und Handelsminister Dalia Itzik sprach von einer »dummen und ungerechtfertigten Entscheidung«. Zu den Kritikern gehörte auch Verteidigungsminister Benjamin Ben Elieser, der ankündigte, die Restriktionen in Bethlehem für die kommenden Tage zu lockern, um den Christen in der Region die freie Religionsausübung zu ermöglichen.

Arafat-Besuch hat Tradition

Seit der Übergabe Bethlehems an die Autonomiebehörde Ende 1995 hat Arafat dort jedes Jahr die Messe am Heiligen Abend besucht. In Bethlehem leben rund 30.000 Palästinenser, die Hälfte von ihnen sind Christen. Der Bürgermeister von Bethlehem, Hanna Nasser, erklärte, falls Arafat die Teilnahme an der Christmette verweigert wird, werde auch er »aus Protest gegen die unverantwortlichen und stupiden Maßnahmen der Israelis« fernbleiben.

Bethlehem erwartet tristes Weihnachtsfest

Die Stadt bereitete sich unterdessen auf ein trauriges Weihnachtsfest vor. Fast alle Touristen sind dieses Jahr wegen der angespannten Lage ausgeblieben. Der Krippenplatz vor der Geburtskirche ist mit palästinensischen Flaggen und einem großen Porträt Arafats dekoriert. Auf einem riesigen Transparent steht in Englisch, Französisch, Deutsch und Arabisch: »Scharon mordet die Weihnachtsfreude«. Ansonsten ist der Krippenplatz ohne jeden Schmuck, womit man der Stimmung nach 15 Monaten Intifada Rechnung tragen will. Ein Weihnachtsbaum auf dem Platz trägt nur eine einzige Kerze sowie wenige farbige Kugeln.