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Nordkoreas Ex-Chefeinkäufer: Fährt Kim jetzt Rolls-Royce? Falls ja, dieser Mann könnte ihn besorgt haben

Fährt Kim Jong Un jetzt Rolls Royce statt Mercedes? Und falls ja, seit wann hat er den Luxuswagen? Hat ihn Kim Jong Ryul besorgt? Der war einst, bevor er in den Westen geflüchtet ist, Chefeinkäufer für die Kim-Familie.

Von Niels Kruse

Kim Jong Ryul

Kim Jong Ryul: der einstige Getreue der Kim-Familie flüchtete Mitte der 90er in den Westen 

Picture Alliance

Hat er etwa einen neuen Wagen? Einen Rolls-Royce gar? Und falls ja, wo kommt der Luxusschlitten her? Beim jüngsten Besuch von US-Außenminister Mike Pompeo in Nordkorea ist Staatschef Kim Jong Un mit einem Auto vorgefahren, dass ob des Importverbots eigentlich nichts in der verbrämten Atommacht zu suchen hat. Doch wer die kurze Ankunftsszene genau ansieht, erkennt auf den Felgen das markante Doppel-R-Symbol des britischen Nobelherstellers.

US-Medien wie CNN spekulieren nun darüber, ob Kim seine bislang bekannte Staatskarosse (ein Mercedes) gegen dieses Modell getauscht hat, ob es ein Neuwagen ist (der wegen der Sanktionen illegal nach Nordkorea geschafft worden wäre) oder ob es sich vielleicht um ein älteres Modell handelt, das bereits seit einigen Jahren im Besitz der Kims ist. Das wäre vermutlich auch nicht legal nach Pjöngjang geraten – wie der frühere Chefeinkäufer der Diktatorenfamilie vor einigen Jahren in seinem Buch verraten hat.

Lesen Sie die Geschichte des früheren nordkoreanischen Chefeinkäufers Kim Jong Ryul

Der stern hatte damals mit dem Dissidenten gesprochen und seine Geschichte erzählt. Lesen Sie sie hier in der Originalversion von 2010 – Kim Jong Ryul lebt übrigens immer noch.

Es ist nicht nur Verehrung sondern auch staatsbürgerliche Pflicht, dass in Nordkorea Bilder des "Großen Führers" und seines Sohnes, des "Geliebten Führers", einträchtig nebeneinander hängen: In ewiger Jugend lächeln sie in jede Wohnung hinein und dort in jedes Zimmer. Kim Jong Ryul wurde sogar eine besondere Ehre zuteil, um die ihn jeder beneidet: Es gibt Fotos, die ihn zusammen mit den Diktatoren zeigen. Er hat darauf verzichtet, sie aufzuhängen, trotz ihres gottgleichen Status'.

Es ist mehr als 15 Jahre her, dass der frühere Armee-Oberst zuletzt in seiner Pjöngjanger Wohnung war. Dass er seine Tochter gesehen hat, die so stolz gewesen wäre, ihren Vater Seit' an Seit' mit dem Diktatoren-Duo auszustellen. Und dass er dem letzten Befehl eines Regimes gefolgt ist, das, wie er heute sagt, "für sich alles und für das Volk nichts" tue.

18. Oktober 1994, Flughafen Bratislava: Kurz vor seinem Rückflug nach Pjöngjang setzt sich Kim ab. Bleibt einfach im Westen, flüchtet nach Österreich, wo er seitdem illegal lebt, "als U-Boot", wie er sagt. Jetzt, im Jahr 2010, ist der ehemalige Elite-Funktionär 75 Jahre alt und hat ein Buch über sein Leben geschrieben. "Im Dienst des Diktators" heißen seine Memoiren: Auf 207 Seiten erzählt er mit Hilfe der österreichischen Journalisten Ingrid Steiner-Gashi und Dardan Gashi seine Geschichte - die nordkoreanische Version der Legende vom Tellerwäscher zum Millionär. Und eine Abrechnung mit einem Staat, der von einer Handvoll Herrscher als Privateigentum betrachtet wird.

Er kennt nur Arbeit und quälenden Hunger

Kim Jong Ryul, Spross aus einfachsten Verhältnissen, lernt in den ersten zwölf Jahren seines Lebens vor allem zwei Dinge des Lebens kennen: harte Arbeit und quälenden Hunger. Als der Vater aus japanischer Gefangenschaft zurückkehrt, beschließt die Familie, das entbehrungsreiche Landleben aufzugeben und in die Hauptstadt Pjöngjang zu ziehen. Der Junge findet in einer Druckerei einen Job, obwohl er weder lesen noch schreiben kann. Doch die mittlerweile allmächtigen Parteikader lernen schnell die Qualitäten des Hochbegabten zu schätzen. Während des Krieges, der Anfang der 1950er Jahre über das Land hinein bricht, kann er sogar zur Schule gehen, macht Abitur und darf in der DDR studieren: Maschinenbau - eine Ausbildung, die ihm sämtliche Türen in dem stalinistischen Regime öffnen wird.

Zurück in Nordkorea verrichtet er jede ihm aufgetragene Arbeit gewissenhaft und präzise, er ist korrekt und linientreu und vor allem: Er stellt keine Fragen. Nicht, warum er kurz vor seiner Diplomprüfung so plötzlich aus Dresden zurückbeordert wird, und nicht, warum die Menschen in seiner Heimat Not leiden, während die Regierung scheinbar maßlos Panzer und Pistolen produziert. Sein Schweigen qualifiziert Kim für Höheres und führt ihn eines Tages in einen der zahllosen Paläste des Staatsgründers und Präsidenten Kim Il Sung.

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Warum residiert der erste Mann im Staat so protzig?

Was er dort zu sehen bekommt, bringt ihn ins Grübeln: An den Decken hängen Kronleuchter, an den Wänden Seidentapeten, auf teuersten Möbeln kredenzen Bedienstete exotisches Essen. "Warum muss der erste Mann im Staat derartig protzig residieren, während die Bevölkerung hungert?", fragt sich der Ingenieur. Doch Grübelei, das weiß er, kann in Nordkorea der Anfang vom Ende sein. "Jeder Nordkoreaner hat drei Köpfe", schreibt Kim an einer Stelle: "einen für die Partei, einen fürs Überleben und einen für sich."

Seinen eigenen Kopf schaltet der Offizier so gut es geht aus, nicht einmal seiner Frau vertraut er sich an. Diese Loyalität befördert ihn in das "Personenschutzministerium", eine monströse Behörde mit fast 100.000 Beschäftigten, die nichts anderes macht, als der Diktatorenfamilie das Leben zu versüßen: Gärten und Paläste instand halten, Straßen und Gebäude sichern, die Lagerhäuser mit kostbaren und teueren Luxusgüter füllen und, die Aufgabe von Kim Jong Ryul, den präsidialen Fuhrpark pflegen. Hier baut er dem Präsidenten ein Bett in den Mercedes 600 Pullmann ein oder erfüllt ihm den Wunsch nach "absolut geräuschlosem Fahren". Als der Sohn und jetzige Staatschef Kim Jong Il einmal seinen Sportwagen bei einem Unfall zerlegt, muss das Auto innerhalb einer Nacht wieder vollständig repariert werden.

Zu viele Reparaturen im Mercedes-Fuhrpark

Weil die Mercedes-Sammlung des "Großen Führers" unablässig wächst und damit der Reparaturaufwand, wird Kim Jong Ryul direkt in die Fabrik nach Stuttgart geschickt. Das erste Mal geht es für den mittlerweile 40-Jährigen ins Herz des Feindes, ins kapitalistische Ausland. Zusammen mit einer Handvoll weiterer Techniker wird er in die Geheimnisse der Luxuswagen eingeweiht. Weil Kim brav zurückkehrt und mal wieder zur Zufriedenheit aller gearbeitet hat, entsendet ihn der Staat immer häufiger nach Europa.

In Österreich gibt es alles, was es in Nordkorea nicht gibt

Als Einkäufer des Regimes ist vor allem Österreich sein Ziel. Hier hat sich im Laufe der Jahre eine regelrechte Industrie von Kleinunternehmern entwickelt, die den Nordkoreanern so ziemlich alles besorgen, was es im isolierten Land nicht gibt oder geben darf: Werkzeugmaschinen, Sprengstoffdetektoren, Fingerabdrucklesegeräte, Seismographen, Waffentechnik. Aber auch Wasserrohre, Alufenster und Fliesen für die Präsidentengemächer. Nur einmal können sie einen Wunsch Kim Il Sungs nicht erfüllen: den nach einem Raketenrucksack für eine möglichst rasche Flucht.

Im Österreich der 70er und 80er Jahre Shoppen zu gehen, hat zwei Vorteile für die Emissäre aus dem Osten: Zum einen sind die Grenzkontrollen weniger streng als etwa in Deutschland, zum anderen gibt es damals noch das Bankgeheimnis. Das erlaubt den Nordkoreanern Konten in Wien zu eröffnen, damit sie nicht ständig mit Koffern voller Geld um die halbe Welt jetten müssen.

20 Jahre lang ist der Spitzenfunktionär für das totalitäre Regime unterwegs. Nicht alles, aber das meiste, was er in Europa besorgt, ist direkt für die Diktatorenfamilie bestimmt. Und je mehr Luxus er heranschafft, desto weniger kann er die Dekadenz der Staatsführung mit seinem Gewissen vereinbaren. Bis heute ist Kim Jong Ryul überzeugter Marxist. Ein Regime aber, das sich kommunistisch nennt, dabei aber die Not ihrer Bevölkerung außer acht lässt, das sogar die Macht "an den Sohn vererbt, ist diktatorisch und feudal", sagt Kim.

Kim wittert die große Chance zur Flucht

Als am 8. Juli 1994 der "Große Führer" Kim Il Sung stirbt, wickelt sein Chefeinkäufer in Österreich mal wieder Millionendeals ab. Er wittert die große Chance zur Flucht. Heimlich mietet er eine Wohnung bei Linz und verhält sich am Tag seines Verschwindens wie immer, bevor es zurück nach Nordkorea geht: akribisch prüft er Ladung und Abrechung, maßregelt seine Untergebenen, platziert seinen Koffer auf den angestammten Platz im Flugzeug. Nur ein Bündel mit 20.000 Dollar lukt auffällig aus seiner Jackettasche heraus. Der Plan ist, das plötzliche Verschwinden wie einen Raubüberfall aussehen zu lassen - auch, um seine Familie in der Heimat zu schützen. Denn Flüchtlinge gelten als Landesverräter genau wie deren Angehörige. Landesverrat wird mit Arbeitslager bestraft, was meist den sicheren Tod bedeutet.

Kim Jong Ryul rechnet damit, nach zwei, drei Jahren wieder in die Heimat zurückkehren zu können. "Länger habe ich dem wankenden System damals nicht gegeben", sagt er, "doch das war eine Fehlkalkulation." Was aus seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter geworden ist, weiß er nicht. Die ersten Jahre nach seiner Flucht plagte ihn die ständige Angst, von den berüchtigten nordkoreanischen Sonderkommandos aufgespürt und beseitigt zu werden. Auch jetzt, nach Erscheinen seines Buches und einem fürs erste genehmigten Asylantrag, ist diese Angst wieder da.

"Das Regime ist höchststabil"

Mit Hilfe von zwei Satellitenanlagen und fünf Fernsehern versucht der 75-Jährige, auf dem Laufenden zu bleiben. Dass das System - isoliert, verarmt und mal wieder von einer verheerenden Hungersnot geplagt - implodiert, explodiert oder sich sonst wie ändern könnte - daran glaubt Kim Jong Ryun nicht mehr: "Das Regime ist höchststabil, selbst wenn das Volk Staub frisst", sagt der Ex-Oberst. Stattdessen sind jetzt wieder Nachrichten zu hören, die nur wenig Hoffnung machen: Angeblich werden im großen Stil Fotos von Kim Jong Un unters Volk verteilt. Er ist der Sohn des aktuellen Machthabers und sein Nachfolger. Offenbar lächeln bald drei Kims Seit' an Seit' von nordkoreanischen Wänden.