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Meinung

Großbritannien: Neuer Labour-Boss Keir Starmer: Ein Lichtblick in dunklen Zeiten

Der gemäßigte frühere Menschenrechtsanwalt folgt Jeremy Corbyn an der Parteispitze. Er wird Boris Johnson und dessen Claqueure für die katastrophalen Versäumnisse zur Rede stellen – wenn die Zeit wieder dafür reif ist.

Keir Starmer

Ein Lächeln des neuen Labour-Chefs: Keir Starmer vor seinem Haus in London

Es gibt endlich und ausnahmsweise mal gute Nachrichten aus Großbritannien. In all dem Chaos um Brexit und das desaströse Handling der Corona-Krise erscheint die Wahl von Keir Starmer zum neuen Chef der Labour-Party wie ein Lichtblick.

Das machte der gemäßigte Starmer auch gleich in seiner ersten Rede deutlich, in der er sich erfrischend deutlich von jenem Antisemitismus distanzierte, der seinen Vorgänger Jeremy Corbyn (und damit die ganze Partei) seit Jahren umwehte und Labour damit zu spalten drohte. Boris Johnsons deutlicher Sieg bei den Parlamentswahlen im vergangenen Dezember war, das darf man nicht vergessen, vor allem auch der schwachen Opposition mit ihrem dogmatischen Vorsitzenden geschuldet.

Keir Starmer steht für einen Kurs der Mitte

Der Ton wird sich fortan ändern. Denn der ehemalige und hochgeschätzte Menschenrechtsanwalt Starmer steht für einen Kurs der Mitte, der Versöhnung – und genau das braucht die Nation in diesen für alle Briten extrem schweren Zeiten. Er will vorerst nicht die Konfrontation mit der Tory-Regierung suchen, sondern, im Gegenteil, dem politischen Gegner sogar Kooperation anbieten. Das ist klug und vorausschauend. Auf die Bürger kommt in den nächsten Wochen und Monaten eine Krise zu, gegen die der Brexit vergleichsweise harmlos wirkt.

Erst, wenn die – wann immer das sein mag – überstanden ist, wird auch Starmer seinen Modus ändern, seine Wortwahl schärfen und das ansprechen, was angesprochen werden muss: Die gravierende Schuld der regierenden Konservativen an der Aushöhlung des Sozialstaates: Polizei, Feuerwehr und insbesondere Gesundheitssystem, das schon in normalen Zeiten stets am Rand des Kollaps stand.

Der Mann ist mit einem feinen Gefühl für Takt und Timing ausgestattet und nach der trostlosen und von einer verstaubten 70-er-Jahre-Ideologie geprägten Ära unter Corbyn die richtige Antwort der Partei auf andere Ideologen – Boris Johnson und dessen populistische Claqueure. Die werden sich irgendwann rechtfertigen müssen für die katastrophalen Versäumnisse der jüngeren Vergangenheit. Und Starmer könnte derjenige sein, der dann die richtigen Fragen stellt. Er versprach am Samstag eine “neue Ära“. Man darf und kann ihn beim Wort nehmen. Auch das unterscheidet ihn von Boris Johnson.