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Jaroslaw Kaczynski: In Deutschland geschieht "etwas sehr Ungutes"

Die Fotomontage von Angela Merkel mit blankem Busen sorgt für große Aufregung. Sie sei "kein Beitrag zur deutsch-polnischen Freundschaft" echauffieren sich Politiker. Nun meldet sich auch noch der polnische Ministerpräsident Kaczynski mit Deutschland-Kritik zu Wort.

Die Nachbeben der nächtlichen Brüsseler Gipfel-Hektik vom Wochenende sind noch zu spüren. In Polen gab es sorgenvolle Berichte über die Folgen für das deutsch-polnische Verhältnis. In Deutschland bemühte man sich regierungsamtlich um Deeskalation.

Am drastischsten langte in Polen das konservative Magazin "Wprost" hin. Auf dem Titelbild zeigte das Blatt als Fotomontage eine barbusige Kanzlerin Angela Merkel, die die Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczynski an ihrem Busen nährt.

Geschmackloses Titelbild

Die Veröffentlichung der Fotomontage sorgte in Deutschland für Empörung. Der stellvertretende FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sagte laut "Bild"-Zeitung, dies sei "eine Geschmacklosigkeit und kein Beitrag zur deutsch-polnischen Freundschaft".

"Fassungslos" äußerte sich der Vorsitzende der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe, Markus Meckel (SPD): "Polen hat in den letzten Wochen und Monaten viele Freunde verloren. Das Land sollte sich in Zukunft verstärkt Gedanken machen, wie es wieder Verbündete und Freunde gewinnt."

"Die Polen sollten aufhören, sich mit Geschmacklosigkeiten zu überbieten", sagte CSU-Außenexperte Eduard Lintner dem Blatt. "Irgendwann schlägt das auf die Stimmung in Deutschland durch, die momentan noch sehr hilfsbereit ist. Satire findet ihre Grenze dort, wo sie die Würde anderer beschädigt!"

Kritik an Deutschland, Kritik an Polen

"Die Stiefmutter Europas", stand auf dem Titel. In dem Bericht dazu wurden Deutschland "postkoloniale Reflexe" vorgeworfen. 60 Jahre nach Kriegsende seien "die Deutschen immer noch nicht in der Lage, Polen partnerschaftlich zu behandeln". Deutsche Politiker und deutsche Medien hätten einen "Frontalangriff" gegen Polen geführt, lautete der Tenor. Deutschland sei "von unserem Anwalt zu unserem Ankläger" geworden. Das Magazin "Wprost" - für seinen nicht ausgewogenen Blick auf den westlichen Nachbarn bekannt - steht mit dieser Auffassung inzwischen nicht mehr allein.

"Man gewinnt den Eindruck, dass (die deutschen Politiker) die Fähigkeit verloren haben, das Interesse Deutschlands vom Interesse Europas zu unterscheiden", kommentierte die Zeitung "Rzeczpospolita" den Gipfelverlauf. Kritische Stimmen an die eigene Adresse gab es auch. "Passt Polen nach Europa?" fragte "Newsweek Polska". Experten warnten hier vor einer Selbstisolierung des Landes.

Mit Blick auf Deutschland sagte der polnische Ministerpräsident, im Nachbarland geschehe "etwas sehr Ungutes". Doch ähnlich wie in früheren Zeiten habe die Mehrheit der Europäer "nicht den Mut, darüber zu sprechen".

In den vergangenen 40 Jahren hätten sich die deutsch-polnischen Beziehungen positiv entwickelt, betonte Kaczynski. "Ich möchte das erhalten, aber dies braucht den Willen beider Seiten, und ich habe manchmal den Eindruck, dass der Wille bei manchen nicht vorhanden ist" sagte Kaczynski und betonte, er rede hierbei nicht von Bundeskanzlerin Merkel.

Merkel spielt Streit herunter

In Berlin war man dagegen bemüht, den Streit mit Polen tiefer zu hängen. Man werde die "engen und freundschaftlichen Beziehungen" mit Polen verstärkt ausbauen, ließ Merkel wissen. Der "Geist der Zusammenarbeit" und die "Gemeinschaft aller" in der EU wurden nach dem Krisen-Gipfel beschworen.

Während der dramatischen Tag-und-Nacht-Verhandlungen im Brüsseler EU-Ratsgebäude hatte die Kanzlerin zunächst die Reißleine gezogen und Polen öffentlich mit einer Isolierung im weiteren Reformprozess gedroht. Mit neuen Zugeständnissen wurde schließlich eine Einigung gefunden. "Diktat der deutschen Politik", war zwischenzeitlich noch ein milderer Kommentar aus Warschau gewesen.

Auf direkte Zusammenarbeit der Bürger setzen

Inzwischen heißt die Devise in Berlin: "Nicht nachkarten." Die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen seien vor dem Gipfel schwierig gewesen und sie würden auch nach dem Gipfel schwierig bleiben, analysieren Regierungsexperten. Deshalb sei "Zusammenarbeit mit Augenmaß" die richtige Antwort.

Aus dem Bundestag gab es die Forderung nach rascher Wiederbelebung des "Weimarer Dreiecks", in dem Frankreich, Polen und Deutschland ihre Zusammenarbeit in der EU koordinieren. Ein Dreier-Treffen dieser Art hatte es zuletzt im Dezember an der Saar gegeben. "Große Gesten sind nicht geplant", hieß es dazu in der Bundesregierung.

Hier wird offensichtlich mehr auf die direkte Zusammenarbeit der Bürger gesetzt: Jugendaustausch, universitäre Kontakte und Städtepartnerschaften. Umfragen in Polen signalisieren regelmäßig eine überwiegend positive Einstellung der Polen zu Deutschland und der EU.

DPA/AP / AP / DPA