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Chronologie: Vertreibungen, Kriege, Anschläge: Eine Chronologie des Nahost-Konflikts

Zahlreiche Kriege, unzählige Tote und immer noch kein Frieden in Sicht: Der Nahost-Konflikt schwelt schon lange. Im Zentrum stehen Israelis und Palästinenser, die seit vielen Jahren für einen Staat kämpfen – auf demselben Gebiet. Eine umfassende Chronologie der Ereignisse lesen Sie hier. 

Chronologie des Nah-Ost-Konflikts

Palästinensische Demonstranten und israelische Einsatzkräfte bekämpfen sich im Gaza-Streifen unter Einsatz von Tränengas.

AFP

Dürfen Deutsche Israel kritisieren? Und wenn ja: Was ist legitime Kritik, was Antisemitismus? Darüber diskutierten in der DISKUTHEK Bischof Hans-Jürgen Abromeit, der mit einer israelkritischen Rede für Aufsehen sorgte, und die jüdische Sängerin Sandra Kreisler. Aber wie alt ist der Nahost-Konflikt eigentlich. Palästinenser und Israelis: Zwei Völker, die immer wieder vertrieben wurden und auf der Suche nach einer Heimat in dasselbe Gebiet zurückkehrten, bekriegen sich seit langer Zeit. Um die Gewalt im nahen Osten zu erklären, muss man weit zurückblicken. In dieser stern-Chronologie erfahren Sie, wie die Konflikte ihren Anfang nahmen und sich bis heute entwickeln.

DISKUTHEK: Wann ist Kritik an Israel Antisemitismus? Jüdin vs. Bischof

Eine Chronologie des Nahostkonflikts
– Die erste Erwähnung Israels

3300 v. Chr. – Schon in der Bronzezeit siedelten die Kanaaniter auf dem Gebiet zwischen Mittelmeer und dem Fluss Jordan sowie dem Toten Meer. Israelitische Stämme siedeln in Palästina seit etwa 1250 v. Chr, das älteste Dokument mit dem Namen Israel ist die Merenptah-Stele aus dem Jahr 1208 v.Chr. Die Römer erobern das Land tausend Jahre später und vertreiben die Juden nach Aufständen im ersten Jahrhundert nach Christus. Neben den Römern regierten das Land über die Jahrtausende Israeliten, Assyrer, Babylonier, Perser, Alexander der Große, Ptolemäer, Byzantiner und Dynastien von muslimischen Arabern. Letztere errichteten 691 auf dem Tempelberg in Jerusalem den Felsendom. Damit etablieren sich neben Juden und Christen auch Muslime in Palästina. Im 12. Jahrhundert besiegten Sunniten die christlichen Kreuzfahrer, besetzten Palästina und eroberten Jerusalem. Ihnen folgten mamelukische Regenten und schließlich die Türken, die das Gebiet dem Osmanischen Reich einverleiben.

1917 – Im Ersten Weltkrieg erobert Großbritannien das Mandatsgebiet Palästina vom unterlegenen Osmanischen Reich. Die Briten sichern in der Balfour-Erklärung zu, eine nationale Heimat für das jüdische Volk zu schaffen. Sie erklären gleichzeitig aber auch, dass "nichts unternommen wird, das die bürgerlichen und religiösen Rechte nichtjüdischer Gemeinschaften beeinträchtigen könnte".

Impulse zur Selbstverwaltung

1920 – In der Konferenz von Sanremo werden die ehemaligen osmanischen Gebiete verteilt – darunter Syrien, Mesopotamien, Libanon und Palästina. Großbritannien soll das Völkerbundmandatsgebiet Palästina, das den Raum des heutigen Israels, Jordaniens, des Gazastreifens und des Westjordanlandes umfasst, auf seine Selbstverwaltung vorbereiten.

1921 – Großbritannien ernennt Mohammed Amin al-Husseini, Mitglied einer führenden arabischen Familie, zum Großmufti von Jerusalem und zum Führer der muslimischen Gemeinschaft. Die palästinensisch-arabische Delegation lehnt den britischen Vorschlag für einen Legislativrat ab und wendet sich gegen eine weitere jüdische Zuwanderung.

Bis 1945 – Jüdisch-palästinensische Auseinandersetzungen verschärfen sich. Hintergrund ist auch die zunehmende Einwanderung von Juden aus Nazi-Deutschland und dem faschistisch besetzten Europa. Der jüdische Bevölkerungsanteil wächst auf bis zu 30 Prozent. Bei Unruhen in Jerusalem töten britische Truppen über 100 Araber, Terror-Gruppen mit arabischem Hintergrund begehen Anschläge auf jüdische Gemeinden. 1936 beginnt ein arabischer Aufstand mit einem Generalstreik in Jaffa. Großbritannien erklärt das Kriegsrecht. Über 5000 Araber werden bei der Niederschlagung der Revolte getötet. Aus Europa versuchen immer mehr Juden nach Palästina zu fliehen, die Briten verweigern ihnen den Zutritt ins Land und schicken beispielsweise Flüchtlingsschiffe wieder zurück.

Vereinte Nationen stimmen für Teilung

1947 – Die Vereinten Nationen empfehlen die Teilung Palästinas in getrennte jüdische und arabische Staaten nach dem Ende des britischen Mandats mit internationaler Kontrolle über Jerusalem und seine Umgebung. Die in dem Gebiet lebenden Palästinenser, die damals 90 Prozent des betroffenen Landes besaßen, bekommen keine eigene Stimme. 33 Staaten stimmen für die Resolution, 13 dagegen – darunter sechs arabische Mitgliedsstaaten.

Einen Tag nach der Proklamation des UN-Teilungsplans für Palästina beginnt der zionistisch-arabische Bürgerkrieg, zunächst als Guerillakampf. Anfang Dezember ruft das Arabische Hochkomitee einen dreitägigen Generalstreik im Land aus. Aufgrund mangelnder Kooperation und Organisation der arabischen Milizen kann die zionistische Untergrundorganisation Hagana den Aufstand der palästinensischen Araber niederschlagen.

1948 – Das britische Mandatsgebiet endet, der Staat Israel wird ausgerufen und erklärt seine Unabhängigkeit. Arabische Staaten beginnen sofort mit Kriegshandlungen, können den neuen jüdischen Staat Israel nach dem Rückzug Großbritanniens aber nicht besiegen. Jordanien besetzt das Westjordanland und Ostjerusalem, Ägypten den Gazastreifen und Israel das restliche ehemalige Mandatsgebiet, einschließlich Westjerusalem. Die Geschichte des Staates Israel beginnt also mit einem Krieg, der auf israelischer Seite als Unabhängigkeitskampf, auf arabischer Seite als "Nakba", die Katastrophe, in das jeweilige Geschichtsbewusstsein einging. 750.000 Palästinenser müssen fliehen oder werden vertrieben.

1949 – Der Krieg endet mit dem Sieg der israelischen Truppen und der Anerkennung Israels durch die UN. Die sogenannte "Grüne Linie" wird gezogen, die für die Vereinten Nationen die legitimen Außengrenzen des Staates Israel festlegt.

1959 – Jassir Arafat gründet eine Kampfgruppe in Ägypten, um Überfälle auf Israel durchzuführen.

Der Sechs-Tage-Krieg beginnt

1967 – Das ägyptisch-israelische Verhältnis verschlechtert sich während und nach der Suezkrise 1956. Nachdem Ägypten die Länder Syrien, Jordanien, den Irak und Saudi-Arabien aufgefordert hatte, Truppen an Israels Grenze zu stationieren, beginnt im Juni der Sechs-Tage-Krieg mit einem erfolgreichen Überraschungsangriff der israelischen Luftwaffe. Israel besetzt Ostjerusalem, das gesamte Westjordanland, Gaza, die Golanhöhen und den Sinai. In all diesen Gebieten werden in den kommenden Jahren mit Genehmigung der israelischen Regierung jüdische Siedlungen errichtet.

1969 – Arafat übernimmt die Führung der PLO, die 1964 von der Arabischen Liga gegründete "Palestine Liberation Organization", die erst aus Jordanien, dann aus dem Südlibanon israelische Soldaten angreift.

1970er – Die PLO und andere bewaffnete palästinensische Gruppen versuchen, mit Terrorattacken Israel zu bekämpfen. Es kommt zu Flugzeugentführungen und Angriffen auf israelische Soldaten, Beamte und Zivilisten. 

Anschlag während der Olympischen Spiele

1972 – Nehmen palästinensische Terroristen der Organisation "Schwarzer September" die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München als Geiseln. Zwei der Athleten werden vor Ort ermordet, neun weitere bei einem fehlgeschlagenen Rettungsversuch. Israel reagiert mit Repressalien gegen die palästinensische Bevölkerung.

1973 – Beim Jom-Kippur-Krieg greifen erneut arabische Staaten Israel an. Nach dem Palästinakrieg (1948/49), der Suezkrise (1956) und dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 ist es der vierte arabisch-israelische Krieg. Israel siegt erneut. Die Arabische Liga erkennt die PLO als "einzigen legitimen Vertreter des palästinensischen Volkes" an und nimmt sie als Vollmitglied der Liga auf.

1977 – Die Likud-Partei kommt in die Regierung und fördert die jüdische Siedlungspolitik im Westjordanland und im Gazastreifen. Israel greift den Südlibanon an und vertreibt dort die PLO und andere palästinensische Gruppen.

1978 – Israel verpflichtet sich im Camp-David-Abkommen die palästinensische Selbstverwaltung im Westjordanland und im Gazastreifen auszuweiten. Diplomatische Beziehungen zu Ägypten werden aufgenommen. Die PLO-Führung zieht nach Tunesien.

1985 – Die israelische Luftwaffe greift das PLO-Hauptquartier in Tunis an, nachdem die PLO-Gruppe drei israelische Touristen getötet hat. Daraufhin kommt es zur Entführung des Kreuzfahrtschiffes Achille Lauro.

Die Anfänge der Hamas-Bewegung

1987 – Der erste palästinensische Intifada-Aufstand beginnt. Mit Steuerstreiks, dem Boykott von Waren aus Israel und Demonstrationen soll ein Ende der israelischen Besatzung erzwungen werden. Der "Krieg der Steine" beginnt, das ritualisierte Steinewerfen auf israelische Soldaten und Panzer, das die Bilder in den Folgejahren bestimmt. Im Gazastreifen bildet sich die terroristisch-islamistische Hamas-Bewegung.

1988 – Jordanien gibt den Anspruch auf das Westjordanland auf und tritt ihn an die PLO ab. Eine Palästinensische Nationalratssitzung in Algier proklamiert einen "Staat Palästina".

1991 – Auf einer Konferenz in Madrid kommen zum ersten Mal seit 1949 israelische und palästinensische Vertreter zusammen. Die israelische Labour-Regierung von Jitzchak Rabin verpflichtet sich, das Siedlungsprogramm einzustellen und beginnt Geheimgespräche mit der PLO.

1992 – Israel zieht sich aus dem größten Teil des Gazastreifens und Teilen des Westjordanlandes zurück, um Arafat die Möglichkeit zu geben, seine PLO-Verwaltung aus Tunis zu verlegen und die Palästinensische Autonomiebehörde einzurichten. Rabin und Arafat unterzeichnen die Oslo-Erklärung, um die palästinensische Selbstverwaltung zu planen und die Intifada offiziell zu beenden. Die Gewalt durch verschiedene palästinensische Gruppen, die die Oslo-Erklärung ablehnen, geht weiter. Arafat, Rabin und dem israelischen Außenminister Shimon Peres werden der Friedensnobelpreis verliehen.

1995 – Der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin wird auf einer Demonstration für den Frieden von einem rechtsextremen jüdischen Studenten ermordet.

Immer mehr Selbstmordanschläge

2000 – Im September besucht Ariel Scharon den auch für Muslime heiligen Tempelberg, als Zeichen seines Widerstands gegen eine Teilung Jerusalems. Die Camp-David-Friedensgespräche galten zu diesem Zeitpunkt als gescheitert, ein palästinensischer Staat ist in weite Ferne gerückt. An dem symbolischen Akt Scharons entzündet sich die zweite Intifada – die Zahl der Selbstmordanschläge in Israel steigt rapide an.

2002 – Die israelische Armee startet die Operation "Schutzwall" im Westjordanland und beginnt dort mit dem Bau eines 700 Kilometer langen Sperrwalls, der in der Nähe von besiedelten Gebieten aus bis zu acht Metern hohen Betonstelen besteht. Die Route der Mauer ist umstritten, da sie häufig von der Waffenstillstandslinie von 1967 abweicht. Außerdem besetzt Israel palästinensische Städte und zerschlägt palästinensische Verwaltungsstrukturen.

2003 – Die USA, die EU, die UN und Russland unterbreiten den Parteien die "Roadmap", die einen Weg zu einer Zweistaaten-Lösung bis 2005 aufzeigt: Ziel ist, dass Israel und ein unabhängiger, demokratischer und lebensfähiger palästinensischer Staat Seite an Seite in sicheren und anerkannten Grenzen leben. Bis heute ist diese "Roadmap" nicht umgesetzt.

2004 – Arafat stirbt in einem französischen Krankenhaus. Mahmoud Abbas wird sein Nachfolger an der Spitze der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Hamas gewinnt Wahlen im Gaza

2005 – Israel zieht alle jüdischen Siedlungen und Militärangehörigen aus dem Gazastreifen ab und behält gleichzeitig die Kontrolle über Luftraum, Häfen und Grenzübergänge. Im Gaza gewinnt die extremistische Hamas erstmals die Wahlen. Der Kampf um die Vorherrschaft mit der gemäßigteren Fatah beginnt. Nachdem die Hamas ablehnt, Israel anzuerkennen und auf Gewalt zu verzichten, setzen die USA und die EU Hilfen aus.

2006 – Hamas-Kämpfer aus dem Gazastreifen entführen den israelischen Soldaten Gilad Shalit und halten ihn für fünf Jahre als Geisel. Es folgen schwere Zusammenstöße zwischen israelischen und palästinensischen Streitkräften. Die Hamas verdrängt die Fatah aus dem Gazastreifen und verstärkt ihre Kontrolle über das Territorium. Israel verschärft seine Blockade nach Raketenangriffen aus Gaza. Ägypten schließt die Grenze, der Gaza ist praktisch von der Welt abgeschnitten. Es entstehen zwei rivalisierende Regierungen im Westjordanland und im Gazastreifen.

2008 – Im November startet Israel nach fortwährenden Raketenangriffen die Operation "Gegossenes Blei" mit Luftangriffen und dem Einmarsch in den Gazastreifen. Weit über 1100 Palästinenser sterben, darunter hunderte Zivilisten, zehntausende Häuser werden zerstört. In Europa und den USA fordern als Reaktion auf den Gaza-Krieg Intellektuelle wie Naomi Klein eine Boykottkampagne gegen Israel. Diese Idee wird vor allem aus Deutschland wegen antisemitischer Untertöne stark kritisiert.

110 Raketen in drei Tagen

2011 – In Israel wird der "Iron Dome" eingesetzt – ein Raketenabwehrsystem, das die ständig aus dem Gazastreifen abgeschossenen Sprengkörper zu großen Teilen eliminiert. Allein im März 2012 wurden in drei Tagen 110 Raketen auf den Süden Israels gefeuert.

2014 – Fatah und Hamas einigen sich auf die Bildung einer Einheitsregierung. Israel reagiert auf die weiter andauernden Raketenabschüsse aus dem Gaza mit der "Operation Schutzlinie". Mit Luftangriffen und einem Einmarsch sollen Schmugglertunnel und Abschuss-Stationen zerstört werden. Im Gaza sterben über 1800 Menschen. Auf Israel werden während der Kriegshandlungen 3000 Raketen abgefeuert, dank des Iron Dome werden weniger als 50 Menschen getötet oder verletzt. Die Zusammenstöße enden im August in einem von Ägyptern vermittelten Waffenstillstand.

Bis 2016 – scheitern alle Bemühungen der Obama-Regierung um Aufnahme neuer Friedensverhandlungen.

Donald Trump verlegt US-Botschaft

2017 – US-Präsident Donald Trump erkennt Jerusalem als Hauptstadt Israels an und verlegt die US-Botschaft in die Stadt, was zu heftiger internationaler Kritik führt.

2018 – Die Vereinten Nationen und Ägypten versuchen, einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas zu vermitteln, während die Gewalt an der Grenze zum Gazastreifen wieder zunimmt.

2018 – Die Knesset beschließt ein Grundgesetz, in dem der jüdische Charakter des Staates festgesetzt wird. Arabische und drusische Israeli protestieren.

2019 – Die USA erklären, israelische Siedlungen im Westjordanland nicht länger als illegal anzusehen.

Weitere umfassende Informationen zum Nahost-Konflikt finden Sie außerdem hier: 

https://www.lpb-bw.de/geschichte-palaestinas/ 

https://www.lpb-bw.de/geschichte-israels 

Von:

David Baum