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Juden in Deutschland: "Antisemitismus gibt es rechts wie links"

Israel feiert den 60. Jahrestag der Staatsgründung. Aber wie ergeht es jenen, die im Land der Täter, in Deutschland, geblieben sind? Im stern.de-Interview spricht Deidre Berger, Vertreterin des "American Jewish Committee", über Juden als moralische Instanz und über Kritik an Israel.

Frau Berger, der jüdische Publizist Henryk M. Broder hat mal die Geschichte erzählt, wie er sich an einer langen Büfett-Schlange vorbeischiebt und murmelt: "Lassen Sie mich bitte mal vorbei. Meine Mutter war in Auschwitz." Alle traten beiseite. Was lehrt uns das über das deutsch-jüdische Verhältnis?

Ich denke, hier haben die Leute verblüfft seine bemerkenswerte Frechheit honoriert.

Cilly Kugelmann, Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin, sagt: "Bei Juden in Deutschland tun sich trotz aller Normalisierung Fallen auf. Es gibt immer die Versuchung, qua Jude interessant zu sein und die moralische Instanz zu spielen". Sehen Sie sich als moralische Instanz?

Nein. Wenn, dann wird es mir angetragen. Ich denke allerdings , dass überlebende Juden schon ihres Schicksals wegen eine moralische Autorität haben.

Für die Ostdeutschen war Israel jahrzehntelang der "zionistische Satellitenstaat der imperialistisch-kapitalistischen USA" und bedrohte die "sozialistischen arabischen Bruderländer". Antizionismus war offizielle Staatsdoktrin der DDR. Über Nacht, nach der Wende, war Israel plötzlich das Land mit den "besonders befreundeten Beziehungen". Wie schafft man diese Kapriolen im Kopf?

Das weiß ich nicht. Aber Umfragen nach der Wende haben gezeigt, dass der klassische Antisemitismus in der DDR wenig verbreitet war, dafür aber ein vehementer Antizionismus. Seit der Wende haben sich die Zustände in Ost und West stetig angenähert.

Das AJC hat einen zunehmenden Antisemitismus in Deutschland festgestellt. Wo?

Ein quantitativer Anstieg ist schwer festzustellen, aber wir nehmen wahr, dass er sich offener manifestiert. Das ist ein wichtiger Unterschied zu früher. Bei den Rechten war Antisemitismus immer die Grundlage ihrer Ideologie. Bei den Linken heißt das Antizionismus, also die Bekämpfung Israels. Bei den Globalisierungsgegnern heißt das Antikapitalismus, da ist dann eben auch sehr schnell das Stereotyp des jüdischen Kapitals mit im Spiel. Und Antisemitismus aus der arabischen Welt, angeheizt vom iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, macht auch vor Deutschlands Grenzen nicht halt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat neulich gesagt, der Antisemitismus sei nunmehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Haben Sie dafür Beispiele?

In der Mitte der Gesellschaft gibt es immer noch traditionelle antisemitische Stereoptype und darüber hinaus einen sekundären Antisemitismus, beispielweise eine Wut auf Juden wegen des Holocaust oder eine aus dem historischen Zusammenhang gerissene deutsche Opfermentatilität. Dann entzündet sich Antisemitismus immer wieder an der Politik Israels. Nicht, dass man das Land nicht rügen dürfe. Aber es gibt Grenzüberschreitungen, zum Beispiel immer dann, wenn die Israelis mit den Nazis verglichen werden. Dann gibt es seit dem 11. September 2001, als arabische Terroristen in die New Yorker Türme flogen, bis heute die Verschwörungstheorie, dass das ein Werk des israelischen Geheimdienstes Mossad war. Dies aus der Mitte der Gesellschaft, auch der deutschen.

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann meinte kürzlich, genau das Gegenteil sei der Fall. Israel würde von den Deutschen mit ihren moralischen Hemmungen viel zu milde betrachtet.

Was? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Was würden Sie an Israel kritisieren?

Anstatt es zu kritisieren, sollte man eine ehrliche Bestandsaufnahme machen. Das Land ist, trotz aller Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten, seit sechzig Jahren eine verlässliche Demokratie und dies in einer feindlich gesinnten Umgebung. Das ist ein Phänomen. Zum Beispiel gibt es in den israelischen Medien hitzige Debatten über die Korruption der eigenen Politiker. Und Spitzenpolitiker wurden verklagt wegen sexueller Belästigung ihrer Mitarbeiter. Alles undenkbar in den umliegenden arabischen Staaten oder bei der im Gazastreifen regierenden Hamas.

Die Palästinenser feiern in diesen Tagen nicht den Geburtstag Israels, sie trauern. Einerseits mauern die Israelis die Palästinenser ein, andererseits feuern die Palästinenser nahezu stündlich Raketen ins Feindesland. Keine Aussicht auf Frieden?

Doch, sobald die Existenz Israels als Fakt in der Region akzeptiert ist.

Das AJC wurde 1906 von deutschen Juden in Amerika gegründet, um den von Pogromen bedrohten Juden in Russland zu helfen. Heute wird Ihnen Ihre Lobby-Arbeit für Israel manchmal vorgeworfen.

Ich weiß, Lobby hat in Deutschland einen unangenehmen Beigeschmack. Das musste ich erst lernen. Bei uns in Amerika nicht. Bei uns ist es normal, dass Lobbyisten versuchen, ihre Interessen auch in der Politik durchzusetzen. Das tut jede Einwanderergruppe in Amerika. In erster Linie sind wir alle Amerikaner, in zweiter Linie versuchen die Kubaner, die Iren, die Mexikaner, die Polen etc. ihren Heimatländern zu helfen. Und so versuchen auch die amerikanischen Juden, Israel und anderen Juden zu helfen. Unser Hauptanliegen als AJC ist allerdings die Förderung von Demokratie, Menschenrechten und Völkerverständigung insgesamt.

62 Prozent aller Deutschen glauben, dass Israel den Weltfrieden gefährdet, nicht der Iran, der das Land vernichten will und mit einer künftigen Atombombe wedelt. Warum?

Das ist mir ein großes Rätsel. Ich habe keine Antwort. Schon 1951 hieß es in einem internen AJC-Bericht über Deutschland, es gebe ein zunehmend schlechtes Bild von Israel, mit der Tendenz, den Israelis die Schuld dafür zuzuschieben, bis heute.

Sie arbeiten in Berlin auch mit türkischen Organisationen zusammen. Warum?

Weil das AJC immer die Strategie verfolgt hat, sich mit anderen Minderheiten zusammenzutun. Und die Türken sind die größte Minderheit in Deutschland.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan sagte bei seinem Besuch in Deutschland, Assimilation sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Die türkische Zeitung "Hürriyet" schrieb nach dem neuen Zuwanderungsgesetz, wenn Türken 500 Wörter Deutsch lernen müssten, bevor sie nach Deutschland kämen, dann erinnere das "an die Nürnberger Rassegesetze". Sind Sie da nicht zusammengezuckt?

Bei dieser Wortwahl, ja. Jeder Nazi-Vergleich ist daneben. Aber es gibt offensichtlich das Gefühl innerhalb der türkischen Minderheit, dass ihre kulturelle Identität bedroht sei.

Wir sind eher zögerlich, den zugewanderten Antisemitismus der Muslime in Europa zu kritisieren. Warum?

Daran arbeiten wir sehr. Und da sind wir uns auch mit den Berliner türkischen Organisationen einig. Die Türkei war immer traditionell israelfreundlich. Erst seit einigen Jahre steigt dort der Antisemitismus. Antisemitische Literatur wie Hitlers "Mein Kampf" oder "Die Protokolle der Weisen von Zion"haben beispielsweise gute Auflagen.

Zuwandererkinder lernen in hiesigen Schulen alles über die Nazi-Zeit und sollen sich plötzlich mitverantwortlich fühlen für die deutsche Geschichte. Ein türkisches Kind wird sagen: Mein Opa war das nicht. Außerdem war die neutrale Türkei ein Zufluchtsort für Juden in der NS-Zeit. Ein russisches Kind wird sagen: Mein Opa war in der ruhmreichen Roten Armee und hat die Faschisten zerknallt. Ein Ossi-Kind wird sagen: Mein Opa war immer Antifaschist. Nur das kleine westdeutsche Kind sitzt da und denkt: Verdammt! Mein Opa war's. Warum sollten sich Zuwandererkinder mit den monströsen deutschen Verbrechen identifizieren?

Sollen sie doch gar nicht. Es geht nicht um die Identifikation mit Verbrechen, sondern um die Auseinandersetzung damit. Natürlich verläuft diese Auseinandersetzung unterschiedlich. Für Zuwandererkinder bedeutet dies, wenn Deutschland ihre Heimat wird und sie einen deutschen Pass haben, dann werden sie auch Teil dieser Geschichte, und die Geschichte wird ein Teil von ihnen.

Warum sind Sie als amerikanische Jüdin nach Deutschland gekommen?

Aus Neugier und weil ich ein Angebot als Journalistin in Köln hatte. Bei einem Interview war ich sehr beeindruckt von Heinrich Böll, von seiner harschen Kritik an seinem Land – und von seiner tiefen Liebe zu seinem Land. Das hat mir gut gefallen.

Interview: Gerda-Marie Schönfeld