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Italien im Visier der Anleger: Angst essen Vertrauen auf

Italien gerät ins Visier der Finanzmärkte: Die Verschuldung des Landes ist sehr hoch, das Wachstum dagegen gering. Doch so schlimm wie in Griechenland ist die Lage längst nicht.

Eine Analyse von Martin Kaelble

Lange befand sich Italien nur am Rande des europäischen Brandherds. Nun ist das Land jedoch in den Fokus der Finanzmärkte gerückt und droht in den Teufelskreis steigender Zinsen und Schulden zu geraten. Italiens Verbindlichkeiten sind beträchtlich, und die Wirtschaft wächst kaum. Doch trotz aller Probleme gibt es deutliche Unterschiede zu Peripherieländern wie Griechenland.

Das Hauptproblem: Italiens ausstehende Schulden sind mit 1800 Milliarden Euro so hoch, dass sie den europäischen Rettungsschirm sprengen würden. "Sollten die Finanzierungskosten für Italien weiter steigen, könnte dies der finale Testfall für den europäischen Rettungsschirm werden", sagte Holger Fahrinkrug, Chefvolkswirt der WestLB. Die Regierung plant zwar mittlerweile Sparmaßnahmen im Umfang von 71 Milliarden Euro, den Großteil davon - nämlich 47 Milliarden Euro - allerdings erst ab 2013. "Das ist sehr spät, vielleicht zu spät", so Carsten Klude, Chefvolkswirt der Privatbank M.M. Warburg.

Selbst Spanien steht besser da als Italien

Italiens Problem ist dabei weniger das Defizit im Haushalt, sondern der hohe Schuldenstand. Dieser dürfte in diesem Jahr 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreichen - nach Griechenland der höchste Wert im Euro-Raum. Allein die Bedienung der Zinslast verschlingt enorme Summen: Nach Angaben der OECD zahlte Italien im vergangenen Jahr 65 Milliarden Euro an Zinsen für die Staatsschuld. Gemessen am BIP beträgt die Zinslast damit rund vier Prozent, im Vergleich zu den Steuereinnahmen fast 15 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland sind es zwei Prozent des BIPs und etwa neun Prozent der Steuereinnahmen - selbst Spanien steht hier besser da.

Entschlossene Sparsignale scheinen daher wichtiger denn je im Angesicht nervöser Märkte. Hier hatte Italien bisher mit seinem Finanzminister Giulio Tremonti einen wichtigen Pluspunkt. "Tremonti ist ein Experte und in seinen Konsolidierungsbemühungen glaubwürdig", sagte Scheuerle. Ausgerechnet Tremonti ist nun aber in eine Korruptionsaffäre verwickelt - ein weiterer Schwachpunkt im Falle Italiens. Denn die Regierung Berlusconis gilt vielen Beobachtern als korrupt und unzuverlässig. "Die Handlungsfähigkeit der Regierung wird von den Märkten angesichts der politischen Spannungen und Skandale als nicht ausreichend angesehen", warnt Fahrinkrug.

Italiens Staatsfinanzen sind absolut tragbar

Hinzu kommt ein anderes Problem. "Italien wächst derzeit kaum - und das, obwohl das Land nicht wie die Peripherieländer darunter leidet, dass eine Immobilienblase geplatzt ist, der Privatsektor seine Bilanzen bereinigt oder der Staat massiv spart", sagte Ulrike Rondorf, Volkswirtin bei der Commerzbank. Schon vor der Krise war das Wachstum schwach: Das BIP legte zwischen 1992 und 2008 im Schnitt nur um 1,2 Prozent zu. In der Krise brach die Wirtschaft dann stärker ein als bei Exportnationen wie Deutschland, erholte sich danach aber längst nicht so stark - selbst Spanien hat sich trotz Immobilienkrise dynamischer erholt. Zuletzt fielen die Einkaufsmanagerindizes unter die Wachstumsschwelle.

Das Wachstumsproblem sei im Falle Italiens von besonderer Bedeutung, sagte Starökonom Barry Eichengreen der "Financial Times Deutschland". "Italiens Staatsfinanzen sind absolut tragbar, solange die Wirtschaft wächst", so der Berkeley-Professor. Doch trotz aller Probleme halten einige Ökonomen die Reaktionen der Märkte für übertrieben. So hat die Staatsverschuldung zuletzt nicht weiter an Dynamik gewonnen, wie es in Griechenland oder Irland der Fall war. Jahrelang wies Rom Primärüberschüsse aus - ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen nahm der Staat mehr ein, als er ausgab.

Ökonomen zuversichtlich, Märkte nicht

Das Defizit ist, verglichen mit anderen Peripheriestaaten, mit 4,6 Prozent des BIPs gering und lag 2010 unter dem Euro-Raum-Durchschnitt. Im Unterschied zu Griechenland ist der Staat zudem größtenteils im Inland verschuldet - über die Hälfte der Staatsanleihen sind in italienischem Besitz. "Dies ist im internationalen Vergleich ein hoher Wert", sagte Rondorf. Und auch die Verschuldung des Privatsektors ist gering, was ein Vorteil gegenüber Irland oder Spanien ist. So sehen Ökonomen unterm Strich Italien in einer deutlich besseren Situation als Griechenland. Offen bleibt, ob die Märkte diese Einschätzung teilen werden.

FTD