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Europa und der Islam Teil 3: Warum der politische Islam zu den Waffen ruft

Eine neue Ideologie erobert den Nahen Osten: Der Islam wird politisch, die Religion zum Gewaltinstrument. Der Westen verkennt die Gefahr und unterschätzt die Fundamentalisten - mit Folgen bis heute.

Von Raphael Geiger

Sie war eine Stadt, die feierte, als wäre sie selbst überrascht, dass der tägliche Wahnsinn ohne Gewalt auskam. Sie war die Hauptstadt eines Landes mit 19 Konfessionen, sunnitische und schiitische und neben ihnen Christen, die Menschen sprachen Arabisch, Französisch, sie wohnten in italienischen Villen und saßen in französischen Cafés. Diese Stadt war eine Metropole im Orient, die nach Westen schaute. Sie trug den Namen: Paris des Nahen Ostens.

Es war Beirut. Vor 1975. Bevor der Libanon zum Schlachtfeld wurde. Inmitten dieser Leichtigkeit saß damals ein Mann in einer verrauchten Bar und trank Araq, den libanesischen Anisschnaps. Seit 1971, seit er mit 2000 Kämpfern der PLO aus Jordanien geflohen war, lebte Jassir Arafat in Beirut. Das "Baromètre" war seine Stammkneipe geworden, hier wurde der Araq in Kannen serviert. Hier sinnierte der Palästinenser über seinen Kampf gegen Israel.

1973 - 2000: Bomben und Bürgerkriege
1973: Erste Ölkrise

Weil der Westen Israel unterstützt, drosselt der Nahe Osten die Ölförderung. Der Barrel-Preis steigt um ein Vielfaches - eine Bedrohung für die westliche Wirtschaft.

1975: Bürgerkrieg im Libanon

Der Konflikt zwischen Sunniten, Schiiten und Christen eskaliert, 15 Jahre lang kommt das Land nicht zur Ruhe.

1977: Entführung der "Landshut"

Ein palästinensisches Kommando fliegt die Lufthansa-Maschine nach Mogadischu, um die Führung der linksradikalen RAF freizupressen.

1979: Revolution im Iran

Der Schah flieht ins Ausland. Ayatollah Khomeini kehrt zurück aus dem Pariser Exil und errichtet einen Gottesstaat.

1979: Sowjets in Afghanistan

Russland marschiert in den Krieg gegen die Mudschaheddin. Zehn Jahre dauert es bis zum Abzug der geschlagenen Sowjets.

1982: Massaker in Beirut

Christliche Miliz ermordet bis zu 3000 Menschen in palästinensischen Flüchtlingslagern. Die israelischen Besatzer lassen sie gewähren.

1985: Gründung der Hisbollah

Die Organisation war die erste, die islamische Selbstmordattentäter in Videos als Märtyrer vorstellte.

1987: Beginn der Intifada

Palästinenser rebellieren gegen israelische Besatzung. Aus dem Aufstand geht die radikalislamische Hamas als neue Kraft hervor.

1988: al Kaida entsteht

Osama bin Laden wirbt Muslime für den Kampf gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan an.

1990: Irak-Kuwait-Krieg

Die USA vertreiben den irakischen Diktator Saddam Hussein aus Kuwait, lassen ihn aber in Bagdad an der Macht.

1993: Attentat im World Trade Center

Der erste islamistische Bombenanschlag in den USA tötet sechs Menschen. 1000 werden verletzt.

1995: Massaker von Srebrenica

Im Bosnienkrieg töten Serben über 8000 muslimische Jungen und Männer - die niederländischen Blauhelme greifen nicht ein.

1996: Taliban erobern Kabul

Die Islamisten errichten den radikalsten Gottesstaat, den die Welt bis dahin gesehen hat.

1998: Bomben in Nairobi und Daressalam

Zeitgleich detonieren in Autos versteckte Sprengsätze in den US-Botschaften von Kenia und Tansania. 224 Menschen sterben.

2000: Anschlag auf die "USS Cole" im Jemen

Im Hafen von Aden lassen Selbstmordattentäter ihr Boot nahe der Schiffswand des US-Zerstörers explodieren. 17 Matrosen sterben.

Es ist eine seltsame Ironie der Geschichte, dass gerade Arafat, der Nationalist, am Anfang einer Entwicklung steht, die eine vollkommen neue Ideologie hervorbringen wird: den politischen . Der radikale Glaube wird darin zum Werkzeug für den Kampf um ein neues muslimisches Weltreich - ein Reich, dessen Kultur vor Jahrhunderten den Europäern überlegen war.

Die Gewaltsaat erblüht ausgerechnet im Libanon

Diese gewaltige Idee entsteht also Mitte der 1970er Jahre in einem Land, in dem europäisches und orientalisches Leben zuvor am besten harmoniert hatten: im Libanon. Und schon bald wird im Iran ein Gottesstaat errichtet werden. Bald werden die Afghanen im Kampf gegen die Sowjets den radikalen Glauben entdecken. Und daraus werden al Kaida und die Taliban hervorgehen. Bald werden sich sogar die Muslime untereinander bekriegen, die alten Glaubensrichtungen der Sunniten und Schiiten. Der politische Islam wird zur bestimmenden Kraft in der arabischen Welt werden.

Und am Anfang von alldem: Jassir Arafat. Nach seiner Ankunft in Beirut hatte der Palästinenser begonnen, mit seiner PLO einen Staat im Staate aufzubauen. Seine Milizionäre patrouillieren in manchen Vierteln wie Soldaten. In den Flüchtlingslagern, in denen sich mehr als Hunderttausend Palästinenser drängen, zeigt der libanesische Staat kaum Präsenz, die Palästinenser beziehen nahe den zwei großen Lagern Sabra und Schatila in Beirut ihre Hauptquartiere. Dort spielt Arafat vor Journalisten den Staatsmann, lässt sich dabei filmen, wie er auf Landkarten die neuen Grenzen des autonomen Palästina zeichnet. In dieser Zeit spricht er Sätze voller Feindseligkeit: "Wir werden nicht aufhören, bis Israel zerstört ist." Und: "Wenn der Vulkan der Araber ausbricht, wird es in dieser Region nur noch Araber geben."

Beirut zerbricht in zwei Teile

Die palästinensischen Milizen liefern sich Gefechte mit christlichen Einheiten, im Herbst 1975 zerbricht Beirut in zwei Teile. Christen und Muslime beschießen sich über die Straßen hinweg. Auch im Süden des Landes setzt sich die fest. Dort leben vor allem Schiiten. Arafats Kämpfer dringen von hier aus nach Israel ein. Sie zünden Bomben, im März 1978 entführen sie einen Bus. Als israelische Soldaten versuchen, die Geiseln zu befreien, geht der Bus in Flammen auf. 20 Menschen verbrennen.

Tod folgt auf Tod, Gewalt auf Gewalt. Die Israelis besetzen den südlichen und vertreiben die PLO. Zunächst freuen sich die Schiiten über die Niederlage der PLO, denn die Palästinenser - Sunniten zumeist - haben sie doch in diesen Krieg hineingezogen. Sie empfangen die Israelis als Befreier. Vielleicht hätte es zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit zu einer friedlicheren Entwicklung gegeben, vielleicht wären die Schiiten nie in den Kampf gezogen. Doch die Israelis verkennen die Chance. Sie werfen Männer ohne Prozess ins Gefängnis, durchsuchen Häuser, stören religiöse Feste - die Israelis benehmen sich wie eine Besatzungsmacht. Und die Schiiten wenden sich ab.

Im Februar 1979 verfolgen sie begeistert die Ereignisse in . Dort landet am 1. Februar eine Boeing 747 der Air France. Im Oberdeck am Boden betet: Ayatollah Khomeini, einer der geistlichen Führer der Schiiten.

Khomeini kehrt zurück

Schon seit Wochen begehrt das iranische Volk auf gegen den Schah. Khomeini hatte sich über 13 Jahre lang im Exil aufgehalten. Jetzt, im Jumbo, fürchtet der 77-Jährige, das iranische Militär könnte die Maschine abschießen oder aber ihn gleich nach der Landung verhaften. Er gibt dem Journalisten Peter Scholl-Latour, der ihn begleitet, ein Buch. Scholl-Latour solle das Buch aufbewahren, sagt Khomeini, falls ihm etwas zustoße. Es ist die Verfassung der Islamischen Republik Iran.

Noch steht sie nur auf dem Papier. Als Khomeini in Teheran eintrifft, ist der Schah schon ins Ausland geflohen. Bei der Fahrt in die Stadt bejubeln Menschenmassen den Einzug des neuen Führers. Sie hoffen auf ein besseres Leben. Sie wollen profitieren vom Ölreichtum. Sie wollen endlich selbst ihr Land regieren. Der alte Mann mit dem langen Bart, dieser Greis aus dem westlichen Exil - er ist Hoffnungsträger für die Zukunft und Bewahrer der Tradition. Er ist der Held der islamischen Revolution.

Der islamische Staat erscheint so furchtlos

Mit ihm kommen die Religionsgelehrten an die Macht. Das neue Regime führt strenge Kleiderregeln für Frauen ein. Khomeini lässt den Staatsapparat säubern und Tausende hinrichten. Dieser neue islamische Staat wird schnell zum Vorbild für Muslime in anderen Ländern. Er scheint so furchtlos. So fest entschlossen. Im November 1979 besetzen junge Radikale die US-Botschaft in Teheran und nehmen Geiseln. Jetzt richten sich die Waffen nicht mehr nur gegen Landsleute, die mit dem Westen kooperiert haben. Jetzt sind die Amerikaner selbst das Ziel. Die Angreifer fordern die Auslieferung des Schahs. 444 Tage halten sie die Botschaftsangehörigen fest. Es ist eine bis dahin unvorstellbare Demütigung der westlichen Vormacht. Die Geiseln kommen erst frei, als die USA eingefrorene Konten freigeben: rund zehn Milliarden Dollar.

Doch wie soll der Westen auf eine solche Provokation reagieren? Was kann er tun gegen die neue Bedrohung? Die USA verfallen auch diesmal einem uralten Reflex: den Feind des Feindes zu unterstützen. Und so liefert der Westen schon bald Waffen an den Herrscher über Irans Nachbarland: an Iraks Saddam Hussein. Im September 1980 überfällt der irakische Despot die iranischen Eiferer. Saddams Soldaten sind besser bewaffnet, Khomeini schickt Jungen in die Felder vor den Frontlinien, manche sind elf Jahre alt, damit sie die irakischen Minen entschärfen - indem sie sich von ihnen zerfetzen lassen. Khomeini nennt diese Kinder: Märtyrer.

"Gotteskrieger" wünschen den Tod herbei

In dieser Zeit tauchen zum ersten Mal Begriffe auf, die wir noch heute in den Nachrichten hören. Khomeinis Soldaten werden "Gotteskrieger" genannt, Männer, die den Tod nicht fürchten, sondern herbeiwünschen. Diese reden nicht mehr von Feinden, sie sagen: "Ungläubige". Und es fällt auch in diese Zeit, in den Anfang der 1980er Jahre, dass radikale Geistliche immer häufiger vom "Dschihad" predigen, vom heiligen Krieg. Ihre hasserfüllten Sermone über die Dekadenz des Westens könnten unseren Tagen entstammen - genauso wie die Methoden, derer sich der politische Islam nun zu bedienen beginnt.

In Sur an der südlibanesischen Küste macht sich im November 1982 ein junger Mann mit dem Auto auf den Weg zum Hauptquartier der Israelis. Kurz zuvor sind diese bis nach Beirut vorgestoßen. Der junge Mann heißt Ahmad Qassir, ein Libanese. In dem weißen Mercedes transportiert er mehrere Hundert Kilo Sprengstoff. Mit Vollgas fährt er in das Gebäude der Israelis. 141 Menschen sterben. Am Abend feiern viele Menschen in Beirut die Tat. Es ist die erste Autobombe der Geschichte.

Die "Partei Gottes" formiert sich

Er ist Vorläufer der radikalen Kämpfer der Hisbollah. Die "Partei Gottes", die in dieser Zeit entsteht, kämpft gegen die Christen, ist mit Sunniten verfeindet und ein fanatischer Gegner Israels. Die Hisbollah vereint Kompromisslosigkeit mit militärischer Professionalität. Sie filmt ihre Anschläge und schickt die Bänder an Fernsehsender. Immer wieder dringen ihre Selbstmordattentäter in die israelische Sicherheitszone ein. Hassan Nasrallah, der spätere Führer, sagt: "Für unseren Kampf brauchen wir ganz besondere junge Männer."

Er meint: solche, die freiwillig sterben wollen. In diesen Monaten der Gewalt keimt der politische Islam überall im Nahen Osten. In Syrien und Ägypten werden die Muslimbrüder mächtiger. In anderen Ländern rebellieren immer mehr Muslime gegen den Einfluss des Westens und gegen Diktatoren, die sich mit dem Westen arrangiert haben. Dieser Islam mit realem Machtanspruch wird für viele junge Männer zu einer attraktiven Ideologie. Er gibt ihnen Selbstbewusstsein. In ihm fühlen sie sich groß. Die Religion wird zum Instrument der politischen Mobilisierung. Sie wird: zur Waffe.

Osama bin Laden, begeistert von der Besetzung der Kaaba, in Afghanistan. Vermutlich Anfang der 1990er.

Osama bin Laden, begeistert von der Besetzung der Kaaba, in Afghanistan. Vermutlich Anfang der 1990er.

Was Muslime denken - egal

Zu dieser Zeit erkennen die Europäer in den oft zeitgleich stattfindenden Anschlägen, Kriegen und Revolutionen noch keine Verbindungen. Sie erkennen auch nicht, dass sich die Ereignisse gegenseitig verstärken. Nur wenige Muslime leben in Europa, in Deutschland vor allem "Gastarbeiter" aus der Türkei. Was die denken, scheint den meisten ziemlich gleichgültig zu sein.

Dabei kündet schon 1979 ein ungeheures Ereignis in Saudi-Arabien der ganzen Welt von der wachsenden islamistischen Gefahr. Am letzten Tag des Hadsch, der großen Pilgerfahrt nach Mekka, ziehen 50.000 Gläubige am frühen Morgen um die Kaaba, das wichtigste Heiligtum der Muslime. Die Situation ist angespannt, zwei Wochen zuvor begann die Geiselnahme in der US-Botschaft von Teheran. Die saudischen Sicherheitskräfte kontrollieren am Eingang der Moschee vor allem die schiitischen Pilger aus dem Iran. Mit einer Gefahr aus den eigenen Reihen der Sunniten rechnen sie nicht.

Islamisten gegen Gläubige

Dann fallen Schüsse. Einige Hundert Kämpfer stürmen die Moschee, sie schicken Scharfschützen auf die Minarette und verrammeln die Tore - die heiligste Stätte des Islam ist nun in der Hand von Islamisten. Die Gruppe nennt sich "Brüder". Sie sind bereit zu einem langen Kampf. Manche haben sogar ihre Familien mitgebracht.

Über die Lautsprecheranlage verkünden sie ihre Forderungen: Sturz des saudischen Königshauses, kein Öl mehr für die USA, keine Beziehungen zum Westen, Ungläubige sollen das Land verlassen, Frauen dürfen nicht mehr auf die Straße gehen. Verboten werden sollen außerdem: Fernsehen, Radio, Fotografie, Fußball, Zigaretten. Die "Brüder" klingen wie die Vorläufer des späteren "Islamischen Staats".

Der Westen soll den Saudis helfen

Der saudische König reagiert panisch. Die Armee fährt Panzer auf, der Strom wird abgestellt, aber die "Brüder" sind gut ausgebildet, sie geben nicht auf. Nach zwei Wochen bittet König Khalid den Westen verzweifelt um Hilfe. Christen sollen nun Mekka von Muslimen befreien? Deutlicher kann der saudische Herrscher seine Schwäche nicht eingestehen.

Französische Spezialisten rücken an. Sie lassen die Moschee durch das Kellerlabyrinth fluten und leiten Starkstrom in die unter Wasser gesetzten Gänge. Die letzten Brüder werden mit Gas vertrieben. 68 überlebende Terroristen werden später öffentlich enthauptet. Die "Brüder" sind besiegt - doch die Botschaft ihres Märtyrertodes, die radikale Ideologie ihres islamistischen Kampfes lebt weiter. Ein junger Saudi beschreibt später die Tage der Kaaba-Besetzung als den Moment seines Erwachens. Dieser Mann heißt: Osama bin Laden.

Bin Laden betet nicht nur fünfmal am Tag

Bin Laden ist das 17. Kind der zehnten Frau eines saudischen Bauunternehmers und Multimillionärs. Dieses Kind lernt den Vater kaum kennen, es wird von Lehrern geprägt, die den Muslimbrüdern nahestehen. Mit 14 betet Osama nicht nur fünfmal, wie es der Islam will, er betet ein sechstes Mal um ein Uhr nachts. Zwei Tage die Woche fastet er, und er hört keine Musik.

Zunächst beschäftigt er sich vor allem mit dem Kampf der Palästinenser. Der vereint sogar Schiiten und Sunniten - im Hass auf Israel und im Misstrauen gegen den Westen. Osama bin Laden studiert Bauingenieurwesen. An der Uni hört er radikalislamische Vorträge von Gelehrten. Sie gefallen ihm. "Der Kampf ist Teil unserer Religion", so wird er seine Idee vom politischen Islam später formulieren.

Zunächst engagiert sich bin Laden finanziell

Schon wenige Tage nach der Besetzung der Kaaba will bin Laden zum ersten Mal nach Afghanistan gereist sein. Er besucht die Mudschaheddin, die gegen die kurz zuvor einmarschierten Sowjets kämpfen.

Zunächst engagiert sich der reiche bin Laden vor allem finanziell. Er schickt den syrischen Muslimbrüdern Geld. In dieser Zeit lernt er Abdallah Azzam kennen, einen palästinensischen Geistlichen, der sein Mentor wird. Azzam ist überzeugt, dass Ungläubige getötet werden müssen. Heute gilt Azzam als der "Vater des globalen Dschihad".

Als bin Laden und Azzam 1984 wieder Afghanistan besuchen, fühlt sich bin Laden "beschämt", weil er sein Leben noch nicht vollkommen dem Dschihad verschrieben hat. Er wird radikaler, fanatischer und verliert seine Stelle im väterlichen Baukonzern. Umso ausgiebiger hält er sich nun in Afghanistan auf. Mit Azzam gründet er in Peschawar im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet eine Aufnahmestelle für kampfbereite Araber.

Die USA finden Gefallen an bin Laden

Die USA finden Gefallen an dem vermeintlichen Antikommunisten. Wie einst Saddam Hussein, so fördern sie auch Osama bin Laden in dem Irrglauben, er könnte sich beim Kampf um Macht und Einfluss steuern lassen. Bin Laden und Azzam beginnen, die Bergfestung Tora Bora auszubauen. Gerade einmal 3000 Kämpfer können sie rekrutieren - und doch schaffen sie damit die Grundlage für ihren Dschihad. Die solide Basis, nennt es Azzam: al Kaida.

Azzam lässt eine Broschüre drucken: "Schließt euch der Karawane an!" Er schreibt: "Eine Stunde Dschihad ist mehr wert als 70 Jahre Gebet zu Hause." 1989 stirbt Azzam bei der Explosion einer Autobombe. Jetzt liegt die Führung allein in den Händen von Osama bin Laden.

Der erste islamistische Anschlag in den USA

Als die Russen 1989 gedemütigt aus Afghanistan abziehen, geht er zunächst zurück nach Saudi-Arabien. Dann zieht er in den Sudan. Der Westen nimmt kaum Notiz von den Vorgängen in der muslimischen Welt. Der Eiserne Vorhang ist gefallen und selbst der Bürgerkrieg im Libanon nach 15 Jahren beendet. Der Westen sieht sich als Sieger im Kalten Krieg, manche reden sogar vom "Ende der Geschichte". Außenpolitisch agieren die USA mit dem Selbstbewusstsein einer alleinigen Supermacht. Sie schicken Truppen nach Kuwait, später nach Somalia. Bin Laden vergleicht die US-Einsätze mit den Kreuzzügen. Zwei Jahre später, 1993, zündet ein junger Terrorist eine Bombe in der Tiefgarage des World Trade Center in New York. Es ist der erste islamistische Anschlag auf amerikanischem Boden, sechs Menschen sterben, 1000 werden verletzt.

In diesen Jahren lebt bin Laden in einer Villa im sudanesischen Khartum. Er hat 24 Kinder von mehreren Frauen. Sein Ruhm verbreitet sich weiter in der islamischen Welt, auch im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan, dort, wo er einst selbst gekämpft hatte.

Aus den Koranschulen erwachsen die Taliban

Während des Krieges gegen die Sowjets in den 80er Jahren waren in den afghanischen Flüchtlingslagern Hunderte Koranschulen entstanden. Sie lehrten den alten Ehrenkodex des Volks der Paschtunen. Ein einfaches, bescheidenes Leben. Ein fundamentalistisches Frauenbild. Den Hass auf die Schiiten. Aus diesen Schulen erwachsen nun die Taliban. Ihr Anführer ist ein Mann, der als Mudschahed im Kampf ein Auge verlor. Sein Name: Mullah Omar. Anfang der 90er Jahre sammelt er erste Kämpfer um sich, sie stammen aus dem Süden Afghanistans, dort beginnen sie auch ihren Feldzug.

In wenigen Monaten schwillt die kleine Truppe auf 10.000 Kämpfer an. Sie besetzen das halbe Land. Wo sie regieren, führen sie eine strenge Scharia-Justiz ein, verbieten Fernsehen, Mädchenschulen und Frauenarbeit. Je unfreier die Frauen, desto islamischer das Land. So denken sie. Die Hauptstadt Kabul kapituliert 1996 nach langer Belagerung kampflos. Mullah Omar ruft das "islamische Emirat" aus.

Hauptsache die Frau ist unfrei

Wieder beachtet der Westen die afghanischen Ereignisse kaum. Wieder sehen die USA in einem späteren Gegner zunächst einen Verbündeten. Sie hoffen, dass die Taliban den Einfluss des Iran schwächen. Osama bin Laden und seine al Kaida kehren nach Afghanistan zurück. Omar heißt sie willkommen. Er lässt sich inspirieren. Auch er spricht jetzt vom "globalen Dschihad".

Zwei Jahre später, 1998, zünden die Islamisten Bomben in den US-Botschaften von Nairobi und Daressalam. 224 Menschen sterben. US-Präsident Bill Clinton befiehlt Vergeltungsschläge. Als die USA ein al-Kaida-Lager bombardieren, hat es bin Laden eine Stunde zuvor verlassen. In diesen Tagen beginnt er, einen großen Angriff zu planen. Den Angriff.

Europa und der Islam - Teil 4

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