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Analyse

Wahlkampf in den USA: Wenn Joe Biden jemals eine Chance hatte, dann jetzt

Joe Biden will Präsident der Unvereinigten Staaten von Amerika werden. Bislang spielte der Herausforderer von Donald Trump allerdings kaum eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Unruhen in den USA könnten das ändern.

Harsche Kritik an Trump: Emotionale Biden-Rede: "Tötung von George Floyd ist ein Weckruf für die USA"

Moment mal. Wendet sich der US-Präsident nun doch an seine Mitbürger? Mit versöhnenden Worten, einer Rede, die den Zusammenhalt der Amerikaner in Krisenzeiten beschwört?  

Nein, Verzeihung, er ist es doch nicht – sondern sein Herausforderer, der sich präsidialer gegeben hat, als es Donald Trump vielleicht jemals vermag. 

Joe Biden, der voraussichtliche Präsidentschaftskandidat der Demokraten, hat am Dienstag eine Rede im Rathaus von Philadelphia gehalten (die Sie hier im Video sehen können). Biden ging auf die Spaltung im Land ein, auf die Polizeigewalt und den Rassismus. Er drückte sein Mitgefühl über den Tod von George Floyd aus, der in der vergangenen Woche wohl infolge eines Polizeieinsatzes getötet wurde. 

Joe Biden, Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten

Mit Mund-Nasen-Schutz und Mitgefühl: Joe Biden, Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten

AFP

Also: Er sagte vieles, was dem US-Präsidenten nicht über die gespitzten Lippen gehen will.

Sein Auftritt war aber auch deshalb ein Ereignis, weil er seit Beginn der Coronakrise in der öffentlichen Wahrnehmung kaum stattgefunden hat. Wenn der 77-Jährige zu sehen war, dann immer vor gleichem Hintergrund: vor einem Bücherregal und künstlichem Licht, in einem improvisierten "Fernsehstudio" im Keller seines Privathauses.

Während Trump, der die Coronakrise demonstrativ runterspielt, längst wieder durchs Land tourte.

Bidens Rede im Rathaus von Philadelphia lässt sich daher auch als Richtungsentscheidung lesen: Fünf Monate vor der Präsidentschaftswahl bläst der frühere Vizepräsident zum Angriff.

Joe Biden, der Anti-Trump

Dabei könnte Biden die Krise(n) in die Hände spielen. Der Zeitpunkt scheint ideal: Wenn er jemals eine Chance hatte, dann jetzt.

Die US-Wirtschaft geht infolge der Corona-Pandemie auf Talfahrt, Trumps zentrales Kern-Wiederwahlargument bröselt dahin. Im ganzen Land wüten Proteste. Aus Zorn über den Tod des Afroamerikaners George Floyd, über Polizeigewalt, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit. Viele Amerikaner sehnen sich nach Stabilität, Verlässlichkeit und Empathie – nach einem Versöhner der Unvereinigten Staaten von Amerika. 

Doch anstatt das Land zu beruhigen und zu einen, setzt Trump auf Eskalation und droht, die Unruhen notfalls mit dem Militär niederzuschlagen.

Auftritt: Joe Biden. Am Sonntag spricht er mit Demonstranten, am Montag mit schwarzen Gemeindemitgliedern, am Dienstag zur gespaltenen Nation. In Philadelphia fallen Sätze wie: "Die Tötung von George Floyd ist ein Weckruf für die Nation" oder "Bei diesem Job (US-Präsident) geht es nicht um mich, es geht um euch, es geht um uns." Und, überall dabei: Mund-Nasen-Schutz und Mitgefühl. Alles Umstände, mit denen sich Biden als Antithese zu Trump positionieren will.

Harsche Kritik an Trump: Emotionale Biden-Rede: "Tötung von George Floyd ist ein Weckruf für die USA"

Sein vermeintliches Schattendasein im heimischen Keller scheint Biden dabei nicht nachhaltig geschadet zu haben. Es könnte sogar von Vorteil gewesen sein.

Bei öffentlichen Auftritten und TV-Debatten leistete sich Biden immer wieder empfindliche Patzer. Mal verwechselte er Orte, mal seine Frau, mal das Amt, um das er sich bewirbt – und bot Trump damit ordentlich Stoff für Schmähungen. Stichwort: "Sleepy Joe", der schläfrige Joe. Die Pandemie legte den Vor-Ort-Wahlkampf lahm, stoppte alle Auftritte von einem Tag auf den anderen – und damit auch seine Serie öffentlicher Peinlichkeiten.

Währenddessen redet sich Trump um Kopf und Kragen, ausgerechnet, weil er seinen Bonus des Amtsinhabers nutzt und (verstörende) Presseauftritte hinlegt. So warf der US-Präsident etwa öffentlich die Frage auf, ob man Menschen zur Corona-Behandlung nicht Desinfektionsmittel injizieren könnte.

Biden sendet vom Heimkeller aus staatsmännische Botschaften in die Welt, ruft das Land auf, in der (Gesundheits-)Krise zusammenzuhalten und das in den USA tief verwurzelte Problem mit Rassismus gemeinsam zu überwinden. Mit Blick auf die Umtriebigkeit des Präsidenten sagte Biden zuletzt in einem Interview mit dem US-Sender CNN: "Bizarrerweise: Je mehr er da draußen ist, umso mehr schadet er sich." Und zu Trumps obligatorischem Spott, dass er selbst sich daheim verstecke, sagte Biden an anderer Stelle: "Tatsache ist: Es funktioniert bisher ziemlich gut." Trump sei in fast allen Bundesstaaten im Rückstand.

Der Kampf um die Seele Amerikas 

Tatsächlich liegt der Demokrat auf nationaler Ebene seit Wochen kontinuierlich vor Trump. Im US-Umfrage-Durchschnitt kommt er auf mehr als 48 Prozent Zustimmung, Trump auf gut 42 Prozent. Jedoch haben spätestens der Ausgang der Präsidentschaftswahl 2016 und Trumps überraschender Wahlsieg gezeigt, wie begrenzt die Aussagekraft von Umfragen bisweilen ist.

Derweil sorgt Trumps designierter Herausforderer in mehreren Bundesstaaten erwartungsgemäß ordentlich Delegiertenstimmen für seine geplante Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Die Staaten Indiana, Maryland, Montana, New Mexico, Pennsylvania, Rhode Island und South Dakota sowie die US-Hauptstadt Washington hatten am Dienstag Vorwahlen abgehalten. Vorläufigen Ergebnissen von Mittwoch zufolge siegte Biden – als einzig verbliebener Präsidentschaftsbewerber seiner Partei – erwartungsgemäß überall. Seine offizielle Kür als Präsidentschaftskandidat soll bei einem Parteitag im August folgen. 

Im weiteren Rennen um die US-Präsidentschaft dürfte allerdings viel davon abhängen, wie schnell sich die Wirtschaft erholt und wie sich die gesellschaftlichen Unruhen im Land bis zu den Wahlen entwickeln. Ein unberechenbarer Umstand.

Ein weiteres Problem für Biden: Er machte zuletzt wenig Schlagzeilen – und wenn, dann überwiegend negative. Da wäre der Vorwurf eines sexuellen Übergriffes in den 1990er Jahren, was Biden vehement bestreitet und wofür es keine Belege gibt. Vor einigen Tagen handelte er sich Kritik ein, als er im Gespräch mit einem afroamerikanischen Radiomoderator sagte, dieser sei kein echter Schwarzer, wenn er überlegen müsse, ob er ihn oder Trump unterstütze. Beides ungünstig für seine Wahlkampagne.  

Dafür könnte seine zentrale Botschaft, die er seit einem Jahr versucht unter das Wahlvolk zu bringen, zunehmend verfangen: Die Amerikaner müssten für die Hoffnung und gegen die Angst stimmen, für Einheit und gegen Spaltung. "Wir kämpfen um die Seele Amerikas", lautet seit jeher einer seiner zentralen Wahlkampfslogans. Der politische Schlachtruf, der die Wahlen zu einer Richtungsentscheidung machen soll, könnte in diesen Tagen kaum zutreffender sein. 

"Donald Trump hat dieses Land in ein Schlachtfeld verwandelt, das von alter Verbitterung und neuen Ängsten getrieben wird", sagte der Ex-Vizepräsident bei seiner Ansprache in Philadelphia. "Er denkt, Spaltung hilft ihm." Und, da ist er wieder, der Satz: "Wir befinden uns in einer Schlacht um die Seele dieser Nation."

Diese Schlacht hat wohl endgültig begonnen.

Quellen: "Realclear Politics", "Axios", CNN, "Süddeutsche Zeitung", mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP