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Julia Timoschenko im stern: "Ich habe gelernt, durch Mauern zu blicken"

Julija Timoschenko ist die prominenteste Gefangene der Ukraine. Im stern erzählt sie exklusiv von ihren Schmerzen, ihrer Sehnsucht und ihrer Wut. Ein bemerkenswertes Interview aus der Haft.

Julija Timoschenko darf nur mit einem Bleistift schreiben. Kugelschreiber und Füller sind nicht erlaubt in ukrainischen Gefängnissen, aus Sicherheitsgründen, der spitzen Minen wegen. Die Zettel, die Timoschenkos Tochter Jewgenija dem stern aus der Zelle ihrer Mutter bringt, sind deshalb dünne, weiße Blätter, eng mit Bleistift beschrieben.

Weltweit versuchen internationale Medien, ein Interview mit der berühmtesten Gefangenen der Ukraine zu führen, bislang vergeblich. Dem stern gewährte Timoschenko jetzt Einblick in ihr Leben hinter Gittern. Viele Male trafen stern -Mitarbeiterin Nina Jeglinski und stern-Reporterin Bettina Sengling Timoschenkos Tochter Jewgenija, ihren Berater Grigorij Nemyria, Timoschenkos Anwalt Sergej Wlassenko, ihre Mitarbeiter und Sprecher in Kiew, um das Interview anzustoßen.

Seit zweieinhalb Jahren verbüßt die ukrainische Oppositionsführerin Timoschenko ihre Haftstrafe von insgesamt sieben Jahren. Am 11. Oktober 2011 hatte sie ein Richter des Bezirksgerichts Pechersk in Kiew wegen "Amtsmissbrauchs" verurteilt, einem besonders dehnbaren Artikel im ukrainischen Strafgesetz. Bereits während des Gerichtsprozesses wurde die charismatische Politikerin am 5. August 2011 inhaftiert. Längst brandmarkte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das Urteil als "willkürlich". Für politisch motiviert, einen Rachefeldzug des Präsidenten Wiktor Janukowitsch halten es europäische Politiker.

Von der Außenwelt quasi isoliert

Vergangene Woche erklärte sich Timoschenkos Tochter Jewgenija bereit, die schriftlichen Fragen des stern mit ins Gefängnis zu nehmen. Sie und Anwalt Sergej Wlassenko sind die einzigen, die regelmäßig Zugang zur Zelle der Politikerin habe. Beide sind offiziell als ihre Verteidiger registriert. Mehrmals wöchentlich fliegt Jewgenija von Kiew in das 480 Kilometer entfernte Charkiw. Ansonsten ist Timoschenko von der Außenwelt quasi isoliert. "Nur wenige Menschen erhalten die Genehmigung, mich zu besuchen", schrieb Timoschenko im Interview. "Janukowitsch beschäftigt moderne Henker. Sie sind hervorragende Psychologen und wissen, wie man einem Menschen Schmerzen zufügt, ihn depressiv macht." Sie habe aber keine Angst vor ihnen.

Timoschenko berichtet im Interview ausführlich über ihre Haftbedingungen in der staatlichen "Klinik des Eisenbahners" in Charkiw, wo sie seit einem Bandscheibenvorfall liegt. Die Behörden bauten für sie extra die neunte Etage des Krankenhauses zu einem Gefängnistrakt um, der mit Gittern, Sicherheitscodes und Wachen wie eine Festung gesichert ist.

Das klingt nach VIP-Behandlung, doch das Gegenteil ist der Fall. Seit zweieinhalb Jahren sei sie nicht mehr an der frischen Luft gewesen, schreibt die Politikerin. "24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche werde ich von mehreren Kameras beobachtet", so Timoschenko. "Die Überwachungstechnik ist nicht sichtbar, aber ich spüre sie." Sie könne sich nicht einmal ungestört waschen. "Diese 'Teleshow' hat große Wirkung auf mich."

"Ich spüre, wie die Sonne in meinem Land aufgeht"

Mit medizinischer Versorgung habe ihr Aufenthalt im Krankenhaus nicht viel zu tun, so Timoschenko. Viele Ärzte hätten ihr Hilfe verweigert, "selbst als ich das Bewusstsein verloren hatte und verprügelt wurde". Wenn sie aus dem Fenster blicke, sehe sie nichts, denn "die Fenster wurden innen und außen mit Farbe beschmiert". Doch sie habe gelernt, "durch zugeklebte Fenster und durch Mauern hindurch zu blicken". Timoschenko: "Heute sehe und spüre ich, wie der Majdan in Kiew dröhnt, wie die Sonne in meinem Land aufgeht."

Ausführlich kommentiert Timoschenko auch die Massenproteste in Kiew und den Anti-Europa-Kurs von Wiktor Janukowitsch. Der Präsident habe das Assoziierungsabkommen mit der EU niemals unterzeichnen wollen, vermutet sie. Die demokratischen Werte der EU seien "nicht kompatibel mit seinem Plan, ewig zu herrschen". Timoschenko fährt fort: "Er hat sich dafür entschieden, dem Klub der Diktatoren beizutreten. Keiner soll dabei stören, dem Land die letzten Ressourcen zu nehmen, die Gefängnisse mit politischen Gefangenen zu füllen und die Herrschaft nach seinem Lebensende an seine Milliardärssöhne weiterzugeben."

"Europa muss sich entscheiden"

Die Europäische Union müsse nun handeln. "Die endlosen Verhandlungen mit Janukowitsch haben überhaupt keinen Sinn." Der Westen müsse Sanktionen verhängen, Einreiseverbote aussprechen und Auslandskonten einfrieren. Timoschenko: "Europa muss sich entscheiden zwischen den europäischen Bestrebungen des ukrainischen Volkes und dem Wohlstand eines korrupten Diktators."

Wenn sie Bilder vom Majdan sieht, sei sie stolz darauf, Ukrainerin zu sein. Selbst hier im Gefängnis könne sie den "Wind der Freiheit einatmen." Timoschenko: "Mit meinen Gedanken, meinem Herzen, jeder Faser meines Körpers bin ich bei all jenen Menschen, die für Freiheit und eine europäische Ukraine einstehen." Sie ist sich sicher, dass die Ukrainer auf dem Majdan siegen werden.

Von Bettina Sengling und Nina Jeglinski, Charkiw / print