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Al-Sadr-Bewegung Erst Sturm des Regierungsviertels, jetzt der Rückzug – was ist los im Irak?

Al Sadr Kämpfer in der irakischen Hauptstadt Bagdad
Kämpfer des militärischen al-Sadr-Flügels in der irakischen Hauptstadt Bagdad.
© Murtadha Ridha/AP / DPA
Im krisengeplagten Irak liefern sich der einflussreiche Prediger Muktada al Sadr und seine Kontrahenten seit Monaten einen Machtkampf. Jetzt kommt es sogar zu Gefechten im Regierungsviertel, doch der Schiit zieht nun die Notbremse.

Was passiert gerade im Irak?

Am Montag hat der einflussreiche Schiitenführer Muktada al Sadr seinen Rückzug aus der Politik angekündigt. "Ich hatte beschlossen, mich nicht in politische Angelegenheiten einzumischen, aber jetzt kündige ich meinen endgültigen Ruhestand und die Schließung aller Einrichtungen an", teilte er bei Twitter mit und forderte die Auflösung des Parlaments sowie vorgezogene Neuwahlen. Daraufhin begannen Tausende seiner Anhänger, Regierungsgebäude in der Grünen Zone Bagdads zu besetzen, auch das Büro von Ministerpräsident Mustafa al Kasimi wurde gestürmt. Bei den Auseinandersetzungen mit Armee und Polizei kamen mindestens 23 Menschen ums Leben, 380 weitere wurden verletzt. Das Regierungsviertel wurde zudem beschossen, wer dahinter steckt, ist bislang noch unklar. Mittlerweile wird das Regierungsviertel geräumt.

Wer ist Muktada al Sadr?

Der 43-jährige Muktada al Sadr entstammt einer Familie bedeutender Kleriker. Nach dem Einmarsch der US-Armee im Irak 2003 gründete er eine Miliz, die "Mahdi-Armee", und kämpfte jahrelang gegen die US-Besatzung. Immer wieder kam es zu teilweise schweren Gefechten zwischen seinen Truppen und den Irakern. 2007 floh er ins Exil in den Iran. Nach seiner Rückkehr wurde der radikale Schiit etwas pragmatischer; seine Bewegung "Sairun" wurde bei der vergangenen Parlamentswahl 2021 stärkste Kraft. Er selbst hat zwar kein Mandat, übt aber als geistlicher Führer erheblichen Einfluss aus.

Wer regiert gerade im Irak?

Die politische Lage im Irak ist seit Langem instabil. Um alle großen Konfessionen und Ethnien abzubilden, haben die USA eine Proporzregelung eingeführt. Danach ist der Präsident immer ein Kurde (aktuell Barham Salih), der Ministerpräsident ein Schiit (aktuell Mustafa al Kasimi) und der Parlamentspräsident ein Sunnit (aktuell Mohamed al Halbusi). Al Sadr wollte dieses System zunächst ändern, hatte den Versuch aber aufgegeben. Al Sadrs "Sairun"-Bewegung ist zwar Wahlsieger, konnte jedoch nicht die wichtige Zweidrittelmehrheit erreichen, die für die Präsidentenwahl erforderlich ist. Erst mit der Unterstützung des Staatschefs kann eine neue Regierung gebildet werden. Damit entstand eine politische Pattsituation. Im Juni waren al Sadrs Abgeordnete geschlossen zurückgetreten.

Was ist das Problem mit Sunniten und Schiiten?

Die beiden Zweige sind die größten Strömungen im Islam, stehen sich aber zuweilen feindlich gegenüber. Hauptunterschied ist die Auslegung, wer legitimer Nachfolger des Propheten Mohammeds ist. Weltweit sind die Sunniten mit rund 80 Prozent aller Muslime in der Mehrheit. Anders allerdings im Irak und im Iran, wo es mehr Schiiten gibt. Obwohl die Spaltung der islamischen Welt älter ist als das christliche Schisma, sind ernsthafte Konflikte ein eher neues Phänomen, und auch eher ein politisches als ein religiöses. So hatte Iraks früherer Diktator Saddam Hussein, ein Sunnit, die Schiiten im Land verfolgt, weil er fürchtete, dass sie den Iran unterstützen könnten. Auch Geistliche wie al Sadr befürchten, dass die Regierung in Teheran über schiitische Gruppen Einfluss auf den Irak nimmt.

Wer sind die Gegner al Sadrs im Irak?

Die Auseinandersetzungen zwischen Sadr-Anhängern, der irakischen Armee und Anhängern einer rivalisierenden, mit dem Iran verbündeten schiitischen Gruppe flammten am Montag wieder auf. Seit fast einem Monat halten Sadrs Anhänger die Umgebung des irakischen Parlaments in Bagdad besetzt. In der vergangenen Woche blockierten sie kurzzeitig den Zugang zum höchsten Gericht des Landes. Auf Plakaten forderten sie die Auflösung des Parlaments, Neuwahlen sowie den Kampf gegen Korruption. Mit "Druck von der Straße" wollte die al-Sadr-Bewegung eigentlich verhindern, dass ihre politischen Gegner um Ex-Regierungschef Nuri al Maliki, die eine große Nähe zum Iran haben, eine Regierung bilden können. Die Rivalen stellten dann einen eigenen Kandidaten als Premier vor, den al Sadr wegen dessen Nähe zu al Maliki jedoch ablehnt.

Was ist die grüne Zone?

Das ist das rund 1000 Hektar große, hochgesicherte Regierungsviertel in Bagdad, in dem sich auch einige Botschaften befinden. Die Gegend gilt eigentlich als ein vergleichsweise sicherer Zufluchtsort, wegen der Kämpfe aber musste nun die niederländische Botschaft geräumt werden. Al Sadr entschuldigte sich beim "irakischen Volk", das "als einziges von den Vorfällen betroffen" sei. 

Wie wird sich die Situation entwickeln?

Das Auseinanderdriften der irakischen Schiiten beobachten manche mit Sorge. Selbst von einem "Bürgerkrieg unter Schiiten" ist bereits die Rede. Auch weil sich die Demonstrationen der Sadristen auf andere Provinzen ausweiten. Laut Berichten zogen seine Anhänger dabei unter anderem auch in Basra und Dhi Kar im Süden auf die Straße und besetzten Gebäude der Provinzregierungen. Nachdem der Geistliche seine Anhänger aber nun zur Ruhe aufgefordert hat, dürfte sich die Lage fürs Erste entspannen.

Quellen: DPA, AFP, CNN

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