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Kamala Harris vs. Mike Pence Hier duellierten sich zwei Vizes, die bloß ihren Chefs folgen. Nicht mehr und nicht weniger

Kamala Harris und Mike Pence während des TV-Duells
Diskussion durch Plexiglaswände: Kamala Harris und Vize-Präsident Mike Pence
© Morry Gash / AFP
Wer hätte das gedacht? In den USA ist doch noch eine inhaltliche politische Debatte möglich. Die Vize-Kandidaten Mike Pence und Kamala Harris blieben allerdings so manche Antwort schuldig.

Als Moderatorin Susan Page am Ende der TV-Debatte der beiden Vize-Kandidaten einen emotionalen Moment erzeugen wollte, war es dafür bereits zu spät. Auf die Frage einer achtjährigen Schülerin, wie denn die Menschen im Land wieder zueinander finden sollen, wenn sich die Politiker immer nur streiten, antworteten Vize-Präsident Mike Pence und seine demokratische Kontrahentin Kamala Harris nach einem 90-minütigen Parforceritt durch die politischen Themen der USA professionell und souverän - jeder auf seine Art, aber eben doch auch distanziert. Pence lobte die "wundervolle Frage", Harris wandte sich direkt an die Schülerin und sagte, dass Kinder wie sie die Zukunft des Landes seien. Doch die Antwort, wie man das Land wieder einen wolle, blieben sie letztlich schuldig - wie so oft in dieser Debatte.

Das Duell in der Universität von Salt Lake City war zuvor mit großer Bedeutung aufgeladen worden. Beide "Running Mates" könnten angesichts des Alters und des Gesundheitszustandes von Donald Trump und Joe Biden früher als geplant gezwungen sein, die Amtsgeschäfte zu übernehmen. Das mache dieses Vize-Duell so wichtig wie kaum eines zuvor. Es war dementsprechend eine der ersten Fragen von Susan Page, ob Pence und Harris mit ihren Chefs schon darüber gesprochen hätten, wie eine solche Übergabe vonstattengehen solle.

Vorteil Kamala Harris, aber kein klarer Sieger

Die Antworten waren beispielhaft für den Abend: wortreich, darauf drängend, dass beide Präsidentschaftskandidaten offen und transparent über ihre Gesundheit informieren würden (was man nach den letzten Tagen bezweifeln darf), um dann schnell auf die (fehlende) Transparenz in Steuerfragen weg zu schwenken. Es war das einzige Mal an diesem Abend, dass Trumps laut Zeitungsrecherchen winzige Steuerzahlungen und seine angeblich immensen Schulden erwähnt wurden. Sowohl Harris als auch Pence vermieden auf diese Weise auch nur den geringsten Hinweis auf eine Schwäche ihrer Kandidaten. Die Botschaft: Es ist eine Wahl zwischen Trump und Biden, nicht zwischen Pence und Harris.

Damit war die Debatte zurück auf dem Boden. Hier duellierten sich zwei Vizes, die ihre Chefs mit aller Macht unterstützen. Nicht mehr und nicht weniger. Harris vermittelte etwas mehr den Teamgedanken, indem sie oft von "wir" und "Joe und ich" sprach, Pence blieb in seiner korrekten Art meist bei "the President". Auf ihre Weise machten beide ihre Punkte. Wenngleich in ersten Umfragen eher Kamala Harris vorne gesehen wurde, war in frühen Reaktionen häufig nicht davon die Rede, dass sie eine klare Siegerin gewesen sei - was das republikanische Lager schon als Erfolg werten dürfte. In dem von der Moderatorin durchgesetzten strengen Korsett von zehn Minuten pro Thema blieb allerdings auch wenig Raum für rhetorisches Geschick.

Corona-Opfer durch "Inkompetenz der Regierung"

Dennoch hatte Harris Gelegenheit, ihre erwarteten Angriffe zu fahren. Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie habe die Trump-Regierung versagt wie keine US-Regierung in einer Krise zuvor. "Das amerikanische Volk hat Opfer bringen müssen wegen der Inkompetenz dieser Regierung", so Harris. Bereits im Januar seien Trump und Pence über die Gefahr durch das Virus informiert gewesen, Hunderttausende hätten gerettet werden können, "aber sie taten nichts". Harris: "Diese Regierung hat das Recht auf eine Wiederwahl verwirkt."

Pence entgegnete, dass Trump als Maßnahme frühzeitig die Einreise von Chinesen in die USA gestoppt habe - Biden habe das ja nicht gewollte, es habe aber viele Leben gerettet. Überhaupt müsse China für die Verbreitung des Coronavirus zur Verantwortung gezogen werden - eine Aussage, die immerhin brisant genug war, damit das chinesische Fernsehen die Übertragung unterbrach. Man begegne der Pandemie mit Innovation statt damit, die Wirtschaft zu ruinieren. Schon bald werde ein Impfstoff bereitstehen. Es sei unverantwortlich, dass Harris und Biden versuchten, das Vertrauen in eine Impfung zu schwächen. Nachgefragt, ob sie sich impfen lassen würde, sagte Harris: "Wenn mir das Vakzin von einem Wissenschaftler empfohlen wird, bin ich die erste, wenn es Trump empfiehlt: nein."

Moderatorin setzt Konzept durch

Und so entwickelte sich ein Austausch von sattsam bekannten Standpunkten, häufig ohne dass die Kontroversen wirklich ausgetragen werden konnten. Diejenige, die am häufigsten die Ausführungen eines anderen unterbrach, war Moderatorin Susan Page. Schon mit ihrer Ermahnung gleich zu Beginn, dass die Zuschauer eine zivilisierte Debatte verdienten, hatte sie die Richtung vorgegeben. Bloß nicht wieder Tiraden aus Beschimpfungen und Vorwürfen wie sie sich Trump und Biden vor einer Woche geliefert hatten. Die Washingtoner Bürochefin der Zeitung "USA Today" setzte das Konzept und sich selbst mit großer Konsequenz durch.

So war zu erfahren, was man schon wusste. Beim Klimaschutz sieht sich die Trump-Regierung auf dem richtigen Weg abseits des Pariser Abkommens, Harris versprach, dem Abkommen wieder beizutreten. Pence warf Harris und Biden vor, durch mehr Klimaschutz Jobs zu vernichten, aber auch durch das Verbot von Fracking und die Erhöhung von Steuern. Harris erwiderte, man werde Fracking nicht verbieten, Steuern für Normalverdiener nicht erhöhen. Jobs habe eher die Trump-Regierung durch den Handelskrieg mit China zerstört - allein im Fertigungsbereich 300.000.

Harris thematisierte die Rassenunruhen nach dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt und versprach eine umfassende Polizeireform, Pence sprach davon, dass man an der Seite der Polizisten stehe und Aufruhr und Plünderungen kein Protest seien. Harris trug vor, dass schon Bürgerkriegs-Präsident Abraham Lincoln die Neu-Besetzung des Supreme Courts aus freien Stücken auf einen Termin nach der Wahl verschoben habe, Pence warf den Demokraten vor, mit der vorgeschlagenen Vergrößerung des obersten US-Gerichts "die Regeln zu verändern". Pence rühmte, dass Trump die Nato dazu gebracht habe, einen größeren Anteil an den Verteidigungsausgaben zu tragen, Harris verurteilte Trump für seine Außenpolitik und die Weigerung, gegen die Einmischung Russlands auf die US-Wahlen vorzugehen, scharf: "Er hat unsere Freunde verraten und sich mit Diktatoren auf der ganzen Welt verbündet."

Was wird aus dem Wahlergebnis?

Doch das alles könnte ohnehin belanglos werden, wenn Donald Trump am Abend des 3. November das vorliegende Wahlergebnis nicht anerkennt. Was werden beide Seiten tun, wenn der Präsident sich weigert, einen friedlichen Übergang der Macht zu ermöglichen? Pence erinnerte an das Impeachment, sprach von massenhaftem Betrug durch Briefwahl, für den er auch diesmal keinen Beleg vorlegte, und davon, dass Biden und Co. die Regeln auf den Kopf stellen wollten. Harris betonte, dass Joe Biden für "die Integrität unserer Demokratie" stehe und flüchtete sich dann in einen engagierten Aufruf: "Bitte wählen Sie! Es liegt an uns, wie der Kurs unseres Landes aussehen wird."

Und so kam es, dass sich die Nation während und kurz nach der Debatte gerne mit einer ganz anderen, eher abseitigen Frage beschäftigte: Wo kam nur diese Fliege her, die sich mitten in der Debatte plötzlich auf den grauen Schopf von Mike Pence gesetzt hatte? Die Antwort blieb offen - wie so manche Frage an diesem Abend.


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