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Kampf um Nadschaf: Al Sadr, der Kaltblütige

Seine Armee werde er niemals auflösen, sagt Schiiten-Prediger al Sadr noch während Teile eben jener Armee abgeführt werden. Der Geistliche hat zwar die Imam-Ali-Moschee aufgegeben - eine Kapitulation aber ist das nicht.

Während seine Milizionäre von irakischen Sicherheitskräften abgeführt werden, stellt der junge Prediger Muktada al Sadr am Freitag seine Kaltblütigkeit unter Beweis. In einem Büro außerhalb des heiligen Bezirks von Nadschaf gibt er ein Interview und spricht vom "nationalen Widerstand" und davon, dass er "die Mahdi-Armee niemals auflösen wird".

Damit will er offensichtlich zeigen, dass seine Entscheidung, die Kämpfer aus der Imam-Ali-Moschee abzuziehen, keine Kapitulation vor der Übermacht der US-Armee und der ihm feindlich gesinnten irakischen Übergangsregierung ist. Auch bedeutet das Ende der Gewalt rund um den heiligen Bezirk von Nadschaf sicher nicht, dass seine Miliz nun im ganzen Land die Waffen niederlegen wird.

Die Iraker sind zwiegespalten was al Sadr angeht

Indem er den Abzug der Kämpfer als einen Schritt verkauft, der in Abstimmung mit den wichtigsten schiitischen Religionsgelehrten des Landes vollzogen wurde, um eine Entweihung der heiligen Stätten durch "Ungläubige" zu verhindern, kann er das Schlachtfeld erhobenen Hauptes verlassen. Doch die Einwohner von Nadschaf sind, wenn es um al Sadr geht, ebenso gespalten wie der Rest der irakischen Bevölkerung.

Während ein Teil die US-Armee und die irakische Übergangsregierung für Gewalt und Chaos in der Pilgerstadt verantwortlich macht, geben andere dem jungen Prediger die Schuld. Aus ihrer Sicht hat al Sadr eine der heiligsten Stätten der Schiiten aus einem Machtkalkül heraus leichtfertig in Gefahr gebracht, das Leben vieler Zivilisten riskiert und die Einwohner von Nadschaf, die vom Pilgerstrom leben, um ihr Einkommen gebracht.

Der Sicherheitsberater der irakischen Regierung, Muwaffak al Rubai, der für die Sadr-Milizionäre wegen seiner USA-freundlichen Haltung ein rotes Tuch ist, meint, es wäre wünschenswert, al Sadr in den politischen Prozess einzubinden. Dann werde seine Bewegung eines Tages wie eine Blase einfach verschwinden.

Doch genau das will der Prediger verhindern. Mit der Begründung, das Land sei immer noch von den Amerikanern besetzt, weigert er sich, seine Bewegung in eine politische Partei umzuwandeln. Damit kann er Sympathien bei den vielen Irakern sammeln, die nichts von der Übergangsregierung halten. Denn diese hat sich auch in der Nadschaf-Krise auf die militärische Macht der US-Armee gestützt.

Anne-Beatrice Clasmann/DPA / DPA