HOME
Interview

Julian Assanges Vater John Shipton: "Wir vertrauen den Regierungen zu sehr – das ist ein Fehler"

John Shipton, der Vater von Julian Assange, kämpft für die Freiheit seines Sohnes. Wir trafen ihn in London, wo die Auslieferung des Wikileaks-Gründers an die USA verhandelt wird.

Von Dagmar Seeland, stern-Mitarbeiterin in London

John Shipton (l.) sorgt sich um seinen Sohn, den inhaftierten Wikileaks-Gründers Julian Assange

John Shipton (l.), Vater des inhaftierten Wikileaks-Gründers Julian Assange, fordert: "Man muss die Täter verfolgen, nicht die Enthüller."

DPA

Am Montag beginnt in London die Hauptanhörung im Auslieferungsverfahren gegen Julian Assange. Die USA wollen den Wikileaks-Gründer wegen der Veröffentlichung geheimer Dokumente und Verstößen gegen das Anti-Spionage-Gesetz vor Gericht stellen. Seit April 2019 sitzt Assange in Großbritannien im Gefängnis. Zuvor hatte der 48-jährige Australier sich sieben Jahre lang in der ecuadorianischen Botschaft in London verschanzt. Assanges Vater John Shipton fordert die Freilassung seines Sohnes. Der stern hat Shipton in London getroffen.

Herr Shipton, wie geht es Ihrem Sohn im Moment? Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen? 

Ich habe ihn letzte Woche besucht, und werde bald wieder ins Belmarsh Prison fahren. Seine Haftbedingungen sind jetzt besser. Er ist nicht mehr isoliert, sondern auf der Station für Häftlinge mittleren Alters, zusammen mit vierzig weiteren Insassen. Das hat er den anderen Häftlingen zu verdanken: Sie haben bei der Gefängnisleitung Petitionen eingereicht! Ist das nicht großartig? Ich kenne viele Menschenrechtsorganisationen, die weniger Humanität gezeigt haben als diese Insassen im Gefängnis von Belmarsh. 

Was erwarten Sie sich von dem anstehenden Prozess? 

Wissen Sie, ich nehme jeden Tag, wie er kommt. Wer selbst Kinder hat, weiß, wie sehr man für sie kämpft. Die Verfolgung meines Sohnes macht mich als Vater entschlossener. Ich kämpfe dafür, dass sie beendet wird. Das gibt mir täglich die Kraft, weiterzumachen. Manchmal scheitere ich. Aber ich hoffe, dass wir gemeinsam mit der Hilfe und dank der Unterstützung von immer mehr Menschen erfolgreich sein werden. 

Was denkt Julian? Ist er zuversichtlich?

Ich rede mit ihm nicht über den Prozess, wenn ich ihn sehe. Wir sprechen über unsere Kinder und über die Mütter unserer Kinder. Ich erzähle ihm von Freunden, die ich treffe. Von den vielen Orten, die ich besuche und an denen ich auf sein Schicksal und auf das von anderen bedrängten Journalisten auf der Welt aufmerksam mache. 

Sie wohnen zurzeit mit Ihrer kleinen Tochter in London. Hat sie ihren Bruder schon einmal gesehen? 

Einmal – sie war damals erst ein Jahr alt. Da lebte er noch in der ecuadorianischen Botschaft. Wir brachten Sie aus Australien her, damit Julian sie sehen konnte, denn neues Leben bringt auch neue Hoffnung. Und sie ist ein zauberhaftes kleines Mädchen. 

Versteht sie ein wenig, worum es geht?

Immer wenn ich ihr sage, dass ich jetzt zur Arbeit gehe, antwortet sie: Ich will mitkommen. Und wenn ich ohne sie verreisen muss und dann zurückkomme, fragt sie mich: Hast Du meinen Bruder aus dem Gefängnis befreit? Sie stellt sich vor, dass man einfach losgeht, einen Schlüssel ins Schloss steckt und ihn da rausholt. 

Das Medienecho in Großbritannien zum Fall von Julian Assange unterscheidet sich sehr von dem auf dem europäischen Festland. Woran liegt das?

Das liegt sicher an der engen Zusammenarbeit der britischen Staatsanwaltschaft mit dem britischen Außenministerium und den schwedischen Strafverfolgungsbehörden. Zusammen orchestrierten sie diese zehnjährige Verfolgungskampagne, in Großbritannien war sie regelrecht Regierungspolitik. Im Gegensatz dazu gab es meines Wissens keine Regierung in Europa, die eine ähnliche Politik verfolgte. Manche waren neutral, andere halfen uns sogar aktiv. 

Außer Schweden. 

Ja, die schwedischen Strafverfolger und die britische Staatsanwaltschaft verhielten sich fast wie ein und dieselbe Organisation in ihrem regelrecht boshaften Vorgehen, Julian gemeinsam mit Verfahren zu überziehen. 

Als Jeremy Corbyn neulich im Parlament den Fall Julian Assange ansprach und das Auslieferungsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und den USA verurteilte, gab Premierminister Johnson immerhin zu, das Abkommen sei sehr "einseitig". Ein Hoffnungsschimmer?

Es waren zuerst die Europäer, allen voran die Deutschen, die erkannten, wohin dieses Abkommen führen kann: nämlich zu "richterlichen Entführungen“. So langsam verstehen alle, auch hier in Großbritannien, wie schändlich das Abkommen ist. Es könnte dazu führen, dass auch andere Journalisten oder Leute aus der Technologie-Branche an die USA ausgeliefert werden können. Es muss geändert werden. 

Das Abkommen wurde 2003 von Tony Blairs Regierung unterzeichnet. 

Ja, Tony Blair. Der Mann, der das Ende der Souveränität des Vereinigten Königreichs unterschrieben hat, und dafür reich belohnt wurde.

Viele von uns, die Bevölkerung, aber auch wir Journalisten, wurden lange erfolgreich von dem Fall Julian Assange abgelenkt. Wie gelang das?

Wissen Sie, all diese Verleumdungen und Lügen und Manöver in Julians Fall, die Gesetzesbrüche, die Verleugnung von Menschenrechten – der Zweck war es, von den Kriegsverbrechen abzulenken, die da enthüllt worden waren. Die Massenmorde, die Zerstörung von sieben Ländern in zwanzig Jahren, die 1,5 Millionen Todesopfer im Irak, Millionen von Flüchtlingen weltweit – das ist es doch, was uns Wikileaks gezeigt hat. Man muss die Täter verfolgen, nicht die Enthüller. Wir vertrauen zu sehr auf unsere Regierungen, weil wir glauben, wir haben sie selbst gewählt. Es ist ein Fehler, zu sehr zu vertrauen.